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12.06.2013
Helmer (Jeroen Willems, l) und sein kranker Vater (Henri Garcin) in einer Filmszene (Bild: Salzgeber & Co. Medien GmbH) Helmer (Jeroen Willems, l) und sein kranker Vater (Henri Garcin) in einer Filmszene (Bild: Salzgeber & Co. Medien GmbH)

Porträt eines Einsamen

Neu im Kino: "Oben ist es still" von Nanouk Leopold

Von Hannelore Heider

Mit "Oben ist es still" schneidet die Regisseurin Nanouk Leopold mehrere Themen subtil an: Alleinsein auf dem Land, Ehelosigkeit der Bauern, Pflege im Alter. Die Geschichte des eigenwilligen Helmer ist dabei förmlich im ausdrucksstarken Gesicht seines Darstellers Jeroen Willems zu lesen.

Die niederländische Regisseurin Nanouk Leopold macht es dem Zuschauer nie leicht. Ihre Helden enthüllen in abgeschlossenen Welten das Geheimnis ihres oft absonderlichen Tuns, wie in ihrem letzten Film "Brownian Movement"", in dem Sandra Hüller als verheiratete Ärztin sehr speziellen Sexualpraktiken nachgeht.

Auch das, was der vielleicht 50-jährige Helmer (Jeroen Willems) in ihrem neuen Film macht, stößt den Zuschauer erst einmal vor den Kopf. In der ersten quälend langen Szene des Filmes schleppt er seinen alten, bewegungsunfähigen Vater die enge Treppe eines Bauernhauses hoch, um das Leiden des mürrischen Bettlägerigen nicht mehr mit ansehen zu müssen. Die beiden Männer leben allein, sie reden kaum miteinander, sie mögen sich sichtlich nicht und Helmer hat auch genug damit zu tun, seinen Hof zu bewirtschaften.

Spannung und Irritationen

Der Fahrer des Milchautos versucht immer wieder, Kontakt mit Helmer aufzunehmen. Die beiden Männer kennen sich oder kannten sich, haben oder hatten vielleicht eine Leidenschaft füreinander. Es liegt eine große Spannung über diesem still erzählten Porträt eines einsamen Bauern. Immer hat man in den Inszenierungen von Nanouk Leopold Zeit, die Geschichten hinter dem oft abstrus erscheinenden Verhalten von Menschen aus den Gesichtern heraus zu lesen.

Dafür müssen sie aber so ausdrucksstark sein wie das von Jeroen Willems und es muss Irritationspunkte geben, wo sich die Phantasie des Zuschauers festhaken kann. Das ist hier zum Beispiel die Anstellung eines jungen Praktikanten (Martijn Lakemeier) als Knecht, der Helmer bei der schweren Arbeit zur Hand geht. Und ungewollt zum Motor wird, für Helmers inneren Aufbruch, der mit dem Abschieben des Vaters nach oben begann.

Neben diesem psychologischem Reiz besticht der Film aber auch durch die genaue Studie eines sozialen Milieus, das im alten Europa immer mehr Menschen betrifft. Einsamkeit auf den Dörfern, die Ehelosigkeit der Bauern, Pflege im Alter sind Themen, mit denen sich dieser Film auf höchst intime und subtile Art befasst.

Niederlande 2013 - Regie: Nanouk Leopold, Darsteller: Jeroen Willems, Henry Garcin, Wim Opbrouck, Martijn Lakemeier, 91 Minuten, ab 12 Jahren

Filmhomepage - "Oben ist es still"