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05.05.2008
54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 1.-6. Mai 2008 (Bild: Boros/IKF) 54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen, 1.-6. Mai 2008 (Bild: Boros/IKF)

Die Zukunft des politischen Films

Bilanz der 54. Internationale Kurzfilmtage Oberhausen

Von Bernd Sobolla

Bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen ging es in diesem Jahr vor allem um politische Filme. Unter dem Motto "Grenzgänger und Unruhestifter" fragten die Kurzfilmtage in zehn Filmprogrammen und mehreren Diskussion, ob und wie sich der politischeFilm im Lauf der Geschichte verändert hat. Grundlage dazu war auch ein Blick in Vergangenheit. Denn die Veränderung der Herangehensweise sollte deutlich werden. Rund 430 Filme zeigten die Internationalen Kurzfilmtage insgesamt.

Lars Henrik Gass: "Die Situation vor 30 Jahren war eine vollkommen andere den Kurzfilm betreffend. . Was passiert ist, das ist im Grunde, dass von unten her der Kurzfilm wieder erstanden ist, aber ohne den Blick auf bestimmte Auswertungsflächen. All das hat natürlich den Kurzfilm sehr stark verändert. Und ich glaube auch viel stärker subjektiv ausgerichtet. Also ein Kurzfilmer heute versucht nicht einen Film für einen bestimmten Zweck zu machen, mit einer bestimmten Aufgabenstellung. Sondern er versucht es vor allen Dingen als Ausdrucksmedium seiner selbst zu sehen."

Der Kurzfilm ist tot, es lebe der neue Kurzfilm: So könnte man die Worte von Festivalleiter Lars Henrik Gass auch zusammenfassen. Und das zeigte sich besonders bei den politischen Kurzfilmen. Die fanden sich überall im Programm, vor allem aber in diesem Jahr in der Sektion "Grenzgänger und Unruhestifter". Dort liefen einerseits viele Werke aus den 60er und 70er Jahren, andererseits aber auch aktuelle Produktionen.

So fiel schnell auf, dass die Filmemacher früher deutlich mehr Partei ergriffen, sich als Teil von Unterdrückten und Minderheiten verstanden. In dem Film "Queen Mother Moore Speach at Greenhaven Prison" hält die gleichnamige US-Bürgerrechtlerin 1973 vor schwarzen Gefangenen eine Rede, und fordert sie wortreich auf, sich mit Stolz auf ihre eigene Kultur zu beziehen. Und wenn - etwa zur gleichen Zeit gedreht - der spanische Regisseur Pere Portabella in "El Sopar" fünf Kämpfer zeigt, die unter Francos faschistischem Regime litten, und sich heimlich treffen, möchte man sich am liebsten an deren Tisch setzen.

Da sieht es heute anders aus: Der russische Regisseur Pavel Medvedev zum Beispiel berichtete in seinem Film "Nezrimoe" über den G8-Gipfel 2006 in St. Petersburg.

Flugzeuge landen, Rote Teppiche werden ausgerollt, schwarze Limousinen fahren Präsidenten, Kanzler und Premierminister unter Sirenen ins Palais, Blitzlichtgewitter, Lächeln, Champagnerflaschen. Und andererseits: Leute, die hinter Absperrgitter stehen oder von der Polizei abgedrängt werden. Sogar der größte Friedhof der Stadt wird für drei Tage geschlossen. Pavel Medvedev hat das Ganze ohne Kommentar zu einem absurden Manifest des hohen politischen Alltags montiert.

Pavel Medvedev: "Ich habe zuerst einfach nur gedreht. Dann habe ich mir das Drehmaterial angesehen und analysiert. Und es war der Umgang der großen Politik mit ihren Bürgern, der mich am meisten interessierte. Mit diesem Film habe ich versucht, meine Gefühle gegenüber diesem Umgang zum Ausdruck zu bringen. Es hat mich immer aufgeregt, wie man so zur Seite gedrängt und dem Rhythmus der anderen angepasst wird."

Mit Terrorismus oder den Nachwirkungen des 11. September 2001 aber hatten die Kurzfilmtage wirklich nur am Rande zu tun. Ein anderer Schwerpunkt, der sich durch fast alle Kategorien zog, sind Erstarrung und Veränderung. In "Cosmic Station" zum Beispiel zeigt Bettina Timm eine Radarstation in Armenien. Die einstige Hightech-Anlage stammt noch aus den besseren Zeiten der untergegangenen Sowjetunion. Heute schimmelt sie vor sich hin, auch wenn die Wissenschaftler dort noch immer kosmische Strahlen aus fernen Galaxien messen.

Und um ganz irdische Wege geht es in "Desert Truck Terminal" von Ursula Biemann. Für ihren Film machte sich die Schweizer Regisseurin auf in den Niger, um dort die Migrationsströme in Richtung Nordafrika und Europa zu erforschen.

Ursula Biemann: "Das spielt sich ja in Agades ab, das ist im Herzen des Niger. Das ist das südliche Tor in die Sahara. Und die haben aber unheimlich viele neue Migranten, die dort täglich durchkommen und nach einer Route Richtung Norden suchen. Und die haben sich inzwischen unheimlich gut organisiert. Da gibt es eine richtige Administration. Und wir stellen uns das immer so chaotisch und so kriminell vor, aber das hat System. Diese Migration hat eine ganze, einen neuen Wirtschaftszweig, diese Städte sind richtig am Boomen, weil alle profitieren von dieser Migration."

Erstaunlich viele Filme widmen sich auch dem Alter und der Vergänglichkeit. Wobei die Filmemacher den Tod thematisieren, ohne in Melancholie zu verfallen. Die Schwedin Susanna Wallin zum Beispiel zeigt in "Eddie Procter", wie ein alter Mann in einem Altenheim Tischtennis spielt. Und zwar spielt er zusammen mit mehreren anderen die so genannte chinesische oder Rundlauf Variante.

Susanna Wallin: "Ich wollte diesen Kontrast zeigen zwischen der Leichtheit des Tischtennisballs und diesen alten Körpern, die um den Tisch herum gehen. Normalerweise ist es ja ein sehr schnelles Spiel. Aber ich wollte es als ein langsames zeigen. Außerdem wirkt diese Rotation um den Tisch herum auf mich fast wie eine Uhr. Es ist wie ein Wartespiel. Und zugleich schlägt man nach diesem kleinen, leichten Ball."

Dann fällt der Ball vom Tisch. Das Spiel ist vorbei. Eddie Procter verlässt erschöpft die Halle und begegnet draußen einem Mädchen, das ausgelassen mit Wunderkerzen spielt. Ein junges und ein altes Leben begegnen sich - eine schwerelose Reflektion über die Vergänglichkeit.

Um Vergänglichkeit und Veränderung ging es auch in den Podiumsdiskussionen der Internationalen Kurzfilmtage: Filmkritik, Bildung, Unruhestifter und Geschichtsverständnis waren die Themen der Kurzfilmmacher und ihrer Repräsentanten. Gerade diese Debatten haben die Kurzfilmtage in den letzten Jahren belebt. Für Festivalleiter Lars Henrik Gass sind die Auseinandersetzungen besonders wichtig, denn er glaubt, dass die Zeit vorbei ist, da Festivals einfach nur Filme zeigen konnten.

"Ich denke, dass sich Filmfestivals vom Markt zur Marke entwickeln müssen. . Filmfestivals können auch die bessere Universität sein, das bessere Fernsehen. Sie stellen wirklich alternative Modelle dar. Und genau das finde ich interessant."

Internationale Kurzfilmtage in Oberhausen


 
 

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