Die "transmediale" ist das größte Medienkunstfestival in Deutschland. Es ist eine Bündelung verschiedenster Präsentationsarten von Video- und Medienkunst: Zentrale Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erhält immer die Ausstellung, die in diesem Jahr unter der Überschrift "smile machines" steht.
Am Morgen wurde in der Lounge noch wild geschraubt. Junge Menschen in Kapuzenpullis tauschten Kommandos aus, warfen sich Werkzeuge zu. Kuriertaschen landeten achtlos in der Ecke, nachdem ihre Besitzer den kostbaren Inhalt sorgsam vor sich aufgebaut hatten: Laptops, auf deren Rückseite ein weißes Äpfelchen leuchtet.
Akkuschrauber und Powerbook sind bei der Transmediale unzertrennlich, genau diese Mischung aus Bastelei und High Tech macht den Charme des Festivals aus.
Die Gruppe "Platonique" aus Barcelona hat ihre selbstgebaute "Burnstation" mitgebracht, mit der man kostenlos und überall Musik kopieren kann. Medienaktivisten aus Madrid werden in den kommenden Tagen in Zusammenarbeit mit Migranten ein Computerspiel entwickeln, das deren Lebenswirklichkeit widerspiegeln soll. Das Spektrum der Arbeiten ist breit, aber alles hat irgendwie mit "Reality Addicts" zu tun, also mit "Realitätssüchten", dem diesjährigen Motto des Festivals, meint jedenfalls der künstlerische Leiter der Transmediale, Andreas Broeckmann:
"'Reality Addicts'. Wir suchen nach künstlerischen Arbeiten, die wegkommen von einer rein medialen Brille, durch die sie auf die Welt gucken. Künstler, die wegwollen vom Bildschirm, von medialen Interfaces, die sich mit der Realität direkt auseinandersetzen, die in die Bildschirme hineinhacken, durch die Bildschirme hindurch brechen."
Längst sei das Vertrauen in die Technik gebrochen, meint Broeckmann, und deshalb gingen auch die Künstler viel kritischer mit diesen Technologien um. Ein Beleg für seine These ist der Videofilm von Stefan Panhans, der sich ironisch mit den Schwierigkeiten beim Kauf eines Druckers auseinandersetzt.
Und in der Transmediale-Konferenz werden Pioniere der Medienkunst wie Norman White über "Mistakology", also die Fehleranfälligkeit moderner Technologien sprechen. Wie in den vergangenen Jahren nimmt sich das Festival medien- und gesellschaftskritischer Themen an. Medienaktivisten konterkarieren die Überwachung des öffentlichen Raums oder spielen mit der Überlappung von Fiktion und Wahrheit. Das Augenzwinkern, ohne das es bei der Veranstaltung nicht geht, wird in diesem Jahr sogar zum Thema der Ausstellung, nämlich "Smile Machines":
Um das Lächeln und nicht um das Lachen gehe es bei "Smile Machines", betont die Kuratorin Anne-Marie Duguet.
"Wir leben in einer Gesellschaft, die auf einem aufgesetzten Lustprinzip basiert. Man erwartet von uns glücklich zu sein. Der Ansatz der Ausstellung besteht darin, die Distanz, die notwendig ist, um Kritik zu üben, mit der Freude zu verbinden, die man auch braucht, um die Kritik ein bisschen effizient zu gestalten - es ist also ein humorvoller Ansatz."
"Smile Machines" zeigt Werke aus den letzten drei Jahrzehnten zum Thema Kunst, Humor und Technologie. Direkt hinter dem Eingang ist eine kleine Vitrine aufgestellt, unter der sich George Maciunas' gleichnamige Lächel-Maschine befindet - eine simple Spangenkonstruktion, die, einmal in den Mund gesteckt, das Gesicht zu einer grinsenden Fratze entstellt. Direkt gegenüber Christian Möllers Video-Installation "Cheese", bei der eine spezielle Computersoftware die Lächelfähigkeit ihres Benutzers misst.
Anne-Marie Duguet ist es gelungen, zwischen den Kunstwerken Bezüge und Spannungen herzustellen. Die meisten Installationen sind nur durch netzartige Vorhänge voneinander getrennt, die Besucher "diffundieren" quasi durch die Räume. Gestört werden sie dabei von zwei Robotern, der eine sprechend, der andere beweglich, die mit Befehlen und gespielter Hilflosigkeit nerven.
In einem verspiegelten Kubus überreizt Antoni Muntadas den Betrachter mit sich gegenseitig ausspielenden Werbeslogans.
Maurice Benayouns "Emotion Vending Machine" zeigt Emotionen der Welt so an, wie sie zum jeweiligen Zeitpunkt im Web präsent sind. Wer will, kann sich seinen persönlichen Stimmungs"cocktail" dann per USB-Stick mit nach Hause nehmen.
Doch nicht alles bei der Transmediale ist mit einem ironischen Unterton belegt. Das zeigen die über 1000 Einreichungen vor allem im Film- und Videoprogramm des Festivals. Besonders stark vertreten sind in diesem Jahr Beiträge aus Südamerika und den arabischen Ländern, etwa dem Iran. Zu sehen sind sie in der "Lounge", dem Treffpunkt des Festivals.
Ein anderer Treffpunkt ist die "Maria am Ostbahnhof". Fast am anderen Ende der Stadt wird die Ansammlung von äußerst jungen, hippen und kreativen Menschen ungleich dichter sein als in der Akademie der Künste. Im Club Transmediale, dem Festival für experimentelle Musik, stehen diejenigen Macher im Vordergrund, die über Jahrzehnte hinweg fernab vom Zeitgeist ihren eigenen Weg verfolgt haben. Keine schicken Nerds also, sondern echte.
Service: transmediale.06 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg in Berlin. Ausstellung "Smile Machines" vom 3. Februar bis 19. März. Club Transmediale im Club "Maria am Ostbahnhof" vom 3. bis 11. Februar ab 19:30 Uhr
Mehr zur Sendung:
Externe Links:
Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau - Aus den Feuilletons 10.02.2012
Sendezeit: 10.02.2012, 23:53
Stuttgarter Staatsgalerie: Turner - Monet - Twombly. Later Paintings
Sendezeit: 10.02.2012, 23:46
Stuttgart: UA "Das Fräulein von S." Ballett nach Novelle E.T.A. Hoffmanns
Sendezeit: 10.02.2012, 23:39
dradio-Recorder
im Beta-Test: