In der Jugendstrafanstalt Plötzensee hat ein Stück Premiere gefeiert, in dem die Darsteller auch ihre eigenes Leben reflektieren. In "Kaspar H" erzählen elf Insassen, fast alle um die 20 Jahre alt und auf Grund von Drogendelikten hinter Gittern, die Geschichte vom stummen Fremdling Kaspar Hauser auf der Bühne - ganz neu und ungewohnt schon deshalb, weil es auch ein Stück ihrer eigenen Geschichte zu sein scheint.
Der erste Satz, den der ansonsten stumme Junge Kaspar Hauser spricht, als er im Frühjahr 1828 in Nürnberg auftaucht wie aus dem Nichts, erklingt im Vielvölkersprachengemisch von Plötzensee: Russisch, Französisch, Spanisch, sehr viel türkisches Deutsch, dann -zunächst die Fakten über Kaspar Hauser. Und als stünden sie (wie Hauser, wie sie selber noch vor kurzem) vor Gericht, resümieren sie neben dem fremden das eigene Leben. Das "Kaspar Hauser"-Stück mit den jungen Strafegefangenen montiert Szenen über Erziehung und Eingliederung, beides müssen Ziele des Vollzugs sein in einer Anstalt wie dieser.
Mittel zu diesem Zweck sind Texte über Weggeschlossensein und Ausweglosigkeit sowie das Aufbegehren gegen beides, einerseits; andererseits aber auch Rhythmus und Bewegung - nichts, so scheint es, schult leichter den Umgang miteinander als gemeinsames Sprechen, im Chor wie im Rap. Vier Schüler aus der Musikschule "Fanny Hensel" liefern den Sound dazu, auch das Muster für kräftiges Trommeln auf hölzernen Klangboxen. Alle neue Ordnung ist so ein Muster und ist als Rhythmus zu lernen; das heißt: zu merken.
Taek-Won-Do-Übungen vollführt das knappe Dutzend kräftiger Jungs, fast alle in der Mucki-Bude gestählt - und gerade weil alle mit so viel Power unterwegs sind, wirken die Szenen der Angst besonders bedrückend: vor der Opferrolle, die das Kollektiv den Außenseitern zumisst; vor völligem Liebesverlust (weil es hier nur Männer gibt); vor dem ewigen Alleinsein. Am Ende stehen viele Träume der Kaspar-Hauser-Jungs von heute. Sie erzählen ziemlich außer Atem über sich, über früher und über die Zukunft.
Unsereiner darf ja nach der Vorstellung (und nach den stets mächtig berührenden, manchmal auch beunruhigende Gesprächen mit den Beteiligten) immer wieder raus zum Glück - in Begleitung des Wachpersonals durch die diversen Schleusen und Gänge, im Innenhof vorbei an Bäumen mit Kletterschutz aus Stacheldraht. Wir verlassen eine fremde Welt - und kehren in eine andere. Vielleicht treffen wir einen dieser Kaspar Hauser wieder. Wie und wo auch immer.
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Beiträge zum Nachhören
Fazit
Kulturpresseschau - Aus den Feuilletons 10.02.2012
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