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22.03.2005
Elend erzeugt Fluchtgedanken: Flüchtlinge in Ruanda  (Bild: AP Archiv) Elend erzeugt Fluchtgedanken: Flüchtlinge in Ruanda (Bild: AP Archiv)

Endstation Mittelmeer - oder neue Perspektiven in der alten Heimat?

"Culture Watch" an der Akademie der Künste

Von Barbara Wahlster

Der Sog nach Europa und die gleichzeitige Zurückweisung der Flüchtlinge waren Thema der ersten Veranstaltung von "Culture Watch" in diesem Jahr. Diskutiert wurde darüber, wie der Zirkel aus Elend und zwangsläufiger Flucht durchbrochen werden kann. Die Reihe der Akademie der Künste und des Forums des Goethe-Instituts greift brisante Themen aus Krisen- und Kriegsregionen auf.

Fortschritt nach selbst definierten Zielen und Bedürfnissen wäre eine Alternative. Diesen Weg hat "Adedra", der Verein zur Verbesserung der Entwicklung des Draa-Tales in Marokkos Südwesten eingeschlagen. Rund 300.000 Menschen leben in dem 200 Kilometer langen Oasental am Rande der Wüste in der Provinz Zagora. Ahmed Zainabi gehört zu den Gründern der Organisation:

Bildungsfragen stehen für uns ganz im Vordergrund. Wir kümmern uns auf mehrfache Weise darum: Da gibt es die Ausbildung von Gruppenfähigkeiten, Dinge, die für gemeinsame Entscheidungsprozesse notwendig sind: Beteiligungsverfahren, Selbstorganisation, Konfliktbewältigung und die Unterstützung einzelner Organisationen. Dann gibt es auch rein technisches Know-how, das wir vermitteln: Verwaltungsfragen, Budgetplanung, Rechtliches. Das sind Grundvoraussetzungen, um die Selbstverantwortlichkeit zu stärken. Wie sonst könnte man von einer Entwicklung von Fähigkeiten sprechen? Die erst ermöglichen Unabhängigkeit und Autonomie - zu guter letzt auch die Unabhängigkeit von fremder Hilfe.

Dabei geht es um weit mehr als sozio-kulturelle Spielarten der Kommunikation. Schließlich verschluckt der Sand immer größere Teile der traditionellen Anbauflächen für Dattelpalmen und Henna. Mehr als 10.000 Hektar hat sich die Wüste seit 1990 schon unwiederbringlich zurückgeholt.

Unser Aktionsplan hat zwei wichtige Einsatzfelder: Die Sensibilisierung der Bevölkerung und ein angepasster Umgang mit den Ressourcen. Da geht es darum, die Umwelt zu erhalten und zweitens geht es auch darum, die Existenzgrundlage, die Einkommensmöglichkeiten der Bevölkerung zu erhalten, vor allem die landwirtschaftlichen Flächen, die von der Versandung bedroht sind. Diesen Versandungsprozess gilt es aufzuhalten. Angesichts unserer Möglichkeiten können wir nicht mehr leisten. Größere Gebiete können wir allein nicht schützen. Da ist die Zentralregierung gefragt. Ohne deren Unterstützung und die Hilfe etlicher anderer Partner wäre es sehr schwer, gegen das gesamte Ausmaß dieser Plage anzugehen.

Tatsächlich hängt alles mit allem zusammen - die Alphabetisierungskampagnen für Frauen, die Schaffung von Bibliotheken, die Integration Behinderter und der Bau von Straßen für die entlegenen Dörfer. Schließlich hatte die lokale Bevölkerung unter extrem rückständigen Bedingungen zu leiden - schlechter medizinischer Versorgung oder fehlender Elektrizität - während die Luxushotels den für die Region berühmten Lehmbaustil der Kasbahs für die Touristen imitierten:

Die Formen, die der Tourismus bei uns angenommen hat, sind überaus problematisch. Sie bedrohen unsere natürlichen Ressourcen - etwa die vielen Autosport-Ralleys, wo Tausende von Jeeps den Sand durchpflügen und die Flora zerstören. Dazu gehört auch die Jagd. Beides bedroht unsere Vegetation und unsere Fauna. Finanziell zahlt sich dieser Tourismus auch nicht wirklich aus, da diese Aktivitäten von Unternehmen in Rabat, Casablanca, Marrakesch oder in den europäischen Hauptstädten organisiert werden. Für die lokale Bevölkerung fallen höchstens Krümel ab. So, wie der Tourismus momentan aussieht, trägt er nicht bei zur Verbesserung unserer Lage. Wir haben das als Zivilgesellschaft im Blick und wollen den Tourismus sanfter ausrichten - hin zu mehr Respekt für die Umwelt und mehr Respekt für die lokale Gesellschaft. Deshalb haben wir auch kürzlich einen Führer veröffentlicht, mit dem wir die Touristen auf etwas andere Weise informieren.

Das Buch präsentiert auch eine Bestandsaufnahme gefährdeter prähistorischer Felsgravuren und Malereien und ist als Gemeinschaftsarbeit nach einem Schreibworkshop entstanden. Die Hilfe dazu kam aus Casablanca und aus Rabat. Dass sich Intellektuelle und gut ausgebildete Menschen in die vernachlässigte Provinz begeben und dort ihr Know-how einsetzen, ist eine relativ junge Entwicklung in Marokko. Verantwortung lernen und die zivile Gesellschaft ausbauen, das ist für den Geographen und Landschaftsplaner Ahmed Zainabi "Demokratie von Unten".

Neu ist dabei nicht nur, dass hier alle Beteiligten, das sind Dorfgemeinschaften und Frauenorganisationen, Vereine und Einzelpersonen, mitbestimmen und das eigene Schicksal in die Hand nehmen; die lokalen Verwaltungen spielen mit. Dank der Abmachungen, die mit ausländischen Partnern, Universitäten und Nichtregierungsorganisationen getroffen worden sind. Rund 500.000 Euro investieren sie pro Jahr in die Projekte von "Adedra" - 30 Prozent kommen von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Deutschland. Davon will die Organisation mittelfristig unabhängig werden, und jetzt schon sieht Ahmed Zainabi ganz optimistisch die positiven Auswirkungen.

Seit 1996 hat die Arbeit von "Adedra" und der verschiedenen Dorfvereinigungen immense Fortschritte gemacht - z.B. hinsichtlich des Erhalts der landwirtschaftlichen Flächen. Die Lebensbedingungen in den Dörfern haben sich aus eigener Aktivität extrem verbessert, was Ernährung, Trinkwasserversorgung, Elektrifizierung angeht oder den Bau von Schulen und die Einrichtung von Sonnenkollektoren - nicht zu vergessen die Einkommen fördernden Maßnahmen. Das alles hat zu einer großen Stabilisierung beigetragen. Und zwar obwohl wir zwischen 1996 und 2001 eine andauernde Dürrezeit zu überstehen hatten. Ohne Einsatz der lokalen Vereinigungen und Akteure könnte man sich riesige Emigrantenzahlen in die großen Städte oder ins Ausland vorstellen. Bis jetzt aber ist das Draa-Tal die am wenigsten von dieser Art Emigration betroffene Gegend. Die Zahlen sprechen für sich, denn es gibt sogar Rückkehrer. 1986 hatten wir 2900 Emigranten aus unserer Region, die nach Europa aufgebrochen sind. Die letzten Erhebungen von 2001 sprechen von 2500 Menschen, das heißt 400 Personen weniger plus die Rückkehrer. Ich bin überzeugt, der Einsatz hat sowohl sozial als auch ökonomisch zu einer Stabilisierung geführt, die die Bevölkerung bleiben lässt.

Service:

Aus dem Programm der Veranstaltung:

"Tarifa Traffic - Tod in Gibraltar" - Film von Joakim Demmer
Lesung aus der Reportage "Im Wald von Missnara" von Paulo Moura
Präsentation der Arbeit des "Vereins zur Entwicklung des Draa-Tals" im Rahmen des Synergie Civique-Netzwerks in Marokko durch Ahmed Zainabi.
Diskussion mit Paulo Moura, Journalist, Lissabon; Ahmed Zainabi, Geograph, Zagora/Marokko; Stefan Mair, Berlin

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