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01.01.2010
Das "weltwärts-"Programm gibt es auch für afrikanische Länder (hier eine Frau in Lagos, Nigeria). (Bild: AP) Das "weltwärts-"Programm gibt es auch für afrikanische Länder (hier eine Frau in Lagos, Nigeria). (Bild: AP)

Weltwärts - In die Ferne zum Nächsten

Von Pfarrer Johannes Meier, Sontra

"weltwärts" - so heißt der neue entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Bis zu 10.000 jungen Menschen können sich mit dem "weltwärts"-Programm für die Entwicklungsarbeit engagieren und für 6 bis 24 Monate in gemeinnützigen Projekten in Ländern der so genannten Dritten Welt arbeiten.

Pfarrer Johannes Meier hat einige weltwärts-Freiwillige auf ihrem Weg in die Fremde begleitet und berichtet von Glücks-, Grenz- und Gotteserfahrungen junger Menschen, die einen außergewöhnlichen Aufbruch gewagt haben.

Marieke Fröhlich
"Die Schule hinter mir zu lassen ist ein unglaublich tolles Gefühl, obwohl ich natürlich sehr verbunden immer noch damit bin... Aber jetzt geht's endlich raus, jetzt geh ich weg. Und, ja, ich will was anderes sehen, ich will mal mehr sehn als nur Frankfurt, nur die Bettina-Schule."

Marieke Fröhlich, 18 Jahre, das Abi frisch in der Tasche. Zum vorerst letzten Mal geht sie durch die vertrauten Gänge ihrer Schule, ein unscheinbarer Zweckbau im Schatten der Frankfurter Bankentürme. Marieke ist eigentlich immer gern hierher gekommen. Als Schulsprecherin war sie beliebt, erfolgreich engagierte sie sich für ihre Mitschüler.

Marieke Fröhlich
"Das war natürlich ne tolle Zeit... Es war ein schönes Gefühl, dass man wusste, man ist wichtig für die Gemeinschaft an der Schule, wenn man was bewirkt hat. Aber ich glaube es gibt immer wieder neue Möglichkeiten, sich einzubringen und ne Rolle zu spielen, für andere etwas zu bewirken."

Für andere etwas bewirken - das will Marieke demnächst ganz weit weg von ihrer Heimatstadt Frankfurt versuchen. Schon übermorgen geht ihr Flieger nach Südafrika. Zusammen mit drei anderen frischgebackenen Abiturientinnen wird Marieke dort als Volunteer, als freiwillige Helferin in einem Kinderheim arbeiten.

Marieke Fröhlich
"Aufregung ist natürlich immer dabei... Ich freu mich einerseits total - aber ich hab auch Angst. Ich hab auf jeden Fall auch Angst, bin gespannt... Aber ich denke, ich bin sehr zuversichtlich, dass das alles sehr gut werden wird."

"weltwärts" heißt das Programm, über das Mariekes Freiwilligendienst organisiert wird - initiiert und gefördert vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Marieke gehört zur ersten Generation der weltwärts-Freiwilligen, schon bald sollen pro Jahr bis zu 10.000 junge Menschen ihrem Beispiel folgen und für sechs Monate oder ein ganzes Jahr tatkräftige Hilfe in Entwicklungs- und Schwellenländern leisten. Marieke hat sich bewusst für die längere Zeitdauer entschieden. Sie möchte sich Zeit nehmen für ihre ganz persönliche Reise "In die Ferne zum Nächsten".


Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben. (Johannes 14,19)

Dieses Bibelwort war die so genannte Jahreslosung, also der christliche Leitspruch für das Jahr 2008. Mariekes Aufbruchs-Jahr. Im Sommer 2008 begann für die Abiturientin das weltwärts-Abenteuer. "Ich lebe und ihr sollt auch leben" - ein Motto, das Mut macht und Hoffnung stiftet. Wunderbar passend für einen freiwilligen Hilfseinsatz in unbekannter Ferne.

Andrea Nordheimer-Fröhlich
"Ja, ich glaub ich freu mich einerseits für Marieke unheimlich, dass das jetzt geklappt hat. Und ich denke das Jahr ist für sie wie auch für mich mit sehr gemischten Gefühlen verbunden."

Andrea Nordheimer-Fröhlich, Mariekes Mutter. Am Vorabend der großen Reise sitzt die Familie noch einmal im Garten beisammen. Auf dem Grill brutzeln Putenschnitzel und Würstchen, die Gespräche kreisen um Vorfreude und Abschiedswehmut.

Andrea Nordheimer-Fröhlich
"Ich hoff einfach, dass das, was sie bis jetzt mitgenommen hat von uns an Sicherheit, also an Selbstsicherheit, dass das gut zum Tragen kommt und dass sie dann für sich da was lernen kann. Weil hier in dieser heilen Welt, in der wir leben, denk ich, find ichs einfach gut, wenn die Jugend in die Welt geht und merkt, dass noch mehr is als hier in Europa."

"Ich lebe und ihr sollt auch leben". Mag sein, dass dieses Jesuswort streng theologisch betrachtet vor allem von christlicher Auferstehungshoffnung kündet - für Marieke aber schwingt in den Worten "ihrer" weltwärts-Jahreslosung noch etwas anderes mit. Im Hinblick auf den Freiwilligendienst im südafrikanischen Kinderheim könnte der Spruch für sie etwa so lauten: Ich lebe seit gut 18 Jahren als behütetes Kind, aufgewachsen in einer Wohlstandsgesellschaft in Europa - und ihr sollt auch leben, ihr meine Brüder und Schwestern in Afrika. Dazu will ich meinen kleinen, persönlichen Beitrag leisten. Während im Garten weiter gegrillt wird, zieht sich Marieke in ihr Zimmer zurück. Nur noch eine Nacht wird sie hier in ihrem Bett schlafen. Vorher aber müssen noch die Stapel von Klamotten und anderen Reiseutensilien im großen Koffer verstaut werden. Bloß 20 Kilo darf der am Ende wiegen, nicht viel für ein Jahr. Doch sie nimmt auch Dinge mit, die lassen sich nicht aufwiegen.

Marieke Fröhlich
"Ich glaube ich bring einfach ein Stück von meiner Kultur mit, also dass ich vielleicht andere Gesichtspunkte sehe, in der Kinderbetreuung zum Beispiel, oder auch zur Freizeitgestaltung von den Kindern. Dass ich, weil ich Theater spiele, vielleicht mit Theater was mit denen machen kann. Solche Dinge, denke ich, bringe ich mit. Und nehme dann im Gegenzug Impulse von dort wieder mit nach Deutschland. Mein Koffer wird anders gepackt sein, glaub ich, wenn ich zurück komme. Und auf keinen Fall leerer sein!"


Marieke Fröhlich
"Wir sind hier um 6 Uhr am Sonntagabend angekommen - nach einer 24stündigen Busfahrt. Und am nächsten Tag sind wir direkt zu Thusong gegangen - und da waren so viele Kinder, und sie waren überall um uns herum, das war sehr aufregend! Aber ich war schon ein wenig geschockt von Südafrika überhaupt und dann auch genauso von Thusong."

Marieke Fröhlich in Südafrika. Im Interview spricht sie fortan nurmehr Englisch, ein südafrikanischer Journalist begleitete die deutsche weltwärts-Volontärin bei ihrem Freiwilligendienst im Thusong-Kinderheim in Kimberley.

Marieke Fröhlich
"Es gibt hier soviel Müll, überall! In Thusong ist ja ziemlich viel Platz rundherum - und da liegt einfach so viel Müll überall herum, auch in den Häusern. Und eine andere Sache, die mich richtig geschockt hat, war, dass alle mit den Händen gegessen haben. Denn es gab einfach keine Löffel. Aber dann, nach ein paar Wochen, sagst du dir: Ok, du isst jetzt hier einfach mit deinen Händen, so ist es hier eben."

Neben Müll gibt es in Kimberley vor allem Diamanten. Die verschlafene Großstadt inmitten der staubig-heißen Steppenlandschaft der Karoo galt einst als Endstation Sehnsucht der grabenden Glücksritter und noch heute hat hier der weltweite Diamantenmonopolist DeBeers seinen Firmensitz. Auch direkt neben dem Kinderheim Thusong wird nach Diamanten geschürft, die drei Häuser des Heimes stehen am Rande eines großen Tagebau-Kraters. Rund 80 Kinder leben hier: In einem Haus wohnen die Mädchen, die beiden anderen Häuser teilen sich die großen und die kleinen Jungen. Geschlafen wird in sauber bezogenen Doppelstockbetten, in jedem Haus gibt es einfache Duschen und ein Wohnzimmer mit alten Sofas und einem Fernseher. Kein Luxus - aber allemal besser als die Straße, auf der viele der Thusong-Kinder zuvor gelebt haben. Thusong, in der Sprache der Tswana bezeichnet dies einen Ort, an dem man Hilfe erfahren kann. Für die Straßenkinder von Kimberley brachte diese Hilfe Rebecca Tsiane, eine heute Anfang 60jährige schwarze Frau, die von allen respekt- und liebevoll nur "Tannie", also Tante genannt wird. Mit einigen anderen Frauen ihrer lutherischen Kirchengemeinde hatte Rebecca einst eine Suppenküche für die herumstreunenden Kinder der Stadt initiiert, die in einem alten Abbruchhaus provisorisch Zuflucht gesucht hatten. Irgendwann aber konnte sie es nicht mehr ertragen, diese Kinder nach jeder Suppenausgabe wieder sich selbst zu überlassen. Sie fasste den Entschluss, ganz bei den Kindern zu bleiben. Gut zehn Jahre ist das nun her.

Rebecca Tsiane
"Wir hatten gerade erst unser eigenes Haus renoviert, es war richtig modern, aber von einem Tag auf den anderen ist mir klar geworden: Hier will ich nicht länger wohnen, ich möchte mit diesen Kindern leben! Ich habe die Chance, ihr Leben zu verändern! Und so fing es dann eben an. Und schließlich habe ich mein eigenes Haus verkauft und alles aufgegeben. Und ich wohnte 10 Jahre lang nur in einem Raum. Am Anfang war das schwierig, weil mein Mann damit nicht einverstanden war, er war sehr aufgebracht. Und da bin ich zunächst alleine ausgezogen und ich dachte nur: Herr, wenn das Dein Wille ist, so bring uns doch auch wieder Versöhnung. Aber ich möchte das jetzt einfach machen! Und durch die Gnade des Herrn sind alle diese Kinder, mit denen ich einst angefangen habe, inzwischen zurück in der Gesellschaft und ganz wunderbare Menschen unserer Community geworden."


Mt 25
34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Schwestern und Brüdern, das habt ihr mir getan.


Rebecca Tsiane, die "Tannie" von Thusong, ist eine tief gläubige Frau. Jeden Sonntag zieht sie die blau-weiße Tracht der Gebetsfrauen an und feiert mit beim lautstarken Gottesdienst der lutherischen Township-Gemeinde.


Tätige Nächstenliebe ist für Rebecca erste Christenpflicht, das steht für sie außer Frage. Und nur mit unerschütterlichem Gottvertrauen ist wohl auch die Gelassenheit zu erklären, mit der sie dem täglichen Chaos in ihrem Kinderheim begegnet: Zu wenig Personal, zu wenig Platz, zu wenig Geld. Oft ist nicht einmal klar, wovon die nächste Mittagsmahlzeit für die 80 Kinder bezahlt werden soll oder ob der Herd vielleicht schon deshalb kalt bleiben muss, weil mal wieder die Stromrechnung nicht rechtzeitig beglichen werden konnte. Was für die fromme Realistin Rebecca seit Jahren zu den Widrigkeiten des Heimalltags dazu gehört, können freiwillige Helfer wie Marieke oft nur schwer ertragen. An allen Ecken und Enden hat sie schon nach nur wenigen Tagen in Thusong Missstände entdeckt, die sie als Volunteer möglichst schnell beheben möchte. Gelassenheit passt einfach nicht ins Selbstbild der jungen weltwärts-Aktivistin.

Marieke Fröhlich
"Ich glaube schon, dass eigentlich jeder diese Idee hat, irgendetwas richtig verändern zu wollen. Ich meine, klar, man kann nicht die ganze Welt verändern, aber obwohl du weißt, dass man wohl nichts wirklich Großes verändern kann, musst du doch irgendwie daran glauben, dass du es tun kannst! Denn das ist es ja, was dich vorantreibt und irgendwohin zu gehen und Freiwilligenarbeit zu leisten. Und immer weiter zu arbeiten. Eben weil ich so viele Dinge verändern möchte, weil da so viele Dinge sind, die mich stören, die besser gemacht werden könnten! Aber andererseits weiß ich, dass ich sie nicht wirklich werde verändern können - und das ist wirklich deprimierend."

Die weite Reise zum fernen Nächsten - für Marieke wie die meisten anderen weltwärts-Freiwilligen bleibt sie nicht ohne Enttäuschung. Ihr Enthusiasmus, ja auch ihre idealistische Nächstenliebe wird nicht immer so erwidert, wie sie sich das noch vor einigen Monaten zu Hause in Frankfurt so schön ausgemalt hatte. Immer wieder stößt sie auf schmerzhafte Grenzen. Grenzen, die Heimleiterin Rebecca mit unter auch bewusst gesetzt hat.

Rebecca Tsiane
"Wenn wir Freiwillige bekommen, dann stelle ich sie den Kindern vor. Und dann sage ich immer: Hört zu, wir bekommen Volunteers, sie kommen aus Deutschland oder woher auch immer, aber sie werden hier nur für sechs Monate sein, für drei Monate oder für ein Jahr. Damit unsere Kinder vorbereitet sind und wissen, dass diese Leute nicht hier bleiben werden, sondern wieder wegziehen. Sie müssen einsehen, dass sie nicht hier bleiben werden. Und auch ich selbst darf keine falsche Beziehung zu ihnen aufbauen, die mich morgen schon verletzen könnte."

Knapp ein halbes Jahr später. Marieke arbeitet noch im Kinderheim Thusong in Kimberley. Sie hat nicht aufgegeben. Trotz mancher Anfangsschwierigkeiten und Enttäuschungen, trotz mancher Spannungen mit der Heimleitung hat sie bis jetzt einfach immer weiter gemacht - und manches dazugelernt.

Marieke Fröhlich
"Man sollte am besten gar keine Erwartungen haben, wenn man zu einem Ort oder in ein Projekt kommt, denn die werden sowieso in jeder Hinsicht enttäuscht werden. Was auch immer Deine Erwartungen waren. Man muss sehr offen sein und sich gut anpassen können. Und Sachen auch mal herunterschlucken können, das habe ich hier sehr deutlich gelernt, nicht immer laut meine Meinung zu sagen, wie ich das normaler Weise mache, sondern immer wieder Kompromisse einzugehen."


Und jetzt, in der Hitze des südafrikanischen Hochsommers hat Marieke sogar ein richtiges Fußball-Turnier auf die Beine gestellt. Auch einen Zuschuss von der Kreisbehörde hat sie für dieses besondere Event aushandeln können. Ein eigens gegründetes Team des Thusong-Kinderheimes misst sich nun mit verschiedenen Mannschaften eines Jugendgefängnisses.


Marieke Fröhlich:
"Gewonnen hat der Gastgeber, die Justizvollzugsanstalt. Wir selbst sind auf dem 3. Platz gelandet - aber wir haben uns gut geschlagen! Die Jungs waren richtig gut: Ohne Trainer, ohne richtige Fußballschuhe und so. Die haben das gut gemacht! Ich bin stolz!"

Fußball als Sozialarbeit. Das war eine gute Idee der deutschen weltwärts-Freiwilligen, muss auch Rebecca anerkennen.

Rebecca Tsiane
"Ich mag sehr, was sie tun. Und ich lerne auch sehr gerne von ihnen. Deshalb habe ich immer gesagt: Ich möchte, dass die Freiwilligen mit mir im Haus leben. Damit sie einfach einen Eindruck vom südafrikanischen Leben bekommen, Pap zu essen, unsere hausgemachten Dombies zu essen, unsere Fat-Cakes zu essen, weißt Du, unser Essen eben! Südafrikanische Lebensart zu erfahren, wie wir das Wenige teilen, das wir haben."

Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich. (Lukas 18, 27)

Auch das ist eine Jahreslosung. Nein, noch nicht die für dieses taufrische Jahr 2010, sondern sozusagen das Auslaufmodell, das biblische Motto der letzten 12 Monate. "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." Für Marieke, die weltwärts-Reisende auf der Suche nach dem Nächsten in Südafrika, hat sich diese Losung spätestens seit dem erfolgreichen Fußball-Turnier im Frühjahr 2009 tatsächlich erfüllt.

Mit mehr Gelassenheit und Gottvertrauen absolvierte sie dann auch die letzten Monate ihres Freiwilligendienstes - bis zur Rückkehr nach Deutschland im August. "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich." - Diese Einsicht entlastet.

Marieke Fröhlich
"Ich hab ganz, ganz viele Probleme gehabt damit, mit Ungerechtigkeiten klar zu kommen. Das ging von Kleinigkeiten, die ich quasi im Projekt erlebt habe, wo ich Sachen ganz ungerecht fand, die mich quasi nicht schlafen gelassen haben, bis hin zur ganzen ungerechten Welt: Dass es die großen reichen Industriestaaten gibt und die armen Länder. Aber ich glaube, also ich hab auch gelernt, irgendwie damit umzugehen. Also sonst hätt ich wahrscheinlich das Jahr gar nicht geschafft. Wenn man das nicht irgendwie ein bisschen akzeptiert. Also natürlich hat man als Freiwilliger immer auch einen großen Anspruch, einen sehr naiven Blick auf den Freiwilligendienst und was einen erwartet und so weiter, und da wurde ich sehr schnell gebremst, ich bin ziemlich hart auf die Nase gefallen, am Anfang. Und hab dann quasi auch gemerkt, wie ich so ein bisschen abgestumpft bin. Also wie ich manche Sachen nicht mehr wirklich wahrgenommen habe, die ich vorher eigentlich alle total unmöglich fand, aber das ist halt auch einfach nötig, um dann dort zu arbeiten und zu leben. Und das richtet dann den Blick auch wieder auf die wichtigen Dinge, die wichtigen Dinge, die für die Menschen in der Situation die wichtigen sind, nicht für meinen Blick der Dinge."

Die Grenzen dessen zu akzeptieren, was man selbst tun kann, heißt also nicht: den Kopf in den Sand zu stecken oder Veränderungen womöglich erst gar nicht mehr anzustreben, weil's ja doch keinen Sinn hat. Im Gegenteil: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich", das heißt nichts anderes, als immer wieder neu mit Gott zu rechnen. Auch und gerade angesichts menschlicher Unzulänglichkeiten. Weltwärts-Reisende wie Marieke kann dieser Gedanke immer wieder aufrichten und vor falscher Resignation bewahren.

Marieke Fröhlich
"Es gibt unheimlich viele Menschen, die sich engagieren. Ich hab so viele Leute getroffen, die sehr beeindruckende Dinge getan haben, die sehr viele Menschen beeinflusst haben. Und dass jeder quasi seinen Teil dazu beitragen kann, auch aus Deutschland kann man sein Leben minimal umstellen und kann dadurch sehr viel beeinflussen. Auch wenn ich jetzt als Studentin nur zweimal die Woche freiwillig zur Nachhilfe in irgendeine Schule gehe, oder so, dass man dadurch schon sehr viel beeinflussen kann. Und wenn das einfach mehr Leute sich bewusst machen würden, dann würde sich schon einiges tun."

Marieke Fröhlich hat beschlossen, sobald wie möglich zurück nach Südafrika zu gehen. In Kapstadt wird sie schon ab Februar Psychologie studieren und sich dann auch weiterhin sozial engagieren. Ein mutiger Schritt - vielleicht ganz im Sinne der Losung für dieses neue Jahr. Sie steht im 14. Kapitel des Johannesevangeliums, gleich zu Beginn im 1. Vers, und lautet so:

"Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht. Glaubt an Gott und glaubt an mich."

Mögen wir also alle mit furchtlosen Herzen in dieses neue Jahr 2010 gehen, denn zum Nächsten, das kann man von mutigen Menschen wie Marieke lernen, zum Nächsten lohnt sich ganz gewiss auch der weiteste Weg.


Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandfunk und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.


 
 

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