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28.10.2005
Deutsche Guggenheim Aussenansicht, Berlin-Mitte (Bild: David Heald, Solomon R. Guggenheim Foundation / Deutsche Guggenheim Berlin) Deutsche Guggenheim Aussenansicht, Berlin-Mitte (Bild: David Heald, Solomon R. Guggenheim Foundation / Deutsche Guggenheim Berlin)

Heuschrecken und Totenschädel

Installation von William Kentridge in der Deutschen Guggenheim Berlin

Von Barbara Wiegand

Mit Filmen aus animierten Kohle- und Pastellzeichnungen gelang William Kentridge in den neunziger Jahren der internationale Durchbruch. Für das Museum Deutsche Guggenheim in Berlin hat der Südafrikaner jetzt eine neue Installation zum Thema Kolonialismus geschaffen, eine multimediale Mixtur aus mechanischem Theater und Cartoon.

An den Wänden des Deutschen Guggenheim Museums hängen Zeichnungen, in Vitrinen stehen surreal anmutende Skulpturen. Und mitten im Raum hat William Kentridge eine Bühne aufgebaut. Gerade groß genug für schablonenhafte Figuren und kinetische Objekte.

Den ersten Auftritt in diesem mechanischen Theater hat ein Wesen mit Beinen, dünn wie Stäbe und einer Flüstertüte anstelle des Kopfes. Dass, was es hinausposaunt bleibt unhörbar. Auf einem vor dem Bauch getragenen Plakat kündigt es stattdessen "Trauerarbeit" an. Dann hebt sich der Vorhang - das Spiel beginnt.

An den Seiten sind Wände so gestellt, dass eine Tunnelperspektive entsteht. Hinten auf der Bühne laufen Filmszenen aus animierten Kohle und Pastellzeichnungen. Es ist eine multimediale Inszenierung, bevölkert von Zirkeln, die per Zeichentrick zu langbeinigen, über das Land herfallenden Insekten mutieren und Tauben, die zu garstigen Adlern werden.

Einmal mehr beschäftigt sich der Südafrikaner William Kentridge mit der Geschichte Afrikas. Speziell mit der Rolle der deutschen Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Und dort mit dem Massaker an den Hereros im Jahr 1904, dem 75 Prozent des Stammes zum Opfer fielen.

So bezieht sich der Titel der Arbeit - Black Box - nicht nur auf die als Chambre Noir inszenierte Bühne:

Ja, der Titel Black Box hat mehrere Bedeutungen: Erstens der Bühnenraum eines Theaters, zweitens das Innere eines Fotoapparates und drittens die Black Box aus einem Flugzeug, von der vor allem nach einem Absturz die Rede ist, weil die Rekorder in dieser Black Box die Katastrophe aufgezeichnet haben. So ist meine Arbeit auch als eine Art Spurensicherung zu verstehen, was das Desaster in Namibia betrifft.

Bedrückend beeindruckend ist diese Installation und immer wieder brutal traurig, still und trostlos. Wenn zwei Täter ihr Opfer förmlich zerschlagen, um es dann wieder aufzurichten und wieder ihre Knüppel niedersausen zu lassen. Wenn der Berg, der zum Symbol des verzweifelten Widerstands der Hereros gegenüber den Deutschen wurde, sich zum Totenkopf verformt, dann zur Weltkugel und schließlich im stummen Schrei zerspringt. Wenn eine Frau mit traditioneller Kopfbedeckung auf einem unendlich lang erscheinenden Weg ihren Körper weinend hin und her wiegt. So haben die animierten Zeichnungen des William Kentridge kaum etwas vom heiteren Trickfilm.

Das trifft nicht auf diese Arbeit zu, aber sonst habe ich schon oft gedacht, ich mache lustige Filme. Aber das Publikum fand das meistens gar nicht witzig. Und diese Inszenierung ist zwar keine Komödie, aber eigentlich wollte ich den Leuten mit meinen Figuren und Zeichnungen auch eine Freude bereiten.

Wenn ich ein neues Werk schaffe, denke ich eigentlich nie darüber nach, was ich für Gefühle damit auslöse. Während der Arbeit beschäftigen mich eher einzelne Aspekte: wie passen die Bilder zusammen, was bewirkt die Musik in dieser Szene. Also, auf diese technischen Details achte ich. Und ich kann ihnen nicht sagen, ob es traurig ist, oder schockierend. Welche Emotionen die Zuschauer haben, dass bleibt ganz ihnen überlassen.


Immer wieder bezieht sich Kentridge in seiner Installation direkt auf diese deutsche Geschichte in Afrika - endlose Totenlisten werden auf die Bühnenwände projiziert, die Knochen der Opfer vermessen - so wie es damals im Namen der Forschung wirklich geschah. Dennoch erzählt er die Geschichte dieser Kolonialisierung nicht eins zu eins, sondern reiht Metaphern aneinander. Metaphern, die sich auch auf Kentridges eigene Vergangenheit beziehen. 1955 in Johannesburg als Sohn eines jüdischen Anwalts geboren, wuchs er auf in Zeiten der Rassentrennung.

Das hat viel zu tun mit Verantwortung und Schuld. Zwei unterschiedliche Dinge. Und damit gibt es natürlich einen Zusammenhang mit meiner persönlichen Geschichte. Ich bin aufgewachsen zu Zeiten der Apartheid als privilegiertes weißes Kind in Südafrika und für mich stellte sich die Frage: Soll ich bleiben, oder gehen? Ich habe mich entschieden zu bleiben und es nie bereut. Aber dennoch bleiben die Zweifel, ob man genug getan hat, sich genug engagiert hat oder ob es völlig ausreichend war.

Aber auch der Betrachter kann diese Mischung aus furchtbar fantastischem Puppenspiel und tiefernstem Cartoon vielseitig deuten und sie auf die Gegenwart beziehen. Er kann die Landnahme der Heuschrecken, die Menschen, die zu Maschinen werden, als Symbole für die leider wohl zeitlose, gnadenlos globale Ausbeutung der Bodenschätze betrachten. Mord und Totschlag inbegriffen.

Die Fragen, die sich mit dem Blick auf die Kolonialisierung stellen, die Zusammenhänge zwischen Aufklärung, Macht und Gewalt, das unterscheidet sich alles gar nicht so von der heutigen Situation. Das gilt für das Verhältnis von Europa und Afrika genauso wie für die USA und den Irak. Egal um was es geht bei einer solchen Mission, ob man den Menschen Wissen, Frieden oder Freiheit bringen will, die Gewalt, die diese Mission begleitet, überschattet und zerstört alles. Das galt Gestern und das gilt heute - und das ist es, was mich bei meiner Annäherung an die Vergangenheit interessiert.

Diese Annäherung an die Vergangenheit hinterlässt bei William Kentridge unauslöschliche Spuren. Er zeigt das, indem er auf seinen später animierten Zeichnungen bewusst Spuren des Ausradierens stehen lässt. So ist das, was gestern geschah, auf dieser Bühne im Museum Deutsche Guggenheim auch heute präsent. Und die zu Beginn des Stückes angekündigte Trauerarbeit lässt einen noch lange nicht los, nachdem man dieses faszinierende Theater verlassen hat.


 
 

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