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20.10.2006
Franz Kafka (Bild: AP) Franz Kafka (Bild: AP)

"Die Bezeichnung Katastrophe finde ich ein bisschen übertrieben"

DFG-Programmdirektor Wiemer zur Entscheidung, eine Kafka-Edition nicht zu fördern

Moderation: Sigrid Brinkmann

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat Anfang Oktober einen Antrag auf Förderung der seit 1995 erscheinenden, von den Germanisten Roland Reuß und Peter Staengle verantworteten Faksimile-Edition der Schriften Franz Kafkas abgelehnt. Die Entscheidung löste weltweiten Protest aus. DFG-Programmdirektor Thomas Wiemer erläutert die Gründe für die Ablehnung.

Auszug aus dem Gespräch:

Sigrid Brinkmann: Dass Wissenschaftler Drittmitteln einwerben, um bestimmte Projekte zu finanzieren, gehört mittlerweile zum Alltag an Forschungseinrichtungen. Anträge für Fördergeldern bei Institutionen, die sich der Unterstützung von Wissenschaft und Kultur widmen, werden entweder positiv beschieden oder abgelehnt. Man nimmt es zur Kenntnis und sucht nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten - normalerweise. Heute wurde bekannt, dass rund 250 Wissenschaftler, Autoren, Verleger und Publizisten einen offenen Brief an den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft geschrieben haben. Der Grund: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat sich dagegen entschieden, eine historisch-kritische Faksimile-Ausgabe von Franz Kafkas Werken zu fördern. Fünf Bände sind in den vergangenen zehn Jahren bereits erschinen, im Frankfurter Verlag Stroemfeld Roter Stern Dr. Thomas Wiemer ist Programmdirektor bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft und hat diesen Prozess der Entscheidungsfindung in den Gremien der DFG betreut. Mit ihm wollen wir jetzt über das Besondere dieses Falls reden und das doch komplizierte Procedere hinter den Förder-Verfahren. Guten Abend, Herr Wiemer.

Thomas Wiemer: Ja, schönen guten Abend.

Brinkmann: In dem offenen Brief heißt es: "Es wäre eine wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Katastrophe, wenn es bei der ablehnenden Entscheidung der DFG bliebe". Wie sehen Sie das?

Wiemer: Ich finde die Bezeichnung ein bisschen übertrieben - also Katastrophen, darunter stelle ich mir eigentlich etwas anderes vor. Ich kann natürlich verstehen, dass diejenigen, die den Antrag auf den Weg gebracht haben, gerne eine andere Entscheidung gehabt hätten. Und ich kann auch verstehen, dass an Literatur und Kafka-Interessierte sich freuen würden, wenn es neben den bisherigen Ausgaben eine weitere, andere, vielleicht noch bessere Ausgabe gäbe - ich gehöre auch dazu. Aber es gab eben doch auch Gründe, warum die vorliegende Version, der vorliegende Antrag eben so nicht akzeptiert werden konnte. Diese Gründe haben wir dem Antragsteller auch mitgeteilt, an sich an ganz normaler Vorgang, aber die Reaktion darauf war vielleicht nicht ganz normal.

Brinkmann: Es ja um ein ambitioniertes Projekt: Die Werke von Franz Kafka sollen in ihrem Entstehungsprozess dargestellt werden, man soll sozusagen das Werden der Texte miterleben können. Sie haben eben gesagt, es hat gute Gründe gegeben für ihre Forschungsgemeinschaft, den Antrag abzulehnen: Warum denn war er nicht förderwürdig?

Wiemer: Es gibt zwei Aspekte an der Geschichte. Das eine ist ist die Diskussion sozusagen über das editorische Konzept. Das ist, denke ich, unter den Editions-Fachleuten umstritten. Es war gar nicht umstritten, dass die hier in dem Projekt vorgesehene Form der editorischen Darbietung ihre Vorzüge hat, und dass sie auch hilfreich wäre in Ergänzung zu den Ausgaben, die es schon gibt. Es ging mehr um die Frage, ob es zu rechtfertigen ist, dass man in einer Situation, wo die DFG über viele Jahre eine historisch-kritische Kafka-Gesamtausgabe gefördert hat, die jetzt gerade vor dem Abschluss steht, ein weiteres Großunternehmen dieser Art auch finanzieren sollte.

Das vollständige Gespräch mit Thomas Wiemer können Sie für begrenzte Zeit in unserem Audio-on-Demand-Angebot hören.


 
 

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