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07.06.2013
Die Auswirkungen des digitalen Wandels: das Thema auf dem Medienforum NRW (Bild: picture alliance / dpa  Foto: Maurizio Gambarini) Die Auswirkungen des digitalen Wandels: das Thema auf dem Medienforum NRW (Bild: picture alliance / dpa Foto: Maurizio Gambarini)

Sehnsucht nach dem Revolutionsgefühl

Der Social-Media-Experte Clay Shirky auf dem Medienforum NRW

Von Max von Malotki

Europa attestiert er eine "minimale Demokratie" und Erdogan den Verlust der Macht über die Medien: Der US-Autor Clay Shirky war mit seinen Analysen der Star auf dem Medienforum NRW.

Und was jetzt? Das ist der heimliche Untertitel jeder Veranstaltung zum Thema "Neue Medien" in den vergangenen Jahren. Egal ob Literaturbetrieb, Musikbusiness oder politisches Geschäft. Alle, die dort hinpilgern, wollen diese Frage beantwortet haben: Und was jetzt? Wie umgehen mit Social Networks von Facebook bis Twitter? Wie umgehen mit der Tatsache, dass alte Geschäftsmodelle nichts mehr taugen? Vor allem: Wie damit umgehen, dass der Konsument und Rezipient so gar nicht mehr brav konsumiert und rezipiert, sondern selber macht und tut. Die amerikanischen Theoretiker haben sich in diesem Bereich seit jeher am leichtfüßigsten bewegt. Und Clay Shirky war deshalb klar der Star der Veranstaltung auf dem Medienforum NRW.

Clay Shirky versucht seit den 90er-Jahren mit einer Mischung aus Witz und ungewöhnlichem Blick auf die Dinge zu inspirieren. "Here Comes Everybody" eines seiner bekanntesten Werke über eben "Everybody", über alle und jeden. Er redet über das, was sein Kollege Jay Rosen "The people formerly known as the audience" nennt. Die Menschen also, die früher die Zuschauer waren, das Ex-Publikum. Und der bis auf den letzten Stuhl gefüllte Saal beim Medienforum lacht bei dieser Bemerkung auch über sich selbst. Wie gerne hätten die anwesenden Medienschaffenden dieses Publikum zurück, das man so gut füttern konnte. Aber die Zeit ist vorbei. Auch in der Politik. Kontrolle war gestern. Aktuelles Beispiel Türkei:

"Früher hatte die Regierung mehr oder weniger komplette Kontrolle über die Medien. Und trotz mächtiger Überwachung, Zensur und Propaganda, die Erdogan jetzt nutzt - das funktioniert nicht mehr. Sobald er hingeht und die protestierenden Menschen mit Schurken vergleicht oder behauptet, sie wären von außen gesteuert. Und die Menschen sehen aber Bilder, die andere Menschen aufgenommen haben, Bilder davon, wie am Taksim-Platz eine Bibliothek aufgebaut wurde - was nicht unbedingt als das Verhalten von Schurken zu bewerten ist. Daran merkt man, dass Erdogan keine uneingeschränkte mediale Macht mehr hat."

Clay Shirky ist einer der großen Motivatoren in diesem Geschäft, einer, nach dessen Vorträgen man sich immer gut fühlt. Alles wird sich ins Positive auflösen. Aber wurde dieses Versprechen in den letzten Jahren wirklich eingelöst? In der Türkei scheinen die Menschen den Staat auszutricksen, der Autorität elegant aus dem Weg zu gehen und sie mit selbstgemachter Berichterstattung zu demaskieren. Die Menschen fotografieren, streamen live, stellen Videos auf Youtube, twittern und verbreiten. Aber es werden auch Menschen verhaftet wegen ihrer Äußerungen in Social Networks. Und es stellt sich immer wieder die Frage: Was bleibt am Ende? Was ist übrig geblieben, zum Beispiel vom arabischen Frühling? Der war ebenfalls angetrieben durch Facebook und Co. Es gab auch dort berühmte Plätze. Damals war es nicht der Taksim-Platz, sondern der Tahrir-Platz in Ägypten. Aber mit der Rückkehr zum politischen Tagesgeschäft sind auch die alten Machtstrukturen zurückgekehrt. Die alten Parteien beginnen wieder, die Fäden zu ziehen. Alles umsonst - oder doch nicht?

"Das ist eine Frage von Graustufen. Wenn man mit dem Anspruch beginnt, dass alles ein demokratisches Paradies hervorbringen muss, dann kann man nur enttäuscht sein. Aber wenn man auf die arabische Welt schaut: Im Jahr 2010 gab es keinen einzigen demokratischen Staat. Jetzt gibt es drei. Und so wenig perfekt der demokratische Prozess vor allem in Ägypten sein mag, die Veränderungen in Ägypten, Tunesien und Libyen sind enorm. Das ist nicht ein Schritt vorwärts, ein Schritt zurück. Das ist zehn Schritte vorwärts, ein Schritt zurück."

Aber reicht uns das? Wir sind süchtig nach eindeutigen Ergebnissen. Bei Massenprotesten oder sogenannten Shitstorms horchen wir auf. Beim grauen Tagesgeschäft schauen wir gelangweilt weg. Wir sehen uns nach dem Revolutionsgefühl. Währenddessen gibt sich Europa aber in Wirklichkeit mit einer minimalen Form der Demokratie zufrieden. Die minimale Demokratie der Krisenlenker Merkel und damals auch Sarkozy. Deutschland und Frankreich als Entscheider. Wenn wir durch die Krise gesteuert sind, kann Europa auch gerne wieder so tun, als sei es ein offenes System. Stimmt, sagt Clay Shirky. Die Frage ist, was wir mit den erarbeiteten Freiräumen anfangen werden. Und wichtig ist, dass wir keine alten Fehler wiederholen.

"Das große Risiko, dem wir jetzt unterliegen - der Vergleich ist jetzt vielleicht ein bisschen drastisch - aber wenn man beispielsweise die neonazistische Partei Chrysi Avgi anschaut, in Griechenland: Das ist ein Echo auf 1933, wo Hass immer einen Feind sucht. Menschen, die lange genug frustriert sind, folgen jedem, der einen Ausweg verspricht. Ich denke, die Frage ist jetzt, ob die Offenheit in den Dienst der Bürger gestellt wird, oder ob sie autokratischen Parteien in die Hände spielt. Die furchtbare Ironie von Merkel und Sarkozy war ja ihre minimale demokratische Einstellung, dass Aktienmärkte wichtiger sind als der Wille der Wähler. Auch das hat Bedingungen erzeugt, unter denen Parteien wie die jetzt in Griechenland groß werden."

Und was jetzt? Da ist sie wieder, die Frage des Pragmatikers. Alles gut und schön mit diesen Graustufen. Aber was heißt das für die Stabilität, die wir brauchen. Was heißt das für unsere Geschäftsmodelle, für die Zukunft?

"Wohin führt das alles? Diese Frage kann man unmöglich beantworten. Tatsächlich habe ich in den Neunzigerjahren eine Menge Zeit investiert, diese Frage zu beantworten: Das hier ist das Internet. Das ist eine tolle Sache. Ich kann sagen, wo das alles hinführt. Und ein paar Sachen habe ich richtig getippt, aber bei ein paar Dingen habe ich mich auch verschätzt. Und was ich festgestellt habe: Die Antwort auf die Frage, wohin führt das alles? Es geht alles überall hin. Das ist kein Übergang von A nach B. Das ist ein Übergang von einzelnen Dingen zu vielen. Was man herausfinden muss: Was passiert heute im Kleinen. Und darum muss man sich jetzt die kleinen, vielleicht dummen Dinge im Internet anschauen. 2006, 2007 waren animierte Bildchen oder eigene Youtube-Videos lächerlich. Heute aber haben selbst Politiker ihre eigenen Kanäle und kommunizieren auf Youtube direkt mit den Wählern."

Und was jetzt? Shirkys Ratschlag lautet: Jetzt ist jetzt. Nehmen Sie es ernst. Auch die Kleinigkeiten. Und sie werden fit für die Zukunft sein. Es klingt wunderbar leichtfüßig, wenn Shirky das sagt.