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03.03.2010
Die Vertreibungen von polnischen Juden im Winter 1940 unter der Besetzung sowjetischer Truppen waren Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes 1939. (Bild: AP) Die Vertreibungen von polnischen Juden im Winter 1940 unter der Besetzung sowjetischer Truppen waren Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes 1939. (Bild: AP)

Die angebliche Schuld der Vertriebenen

Historiker diskutieren über Stalins Deportationspolitik vor 70 Jahren

Von Martin Sander

Stalin ließ 1940 massenhaft Bewohner aus den östlichen Landesteilen Polens deportieren - mehrere hunderttausend Menschen wurden in die unwirtlichen Regionen Sibiriens verfrachtet. Nun sorgt ein polnischer Historiker für politischen Zündstoff: Er stellt in einer Studie die These auf, dass es eine besondere Verantwortung der jüdischen Bevölkerung für die Deportationen gegeben habe.

In seinem Buch unter dem Titel "Die sowjetische Wirklichkeit 1939 - 1941 in den Zeugnissen polnischer Juden" stellt Krzysztof Jasiewicz die These auf, die jüdische Bevölkerung Polens sei durch ihre Kollaboration im hohen Maße mitverantwortlich für die polnischen Opfer der sowjetischen Besatzungspolitik gewesen.

Krzysztof Jasiewicz: "Viele Menschen haben Angst, kritisch über bestimmte Aspekte dieser Okkupation zu sprechen, weil sie nicht des Antisemitismus bezichtigt werden wollen. Ein Massenphänomen war zum Beispiel die allgemeine Gleichgültigkeit der Juden gegenüber allem, was mit dem polnischen Staat und den polnischen Menschen geschah. Dazu kommt noch, dass man sehr verdiente Polen bei den sowjetischen Organen anschwärzte. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass diese Besatzung den polnisch-jüdischen Beziehungen sehr geschadet hat."

Krzysztof Jasiewicz hat mit seinen Thesen eine heftige Debatte ausgelöst. Der polnische Publizist Adam Leszczyński nannte Jasiewiczs Buch in der liberalen Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" eine Ansammlung von antisemitischen Klischees in wissenschaftlicher Verpackung.

International führende Historiker wie der Antisemitismus-Experte Antony Polonsky oder der Holocaust-Forscher Yehuda Bauer werfen Jasiewicz vor, er bediene die unter vielen Polen bis heute fest verwurzelte Vorstellung vom Kommunismus als einem jüdischem Phänomen. Etliche Juden hätten in der Tat mit den Sowjets zeitweise sympathisiert, aber nur deshalb, weil sie keine guten Erfahrungen mit dem polnischen Staat in der Zwischenkriegszeit gemacht hätten, vor allem nicht in der zweiten Hälfte der 30er-Jahre, als fast alle polnischen Parteien ein jüdisches Problem postulierten und sich dafür einsetzten, dass Juden das Land verlassen sollten.

Andererseits hätten Juden ebenso unter der sowjetischen Enteignungs- und Deportationspolitik gelitten wie ihre katholischen Nachbarn. Tomasz Szarota, ein Kollege von Jasiewicz an der Polnischen Akademie der Wissenschaften und Experte für Besatzungspolitik im Zweiten Weltkrieg und Vertreibungen, erläutert:

"Die Masse der Juden, die im sogenannten Sztetl verwurzelt war, hatte überhaupt keinen Grund, die Sowjets zu unterstützen. Sie konnten sich sehr bald davon überzeugen, dass die sowjetischen Machthaber ihnen ihre kleinen Geschäfte wegnahmen, dass sie chancenlos im Leben dastanden, ihre Religion in den Synagogen nicht mehr ausüben konnten und so weiter. Es ist eindeutig so, dass diese jüdischen Menschen in der großen Masse das neue System rasch ablehnten. Bezeichnend dafür ist, dass bereits 1939/40 Anträge auf Rückkehr ins nationalsozialistisch besetzte Generalgouvernement vorlagen, weil Juden glaubten, es unter deutscher Herrschaft besser zu haben. Diese Anträge retteten ihnen übrigens das Leben, denn in dem Moment, wo sich Juden für eine Rückkehr auf deutsches Besatzungsgebiet meldeten, wurden sie von den Sowjets nach Sibirien verbannt - und so vor dem Holocaust bewahrt."

Für Krzysztof Jasiewicz sind andere Gesichtspunkte Punkte zentral. Indem er die Kollaboration von polnischen Juden mit den Sowjets herausstellt, erklärt er diese zu einem entscheidenden Motiv für spätere polnische Übergriffe auf ihre jüdischen Nachbarn. Nach dem Einmarsch der Deutschen in dem bis dahin sowjetisch besetzten Osten Polens kam es im Sommer 1941 an zahlreichen Orten zu Pogromen. Jasiewicz sagt:

"Wenn es um die Pogrome des Jahres 1941 geht, so sehe ich da einen Zusammenhang. Egal, ob es sich nun um eine angebliche oder wirkliche Kollaboration der Juden mit den Sowjets gehandelt hat: Sie spielte meiner Meinung nach bei den Pogromen eine entscheidende Rolle."

Ob katholische Polen im Zweiten Weltkrieg ohne deutsche Regie Verbrechen gegen ihre jüdischen Nachbarn begangen haben, war lange Zeit unter polnischen Historikern heftig umstritten. Heute werden diese Verbrechen von keinem seriösen Vertreter des Fachs mehr angezweifelt. Auch nicht von Jasiewicz. Er aber will die Verbrechen der polnischen Katholiken als Antwort auf eine jüdische Kollaboration mit den Sowjets und auf den angeblichen jüdischen Verrat am polnischen Staat erklären.

Darin sehen seine Kritiker eine Verirrung seriöser Wissenschaft in nationale Rechtfertigungsstrategien - wie in Westdeutschland in den 1980er-Jahren, als der Historiker Ernst Nolte mit einer Rechtfertigungsstrategie für den Holocaust den großen Historikerstreit auslöste.


 
 

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