Mit einer eindrucksvollen Großinstallation zum Reizthema Menschenrechte schickt die tschechische Künstlerin Magdalena Jetelová das Publikum auf einen brisanten Parcours durch fünf Räume der Kunsthalle Mannheim.
30 Artikel hat die Charta der Menschen-rechte der Vereinten Nationen, und sie alle werden täglich tausendfach missachtet: durch Folter oder Genitalverstümmelung, Unterdrückung politischer Opposition, Zwangsheiraten oder Todesstrafen.
Endlos ziehen sich Textstreifen mit fluoreszierender Schrift über die Wände des ersten Ausstellungsraums, die davon berichten, wie diese Regeln und Gesetze permanent verletzt werden.
Der dunkle Raum ist in Schwarzlicht getaucht, die leuchtenden Schriftbänder laufen schräg, und der Effekt ist verblüffend. Der Besucher hat das Gefühl, er befinde sich auf schwankendem Boden, und die Flut der Texte beschleunigt diesen Schwindel noch.
Magdalena Jetelová ist eine Frau, die weiß, was sie da macht. Ihre tschechische Heimat hat sie als rechtsleeren Raum erlebt, bevor sie 1985 nach Deutschland kam, und ihre Arbeit ist geprägt davon.
"Selbstverständlich. Man macht nichts anderes als das, was man selber einmal erlebt hat. Trotzdem will ich hoffen, dass hier wird sich jeder auch finden können. Nicht nur ist es meine Biographie, es ist Biographie von jedem Einzelnen."
Der Klang von Kinderstimmen aus dem Lautsprecher zieht uns in den nächsten Raum. Es sind Schulkinder, die lesen lernen, immer wieder unterbrochen vom Gekicher ihrer Kameraden und den barschen Korrekturen des Lehrers.
Schülerin: "1700 Hinrichtungen wurden im Jahr 2008 in China bekannt. Doch die Dunkelziffer liegt Rechtsexperten zufolge weit höher. Manche rechnen mit bis zu 8000 vollzogenen Todesstrafen."
Weiter geht es im Parcours. Im Dunkel des angrenzenden Durchgangs stapeln sich Millionen von DIN A 4-Blättern hüfthoch die Wände entlang. Die Papiere sind bedruckt mit fluoreszierender Leuchtschrift: die 30 Artikel der Menschenrechte, eine strahlende Verheißung.
Doch nichts ist sicher in dieser Schau. Wenn der Besucher - was er tun soll - eines der Blätter in die Hand nimmt, um es beim Weitergehen zu lesen, ist die Schrift unter dem Normallicht des nächsten Raumes plötzlich verschwunden: Das Blatt ist leer.
"In dem Moment passiert etwas, dass man spürt, okay, was hab ich jetzt in Hand, hab ich nichts in Hand. Weil es ist nicht immer der Moment, man ist in so einer Situation, dass man kann sich so sicher fühlen."
Und noch etwas passiert in diesem Raum, an dessen Decke eine nackte Glühbirne hängt.
Was klingt wie Maschinengewehrfeuer, unter dem man unwillkürlich zusammenzuckt, sind die durch einen Bewegungsmelder ausgelösten explosionsartigen Entladungen einer elektrischen Spule, und dass man dabei an Elektrofolter oder Erschießungen denkt, ist kalkulierte Absicht der Künstlerin, die ihre Taktik der Verunsicherung auch im letzten Raum noch einmal an uns testet.
Der Raum ist ringsherum mit riesigen Spiegelfolien bestückt, die beim Nähertreten zu vibrieren beginnen, so dass die Umgebung zusehends in Unschärfe verschwimmt und selbst unser eigenes Ebenbild in Frage gestellt wird.
Es ist eine Schau, die einen buchstäblich aus der Fassung bringt. Magdalena Jetelová, diese Grenzgängerin, führt uns in ihrer präzise durchdachten Inszenierung nicht nur die Fragilität von Rechtssystemen vor Augen, sie macht unsere Wahrnehmungen auch körperlich erfahrbar. Und das gelingt ihr umso eindrucksvoller, als sie dabei gänzlich ohne Filme und Fotos von Folter oder Gräueltaten auskommt. Sie verlässt sich alleine auf die Wirkung der Worte, auf die Strahlkraft der Schrift, sie packt das Publikum mit physikalischen Phänomenen und technischen Tricks und schafft damit ganz klare, starke Bilder.
Natürlich ändert diese Schau keine Gesinnung. Sie ist Appell, Kritik, Bekenntnis und ästhetisches Ereignis und bleibt als solches lange im Gedächtnis. Mehr kann man von guter Kunst eigentlich nicht verlangen.
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