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06.09.2010
Blogger Sascha Lobo findet das verordnete Löschen von Inhalten bei den Öffentlich-rechtlichen sehr bedauerlich. (Bild: Jan Bölsche) Blogger Sascha Lobo findet das verordnete Löschen von Inhalten bei den Öffentlich-rechtlichen sehr bedauerlich. (Bild: Jan Bölsche)

Ist weniger Internet tatsächlich mehr?

Diskussion über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Michael Meyer

Was kann sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk noch leisten, was muss er sich leisten und was ist lediglich "nice-to-have"? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Diskussion von Medienvertretern auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin.

Tausende von Besuchern bestaunen die neuesten technischen Entwicklungen auf der Internationalen Funkausstellung, wie etwa die vielen 3D-Fernseher. Seit einigen Jahren wird die IFA in Berlin begleitet von einem medienpolitischen Kongress, der Medienwoche.

Dort werden die technischen Entwicklungen analysiert und eingeordnet - auch programmliche Fragen stehen auf der Tagesordnung. Am Montag startete die Medienwoche mit einer Debatte über die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der vor allem wegen seiner Internetaktivitäten heftig in der Kritik steht. Doch ist das berechtigt?

"Less is more" - "Weniger ist mehr" hieß das Motto zum Auftakt der Medienwoche - und das bezogen auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dieser steht in den nächsten Jahren vor ganz neuen Herausforderungen - zum einen technologisch - zum anderen aber auch, was die Programme angeht: Was kann man sich noch leisten, was muss man sich leisten, was ist wichtig? Darüber wird nicht nur hierzulande diskutiert, sondern auch in anderen europäischen Ländern wie Österreich, Spanien oder Großbritannien.

Caroline Thomson, sogenannter "Chief Operating Officer" bei der BBC, eine Art Verwaltungsdirektorin, beschrieb das Dilemma via Videokonferenz aus London so: Das Publikum sei zwar der wichtigste Unterstützer der BBC, aber:

"Es ist unrealistisch, zu glauben, dass die Gebühren immer weiter steigen. Über die letzen 30 Jahre sind die Gebühren nur deswegen so stark gestiegen, weil Innovationen wie das Farbfernsehen eingeführt wurden, Digitalradio und -fernsehen und so weiter. Aber in der Praxis erkennen wir, dass die Ressourcen endlich sind, wohingegen die Möglichkeiten und Herausforderungen, wenn sie schon nicht unendlich sind, so doch stark anwachsen. Und da müssen wir entscheiden, was machen wir, was machen wir nicht - und wie setzen wir unser Geld vernünftig ein."

So würde das wohl auch jeder ARD-Intendant unterschreiben - dennoch ist es in den letzten zwölf Monaten zu einer äußerst scharf geführten Debatte gekommen zwischen den Öffentlich-rechtlichen und den Zeitungsverlegern, aber auch den Privatsendern. Der Hauptgrund: Die Zeitungsverleger sehen ARD und ZDF auf ungebremstem Expansionskurs im Internet. Bis Ende August dieses Jahres lief für alle Internetangebote der sogenannte "Drei-Stufen-Test". Dieser soll - gemäß gesetzlicher Grundlage - sicherstellen, dass die Websites der Öffentlich-rechtlichen mit ihren Angeboten im Netz nicht den Markt verzerren.

Ergebnis der bürokratischen und aufwändigen Prüfungen war, dass kürzlich Millionen von Seiten gelöscht wurden - bei manchen Internet-Portalen waren es bis zu 80 Prozent. Dieses "De-Publizieren" vieler Inhalte sei sehr bedauerlich, meint der Blogger und Netzaktivist Sascha Lobo:

"Was die Folge davon ist, dass die digitale Öffentlichkeit […] jetzt beraubt wird, für die ich als Stellvertreter derjenigen die GEZ zahlen, bezahlt habe. Und ich glaube, das ist eine unglückliche Folge eines Missverständnisses, nämlich dass der mangelnde digitale Erfolg im journalistischen Bereich, der Verleger etwas zu tun haben würde mit der digitalen Präsenz von Nachrichten und Informationen der Öffentlich-rechtlichen."

Und in der Tat ist unter den Top Ten der meistbesuchten Websites in Deutschland kein einziges Angebot von ARD und ZDF - die ohnehin werbefrei sind. Einzig tagesschau.de und sportschau.de kommt in den Top 20 vor.

Doch ganz so einfach sei es nicht, hielt Christof Keese vom Axel Springer Verlag dagegen: Der Gesamtumsatz der Verlage mit journalistischen Angeboten im Netz belaufe sich auf 200 Millionen Euro - viel zu wenig, um langfristig davon zu leben. Problem sei nicht, so Keese, dass die Öffentlich-rechtlichen mit Gratis-Angeboten im Netz präsent seien, sondern dass oftmals neue Angebote gestartet wurden, und diese dann erst hinterher gesetzlich legitimiert wurden:

"Also musste der Gesetzgeber etwas absegnen oder versuchen, es in den Griff zu bekommen, was über Jahre so praktiziert wurde. Immer mit der drohenden Warnung: Wenn ihr das nicht genau so absegnet, wie es heute genau stattfindet, dann nehmt ihr dem Publikum was weg. Das richtige Verfahren wäre gewesen, den Auftrag zu besprechen, ins Gesetz zu bringen, zu diskutieren, und dann mit den Maßnahmen am Markt anzufangen. Das wäre das richtige Vorgehen gewesen."

Was genau der Programmauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist, darüber wird derzeit - mal wieder, möchte man hinzufügen - in einer Gruppe von Medienpolitikern der Bundesländer diskutiert. Immer wieder wird als Anforderung die Qualität der Programme dabei herausgehoben - doch sehr viel mehr als das dringt nicht nach draußen.

Marc Jan Eumann, Staatssekretär für Europa und Medien in Nordrhein-Westfalen, meint, dass man den Öffentlich- rechtlichen nur bis zu einem gewissen Punkt vorschreiben dürfe, wofür sie das Geld ausgeben:

"Das ist erstmal eine Frage, die die ARD selbst beantworten muss, wie wollen wir unseren Job organisieren, aber natürlich auch die politisch Verantwortlichen müssen sagen, wie es geht. Das ist der erste Aspekt, der zweite Aspekt ist, dass es lange bei der ARD eine Strategie gab, dass "Mehr" quantitativ interpretiert wird. Ich glaube, dass sich nicht nur bei den Digitalkanälen, sondern auch bei den anderen Kanälen eine Kannibalisierung vollzieht. Ich habe bis heute die Abgrenzung des einen oder anderen Digitalkanals im Vergleich zu den bereits bestehenden Kanälen wie Phoenix oder 3sat nicht ganz verstanden. Und gleichzeitig ist ein wichtiger Auftrag, nämlich wie erreiche ich jüngere Menschen, […], nicht gänzlich gelungen, also da gibt es offensichtlich Nachholbedarf."

Fest steht: Bei den Öffentlich-rechtlichen wird es in den nächsten Jahren keine weitere Programm-Expansion mehr geben, eher ein Abbau von dem, was als "nice to have" angesehen wird, aber nicht überlebenswichtig ist. Ganz besonders unter Druck, zu rationalisieren, sind dabei die kleinen Sender wie Radio Bremen, der Hessische Rundfunk oder der RBB. Dessen Intendantin Dagmar Reim wollte sich nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, sagte aber, dass mit Sicherheit einige Programme in den nächsten Jahren wegfallen werden - nicht nur beim RBB, sondern auch bei anderen Anstalten. Das genauere Fokussieren des Programmauftrags sei dabei zwar wünschenswert, aber allein mit dem rituellen Fordern nach Qualität komme man nicht weiter, so Reim:

"Ja, ich bin auch für Qualität, ich bin allerdings dagegen, dass alle ARD-Programme aussehen wie ARTE. Wenn nämlich alle ARD-Programme aussähen wie ARTE, dann hätten wir sofort eine öffentliche Diskussion: Wieso muss jeder Gebühren zahlen. Sie werden sehen, dass wir, und ich kann nur für die Kollegen in der ARD sprechen, dass wir nicht glauben, die Bäume wüchsen in den Himmel. Es wird weniger werden."

Der Aufschrei wird bei jeder Entscheidung zur Einstellung einer Sendung oder eines Programms groß sein, meint Reim - aber das sei unvermeidlich.

Ob das "Weniger" nun gleich "mehr" ist, bleibt nach dieser Debatte fraglich, wünschenswert wäre eher, so meinten Teilnehmer, dass nicht jede gute Dokumentation in die Nachtzeiten abgeschoben wird, und dass man mutigere Programmformate nicht immer in die digitalen Spartenkanäle abschiebt.


 
 

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