In Bremen ist die erste deutsche Jazzmesse "Jazzahead" zu Ende gegangen, ein Branchentreffen mit 80 verschiedenen Ausstellern, einer Konferenz und einem ansehnlichen Konzertprogramm. Neben Jazz-Superstars wie John Scofield waren es vor allem die jungen deutschen Talente, die hier eine Plattform geboten bekamen.
Mit einem Superstar der Jazzszene, mit dem Gitarristen John Scofield und seiner Interpretation von Ray Charles-Klassikern, hat die jazzahead ein würdiges Ende gefunden. Es war allerdings ein gänzlich untypischer Abschluss für eine Veranstaltung, bei der das Ursprungsland des Jazz so wenig vertreten war, wie sonst wohl auf keinem anderen Jazztreffen. Einer der Hauptakteure der Konferenz von jazzahead - der britische Journalist Stuart Nicholson - geht sogar soweit zu behaupten, dass der Jazz eigentlich nur noch außerhalb der USA wirklich lebendig sei.
"Wenn man die Geschichte des Jazz verfolgt, dann stellt man fest, dass sie immer ausschließlich in den USA stattfindet. Dabei hat diese Musik ihr Heimatland mit Beginn des 20. Jahrhunderts verlassen. Musik kennt keine Grenzen und daher wird der Jazz seit seiner Geburt in anderen Ländern imitiert. Und heute gibt es sehr viele Musiker, die sowohl hervorragend Jazz im vorherrschenden US- Stil, als auch in ihrer eigenen Variante, mit Einflüssen aus der Klassik und der eigenen Folklore, spielen. Bobo Stenson, der am Freitag hier gespielt hat, ist so ein Beispiel."
Der schwedische Pianist Bobo Stenson gehört zu jenen skandinavischen Musikern, die seit Jahren der europäischen Jazzszene wichtige Impulse liefern. Aber nicht von ungefähr veröffentlicht er, wie so viele andere nordische Künstler, seine Platten bei der Münchner Firma ECM. Deren Chef und Produzent Manfred Eicher wurde mit dem "Jazzahead Award" ausgezeichnet, dotiert mit 15.000 Euro, weil ihm mit seiner Arbeit der Brückenschlag zwischen dem Heimatland des Jazz und den neuen wie alten Strömungen Europas vorbildlich gelingt. Obwohl etwa mit "enja" und "act" noch andere große Plattenlabels aus Deutschland kommen, hat der Jazz made in Germany international immer noch einen schweren Stand. Der Initiator Hans Peter Schneider, er ist auch der Geschäftsführer der gesamten Bremer Messe, will das ändern.
"Wie stellen fest, dass die deutschen Musiker in Deutschland nicht so gehypt sind wie Norweger in Norwegen. Und wir glauben, dass wir mit der Szene vom klassischen Jazz bis zur Avantgarde alles zu bieten haben. Das ist den Leuten nicht klar, welche hervorragenden Leute die deutsche Szene hervorbringt."
Dementsprechend stand das "German Jazz Meeting" im Mittelpunkt der Messe in Bremen. 14 deutsche Bands hatten die Gelegenheit sich zu präsentieren, jeweils mit einem kurzen Auftritt von 20 Minuten. Das Schaulaufen der Besten nationalen Musiker hat in anderen Ländern schon lange Tradition, wie der Initiator der Meetings, Rainer Michalke, erläutert.
"Die Idee zum Meeting hatten wir schon vor Jahren. Wir treffen uns bei allen möglichen Veranstaltungen im Ausland, wo Kollegen öffentliche Gelder haben, um die eigenen Szenen einem ausländischen Fachpublikum zu präsentieren. Hier haben wir jetzt die Möglichkeit uns wichtig zu nehmen und den Raum einzunehmen, den wir kulturell auch wirklich haben."
Die Gruppe um die Berliner Sängerin Lisa Bassenge gehörte zu jenen 14 Bands, die sich beim German Jazz Meeting einem Fachpublikum aus internationalen Festivalveranstaltern vorgestellt hat - noch nie hat man dabei in so kurzer Zeit einen so treffenden Einblick in die deutsche Szene bekommen, was nach anfänglichen Zweifel auch die betroffenen Musiker zu schätzen wissen. Der Pianist Nicolai Thärinchen:
"Die Deutschen sind gut darin zu importieren. Wenn man hier auf ein Festival geht, dann sieht man wirklich Jazz aus der ganzen Welt. Aber umgekehrt sollten wir auch mehr exportieren. Ich würde mich sehr freuen, mehr im Ausland zu spielen."
Nicht mehr bloß Autos und Bier, nein, Deutschland braucht einen neuen Exportschlager, warum nicht einmal Jazz? Tatsächlich wurde das German Jazz Meeting von den Beteiligten als voller Erfolg gewertet - die Kurzkonzerte waren immer komplett voll und einige der Musiker wurden tatsächlich direkt im Anschluss von ausländischen Festivals gebucht.
Auch die anderen Veranstaltungen der Messe, z.B. die Konferenz, bei der etwa diskutierte wurde, wie heutzutage Jazzproduzenten arbeiten, welche rechtliche Situation ein Musiker vorfindet oder wie und warum sich Sponsoren in dieser Nische engagieren, waren rege besucht.
Nur eines macht dem englischen Jazzkritiker Stuart Nicholson auch für die Situation des Jazz in Europa Sorge, dass nämlich bei aller Fürsorge aus Wirtschaft und öffentlichen Mitteln der Jazz eine alte Musik geworden ist.
"Ich befürchte, dass der Jazz seine Bindung an zeitgenössische Urbanität verloren hat, den Kontakt zur Straße. Es ist eine Musik der Akademie geworden und kann nur noch da überleben. Viele der Bands, die mit einem jungen Publikum kommunizieren, wie etwa die Supergruppe des europäischen Jazz, das Trio von Esbjörn Svensson, vermeiden dabei das Wort Jazz."
Mehr zur Sendung:
Externe Links:
Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau - Aus den Feuilletons 10.02.2012
Sendezeit: 10.02.2012, 23:53
Stuttgarter Staatsgalerie: Turner - Monet - Twombly. Later Paintings
Sendezeit: 10.02.2012, 23:46
Stuttgart: UA "Das Fräulein von S." Ballett nach Novelle E.T.A. Hoffmanns
Sendezeit: 10.02.2012, 23:39
dradio-Recorder
im Beta-Test: