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30.10.2007
Beachtliche finanzielle Ausstattung der kirchlichen Kulturpräsenz (Bild: Stock.XCHNG / Steve Woods) Beachtliche finanzielle Ausstattung der kirchlichen Kulturpräsenz (Bild: Stock.XCHNG / Steve Woods)

Die kulturpolitische Macht der Kirchen

Deutscher Kulturrat stellt Buch über Verhältnis von Kirchen und Kultur vor

Von Margarete Limberg

Mehr als vier Milliarden Euro geben die beiden großen christlichen Kirchen für Kultur aus, das ist mehr als die Kommunen oder Länder aufbringen. Der üppige Etat weckt auch die Begehrlichkeiten anderer Ressorts. Der deutsche Kulturrat stellte in Berlin das Buch "Die Kirchen, die unbekannte kulturpolitische Macht" vor.

4,4 Milliarden Euro geben die beiden großen christlichen Kirchen für Kultur aus, das ist mehr als die Kommunen oder Länder aufbringen. Die kulturpolitische Macht der Kirchen belegen eindrucksvoll die folgenden Zahlen: 1000 evangelische Büchereien gibt es in Deutschland, 3870 katholische, fast 20.000 evangelische Kirchenchöre, 19.000 katholische, 45.000 Kirchgebäude der evangelischen und katholischen Kirche prägen für jeden sichtbar das Gesicht des Landes deutlich mit.

Das sind Zahlen, die auch bei Kulturexperten ein Aha-Erlebnis auslösen. In der öffentlichen Debatte spielte die kulturpolitische Rolle der Kirchen lange Zeit allerdings kaum eine Rolle, erst in den letzten Monaten rückte dieses Thema wieder stärker ins Bewusstsein - angeregt nicht zuletzt durch den Streit um das Kölner Domfenster von Gerhard Richter und die höchst umstrittenen Äußerungen Kardinal Meissners zur Zusammengehörigkeit von Kunst und Gottesverehrung.

Professor Thomas Sternberg, der kulturpolitische Sprecher des Zentralkomitees der Katholiken und Mitglied der
Enquetekommission, sieht Zeichen für eine Wende im Verhältnis von Kunst und Kirche indessen schon vor der aktuellen Kontroverse:

"Ich glaube, hier ist das Bewusstsein, dass Kirche eine so große Rolle spielt, sowohl in der Gesellschaft und in der Politik wie in der Kirche wachsend. Das heißt aber auch, dass, wenn man diese kulturellen Aktivitäten nicht nur unter dem Gesichtspunkt innerkirchlicher und auf das kirchliche Leben bezogener Aktivitäten sieht, dass dann auch so etwas entsteht wie eine kulturpolitische Verpflichtung und Bewusstwerdung der Kirchen selber, und das passiert im Moment in den Kirchen, das Bewusstwerden, dass die Kirche ein Interesse daran hat, dass es ein kulturelles Leben in diesem Land gibt, ein gutes, florierendes und blühendes kulturelles Leben."

In einer Zeit der Ökonomisierung aller Lebensbereiche werde eine verloren gegangene Nähe wiederentdeckt, meint Prof. Sternberg, Kunst und Kirche als Exoten in dieser Gesellschaft dadurch sozusagen zur Partnerschaft gezwungen, wie Thilo Geissler, Verleger der Zeitschrift "Politik und Kultur" und anderer Kulturzeitschriften erläutert:

"…weil ich glaube, dass wir als Kulturschaffende sehr nahe und sehr eng mit der Kirche verbunden sind, insofern als wir sie als Partner brauchen, um einer Trivialisierung, einer Kommerzialisierung und einer Ökonomisierung der Kultur entgegenzuwirken.

Sogar bei Menschen, die der Religion fernstehen, entdeckt Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, eine starke Identifizierung mit kirchlichen Gebäuden. Er gibt eine Beobachtung in ostdeutschen Dörfern wider, die er für repräsentativ hält:

" Dort haben wir kleine Dörfer, dort steht in der Mitte die Dorfkirche und eine Gemeinde, die nun nicht unbedingt als besonders gläubig zu bezeichnen ist. Dort gibt es verhältnismäßig wenige Christen, und trotzdem steht dort ein properes kleines Kirchengebäude, das von der Gemeinde auch als kultureller Mittelpunkt angesehen wird und das von den Dorfbewohnern gehegt und gepflegt wird."

Die Kirche sieht Zimmermann hier als Identifikationsort einer Gesellschaft auch jenseits religiöser Bindungen.

Die auf den ersten Blick beachtliche finanzielle Ausstattung der kirchlichen Kulturpräsenz ist keineswegs Anlass für ungetrübte Freude. Der Druck zurückgehender Kirchensteuern und anderer Zuschüsse lässt Begehrlichkeiten aufkommen, die sich auf eben jene 4,4 Milliarden Euro richten, die die Kirche für Kulturelles aufwendet. Ob das denn wirklich nötig ist und das Geld zum Teil nicht besser anderswo Verwendung finden sollte, ist ein Gedanke, der den kirchlichen Sparkommissaren keineswegs fremd ist, wie Theo Geissler beobachtet hat:

"Die Erosion hat längst begonnen. Im Bereich der kirchenmusikalischen Ausbildung werden Ausbildungsstätten geschlossen. Es gibt eine Art minderer Qualifizierung, die nur noch abgefordert wird. Das heißt, im Grunde genommen, die musikalische Hochkultur im Bereich der Kirchen schrumpft."

Noch vor zehn Jahren sei es üblich gewesen, dass ein Musikstudent unentgeltlich auf der Orgel einer Kirche habe üben dürfen. Das sei keineswegs mehr selbstverständlich, berichtet Pfarrer Christhard-Georg Neubert, Direktor der Stiftung St. Mathäus, die direkt gegenüber der Berliner Philharmonie eine Kirche als Kultureinrichtung betreibt:

"Das gesamt-kulturelle Mäzenatentum der Kirchen war in der Vergangenheit sehr viel größer."

Die kulturpolitische Macht der Kirchen ist gleichwohl immer noch erheblich und verdient eine intensive Diskussion, auch wenn sie nicht mehr im selben Umfang wie früher als Auftraggeber für Maler, Bildhauer und Komponisten auftreten. Die heute vorgestellten Materialien könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten.


 
 

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