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28.01.2008
Straßenszene in Madrid (Bild: AP Archiv) Straßenszene in Madrid (Bild: AP Archiv)

Wenn der Freund zum Verräter wird

Javier Marías über sein Opus magnum "Dein Gesicht morgen"

Von Tobias Wenzel

"Die Arbeit eines Schriftstellers hat viel gemein mit der eines Spions. Ein Schriftsteller spioniert seine Charaktere aus. Die Spionage und das Schreiben von Romanen sind also gewissermaßen dasselbe." Das sagt der spanische Schriftsteller Javier Marías. Viele Jahre hat er an einem Roman geschrieben, in dem der britische Geheimdienst eine wichtige Rolle spielt. "Dein Gesicht morgen" heißt er. Jetzt ist das 1600 Seiten starke Werk - in der deutschen Übersetzung werden es fast 1900 Seiten sein - abgeschlossen. Der dritte und letzte Band des Romans wird von der spanischen Kritik gefeiert.

Ein kleiner Platz in der Altstadt Madrids. Aus einem weißen Haus ertönt der Lärm eines Schlaghammers. Der dringt bis in das gegenüber liegende Haus und die mit Büchern vollgestopfte Wohnung im dritten Stock. Darin sitzt Javier Marías im schwarzen Sakko auf einem ultramarinblauen Sofa. Der Schriftsteller hält in der rechten Hand ein elegantes Zigarettenetui und ein Plastikfeuerzeug und in der linken eine Filterzigarette. Javier Marías schüttelt den Kopf:

"Seit über einem Jahr gibt es diese Baustelle, in unmittelbarer Nachbarschaft zu meinem Haus. Na ja, für Madrid ist das nichts Besonderes. Hier gibt es immer und überall Baustellen, und meistens unnötige. Gott sei Dank habe ich, im Gegensatz zu vielen Amerikanern, kein Gewehr im Haus. Denn oft macht mich der Lärm derart verrückt, dass ich, wenn ich ein Gewehr hätte, versucht wäre, auf eine der Personen zu schießen, die diesen Lärm machen."

Trotz des Lärms gelang es Javier Marías, seinen dreiteiligen Roman "Dein Gesicht morgen" fertigzustellen. Die Arbeitszeit: acht Jahre. Das Ergebnis: 1600 spannende Seiten. "Dein Gesicht morgen" geht der Frage nach, ob sich voraussagen lässt, wie sich ein Mensch in Zukunft verhält, ob der, dem man heute noch traut, nicht vielleicht schon morgen sein wahres Gesicht zeigt. Jaime Deza, der Erzähler des Romans, arbeitet in einer Spezialeinheit des britischen Geheimdienstes MI6. Er muss das zukünftige Verhalten von Personen einschätzen. Kennt Javier Marías das morgige Gesicht eines Menschen?

"Nein, wer kennt es schon? Niemand. Der Titel des Buches, 'Dein Gesicht morgen', spielt auf die Unmöglichkeit an zu wissen, worauf wir uns verlassen können. Damit meine ich nicht nur die Menschen, die uns nahe stehen, sondern auch uns selbst. Mich amüsiert es, wenn Leute mit Prinzipien meinen, sie wüssten sicher, wie sie sich in Zukunft verhalten. Das ist doch naiv! Im ersten Band von 'Dein Gesicht morgen' heißt es an einer Stelle: Wir alle tragen in unseren Adern viele Wahrscheinlichkeiten. Und es ist eine Frage der Zeit und der Umstände, welche unserer Wahrscheinlichkeiten Realität wird."

Javier Marías blickt müde auf die zahlreichen Gegenstände im Setzkasten-Format, die auf dem gläsernen Wohnzimmertisch stehen, akkurat in einem Rechteck angeordnet: Ein Uhu, ein Wachturm, eine Sherlock-Holmes-Büste und die rund vierzig weiteren Miniaturobjekte bilden eine Art Schlachtfeld.

Besonders in Kriegszeiten lässt sich das Verhalten des Menschen nicht vorhersagen, so Javier Marías. Im dritten Band von "Dein Gesicht morgen" blickt der Erzähler zurück auf den II. Weltkrieg, in den ersten beiden Bänden auf den Spanischen Bürgerkrieg. Denn der Vater des Erzählers wurde damals von seinem vermeintlich besten Freund verraten:

"Diese Geschichte der Denunziation entspricht exakt dem, was mein Vater am Ende des Spanischen Bürgerkriegs erfahren hat. Eineinhalb Monate nach Kriegsende haben sie meinen Vater in ein Gefängnis gesteckt, weil er von seinem besten Freund verraten worden war. Mit lächerlichen Anschuldigungen: Er habe für die russische Zeitung 'Prawda' gearbeitet. Mein Vater war jedoch nie Kommunist. Der so genannte Freund machte unter Franco eine Universitätskarriere, während mein Vater ein Lehrverbot für Spanien erhielt."

Im Dezember 2005 starb Javier Marías' Vater. "Dein Gesicht morgen" ist neben einer Spionagegeschichte mit langen philosophischen und geschichtlichen Exkursen auch eine Hommage an seinen universalgebildeten Vater und seine aussterbende Generation. Damit erklärt sich auch das Wort "Abschied" im Titel des dritten Bandes, "Gift und Schatten und Abschied". Aber nicht nur damit:

"Ich habe das gewisse Gefühl, dass ich möglicherweise nach diesem Buch nie wieder Romane schreibe. Ich kann mir nicht vorstellen, eine neue, umfangreiche fiktive Welt zu erschaffen. Zur Zeit erscheint es mir einfach unmöglich, einen neuen Roman zu schreiben."

Auch der Jaime Deza erscheint etwas lange als unmöglich: nämlich Gewalt anzuwenden:

"Im Roman wird Deza mit der Gewalt infiziert. In einem Moment muss Deza eine Entscheidung treffen. Und da bemerkt er, dass die Gewalt nützlich ist. Ich wurde einmal gefragt, ob ich jemanden töten könnte. Ich habe geantwortet: 'Ich hoffe nicht. Aber man kann sich da nie ganz sicher sein. Es ist möglich, dass ich doch dazu imstande wäre. Das hängt von den Umständen und Motiven ab'."

Mordgelüste hat Javier Marías zwar jetzt schon, aber keine ernstgemeinten. Aber der Lärm Madrids könnte ihn dazu veranlassen, längerfristig ins Ausland zu gehen:

"Manchmal spiele ich mit dem Gedanken. Das Problem ist aber: Wo sollte ich hinziehen? In England, wo ich lange gelebt habe, spioniert die Polizei die Bevölkerung aus. Deutschland wäre vielleicht eine gute Lösung. Aber ich habe gelesen, dass man jetzt auch in Deutschland nicht mehr öffentlich rauchen darf. Als ich das letzte Mal in Deutschland war, war es noch ein liberales Land. Aber das Rauchverbot ist ein schlechtes Signal."

Grinsend zündet sich Javier Marías eine Zigarette an, lehnt sich zurück in seinem blauen Sofa und nimmt einen genüsslichen Zug.

Service:
Die deutsche Übersetzung des dritten und letzten Band von "Dein Gesicht morgen" wird voraussichtlich im Frühjahr 2009 erscheinen. Und zwar im Verlag Klett-Cotta, in dem auch die ersten beiden Bände von Javier Marías veröffentlicht wurden.


 
 

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