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10.01.2010
Gekreuzigter Jesus Christus an einem Feldkreuz (Bild: AP) Gekreuzigter Jesus Christus an einem Feldkreuz (Bild: AP)

Selig oder glücklich?

Ein Streifzug durchs Glücksterrain

Von Hans-Jürgen Benedict, Hamburg

Gegenwärtig boomt die Glücksliteratur. Der Markt ist voll von Ratgebern. Der Begriff Glück kommt in der Bibel fast nicht vor. Ziel des Christenlebens ist traditionell die Erlösung, das Frommsein, der Zustand der Gnade, die Seligkeit. Das könnte man auch mit glücklich übersetzen. Hier leuchtet eine andere Erfahrung von Glücklichsein auf - nicht die krampfhafte Suche nach individuellem Glück, sondern die Übereinstimmung mit Gott und seinen Geschöpfen - eine eher mystische Erfahrung also.

Vor ein paar Jahren machte ich mit einer Gruppe von Studenten eine Israelreise. Es war einer der schönsten Augenblicke dieser Reise, als wir auf dem Eremos, dem Berg der Seligpreisungen, am See Genezareth standen. Das ist der Hügel, auf dem Jesus nach einer alten Tradition wahrscheinlich seine Bergpredigt gehalten hat. Es ist ein schöner Frühlingstag. Ein Blumenteppich von weißen und gelben Blumen breitet sich vor uns aus. Darunter die rote Anemone und die blaue Iris, die Jesus "die Lilien des Feldes" nannte, sie seien schöner gekleidet als der König Salomo in all seiner Pracht. Ein sanfter Wind weht. Wunderbar der Blick auf den See und die umliegenden Dörfer. Wir sind glücklich und zufrieden, auch die, die gestern noch über die lange Autofahrt von Jericho hierher geklagt hatten. Ich hole mein Neues Testament aus dem Rucksack und beginne die Seligpreisungen aus dem Matthäusevangelium vorzulesen.
"Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen."(Matthäus 5,2-6) Ich unterbreche die Lesung und erkläre den Studenten, dass "selig" im Griechischen eigentlich "glücklich" bedeutet. Es handle sich also um Glücklichpreisungen. Dann lese ich weiter: "Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. … Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Kinder Gottes heißen." Gegen alle üblichen Vorstellungen der Menschen, sage ich, ruft Jesus das Glück in die Welt hinein für Menschen, die wir eher für unglücklich halten. Nicht die Reichen, die Gesunden, die Zufriedenen, die Durchsetzungsfähigen nennt er glücklich, sondern die Armen, Hungernden und Leidenden. Eine Provokation, eine Sprachhandlung mit Folgen, die bis heute fortwirkt. Ein Aufruf, unser herkömmliches Glücksverständnis in Frage zu stellen. Hier wurde zuerst in der Menschheitsgeschichte die Option für die Armen ausgesprochen. Das sei noch besser beim Evangelisten Lukas zu erkennen, sage ich, wo es heißt: "Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes gehört euch. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert, denn ihr sollt satt werden …" (Lukas 6,20) "Da werden sich die Hartz IV-Empfänger aber freuen", wirft ein Student ein, der gerne mal ein bisschen provoziert. "Dann brauchten sie ja nicht mehr am Monatsende zur kirchlichen Suppenküche zu gehen." Eine Studentin erinnert: "Was werden die Palästinenser in ihren armseligen Behausungen im Westjordanland ohne Wasseranschluss zu dieser Verheißung Jesu sagen?"
Bevor ich antworten kann, ist eine andere Gruppe angekommen. Offensichtlich Franzosen. Der Reiseleiter zückt auch schon seine Bibel. Wir gehen ein bisschen abseits, genießen den Ausblick und hören mit einem Ohr die Seligpreisungen Jesu auf Französisch.


"Gott, was ist Glück?" fragte der Romanschriftsteller Theodor Fontane vor 120 Jahren und antwortete: "Eine Grießsuppe, eine Schlafstelle und keine körperlichen Beschwerden, das ist schon viel."1 Heute würden wir sagen: "Ein Steak, eine bezahlbare Drei-Zimmer-Wohnung und keine Rückenbeschwerden." Glücksdefinitionen gibt es unendlich viele. Einige sind eher scherzhaft. "Dem Glücklichen schlägt keine Stunde", sagt man wohl in Anlehnung an Schiller, wenn jemand vergisst, auf die Zeit zu achten. Der Volksmund erinnert mit "Glück und Glas, wie leicht bricht das" an die Unbeständigkeit des Glücks. Von Buddha gibt es den Spruch: "Es gibt keinen Weg zum Glücklichsein. Glücklichsein ist der Weg." Ein Autofahrer von heute würde sagen: Glück ist, wenn ich in der City eine Parklücke finde. Und er hätte etymologisch gar nicht mal so Unrecht. Denn das Wort Glück stammt aus dem Mittelniederdeutschen gelucke oder dem Gotisch Angelsächsischen (Altniederfränkischen) lukan, das bedeutet etwas schließen. Die Luke ist etwas, das schließt, noch erkennbar an dem englischen Wort für Glück - Luck. Glück ist also, wenn etwas passt und schließt - die Parklücke für das Auto, das Glück, den passenden Partner gefunden zu haben. Ich empfinde es schon als Glück, wenn ich ein lange verlegtes Buch oder meine Brille wieder finde.
Glück ist aber auch Lebenszufriedenheit, das was die Engländer happiness nennen. Von dieser sagten die US-Amerikaner 1786 in ihrer Unabhängigkeitserklärung, jeder habe das Recht auf Glück, pursuit of happiness. Ein Amerikanischer Traum - das Recht auf Glück. Aber: Was ist Glück? Kann man es messen? Es gibt einen Happy Planet Index der Stiftung New Economics Foundation, der im Auftrag der Vereinten Nationen in 143 Ländern erhoben wurde. Dieser Index setzt sich aus drei Komponenten zusammen: dem subjektiven Wohlbefinden, der objektiven Lebenserwartung und dem Ressourcen-Verbrauch, also dem Verhältnis zur Umwelt. Nach dem Index von 2009 sind nicht die Superreichen am zufriedensten sondern eher die armen Mittelamerikaner.
An erster Stelle steht Costa Rica - ein Land, das keine Armee hat, sondern eine gut ausgerüstete Polizei und einen Staatspräsidenten, der Friedensnobelpreisträger ist. Es folgen neun weitere lateinamerikanische Länder. Die reichen Nationen landen auf der Liste der 143 Länder im Mittelfeld, Deutschland auf Platz 50. Die USA befinden sich wegen ihrer verheerenden Öko-Bilanz erst auf Platz 114. Erfüllt sich mit diesem Happy Planet Index also auf überraschende Weise Jesu Seligpreisung der Armen unter den Bedingungen des Jahres 2010? Selig seid ihr relativ armen Länder, der Titel glücklichstes Land gehört euch. Glücklich seid ihr, denn ihr habt euch euer bescheidenes Glück, euern mittleren Wohlstand nicht auf Kosten der Umwelt und den Preis des Klimawandels erkauft.


Die reichen Länder sind nicht die glücklichsten, aber bei ihnen boomt die Glücksliteratur. Ich gehe in eine große Buchhandlung in einem Einkaufszentrum. Ich frage eine Verkäuferin nach Titeln zum Thema Glück. Sie gibt das Stichwort in den Computer ein. Über 2000 Titel, in denen das Wort Glück oder glücklich vorkommt. Wir engen die Suche ein. Beim Thema Glücksratgeber reduziert sich die Zahl, aber an die 100 sind es auch. Sie empfiehlt mir eine Ecke mit Ratgeberliteratur ein Stockwerk höher. Es handelt sich jedoch vor allem um Ratgeber zum Thema Glück in der Liebe und der Ehe. Mehrere Ratgeber über besseren Sex, der glücklich macht. Aber auch: "Das Geheimnis des Glücks. Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe". Ich gehe weiter. Da entdecke ich einen Tisch, der ausschließlich dem gegenwärtig erfolgreichsten Glücksbuch vorbehalten ist. Es stammt von Dr. Eckart von Hirschhausen und heißt:"Glück kommt selten allein…" Auf der Rückseite lese ich: "garantiert mit 20% weniger Ratschlägen als vergleichbare Bücher." Der Arzt Eckart von Hirschhausen ist ein bekannter Kabarettist, Humor-Trainer, Redner und Bestsellerautor. Sein Glücksratgeber ist nicht ganz ernst gemeint. Ich blättere darin und lese: "Mit Glückstipps ist es so ähnlich wie mit Diätratgebern. Wenn etwas wirklich davon funktionieren würde, wäre der Markt nicht so voll davon."2 Das gefällt mir. Ich kaufe das Buch. Zu Hause setze ich mich aufs Sofa und blättere es durch. Da finde ich: " Sieben Dinge über das Glück, die Sie wissen wollten, aber eigentlich schon wissen."3
Also Punkt 1: Menschen sind gern unglücklich.
Wir sind nicht auf der Erde, um glücklich zu sein. Sondern um zu überleben. Das ist Punkt 2.
Das habe ich schon mal bei Sigmund Freud gelesen.
Punkt 3: Kein anderer ist dazu da, uns glücklich zu machen. Punkt 4: Wenn du wirklich was für dich tun willst, dann tue was für andere. Eine gute Formel für die Zivilgesellschaft und das ehrenamtliche Engagement.
Punkt 5 und 6 überspringe ich - bei Punkt 7. schließlich heißt es:doppeldeutig "Liebe dich selbst, dann können die anderen dich gerne haben."4 Ein augenzwinkernder Glücksratgeber, unterhaltsam und einfallsreich. Ich werde das Buch einem melancholischen Freund schenken, vielleicht kann er darüber schmunzeln.


Ich leere meinen Briefkasten und finde ein schmales Päckchen von dem Freund, dem ich das Buch von Hirschhausen geschenkt habe. Er bedankt sich herzlich für den entzückenden Ratgeber, das muss wohl Ironie sein, und schickt mir als Gegengabe ein kleines Büchlein von dem Berliner Philosophen Wilhelm Schmid, dem prominenten Vertreter der Lebenskunst. Es heißt: "Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist."5 Es sei, schreibt der Freund, nur knapp 80 Seiten lang, aber die hätten es in sich. Danach könne ich mir die übrige Literatur sparen. Schmid unterscheidet das Zufallsglück, das Wohlfühlglück, das Glück der Fülle und das Glück des Unglücklichseins. Das Zufallsglück ist das unsicherste. Kein Glück ohne die Möglichkeit des Unglücks, von den Alten dargestellt im rollenden Rad der Göttin Fortuna. Das Wohlfühlglück meint die schönen Augenblicke, die Glücksmomente: die Tasse Tee am Morgen, ein schöner Film, ein überwältigendes Konzert. Das dritte Glück, das Glück der Fülle, so Schmid, ist das Atmen zwischen den Polen des Positiven und das Negativen. Es sei ein heiteres Glück, zu dem auch das Unglücklichsein gehöre, die Melancholie. Für Wilhelm Schmid ist nicht das Glück das Wichtigste im Leben, sondern der Sinn. Er meint, dass die Dringlichkeit des Strebens nach Glück ein Indiz dafür sein könnte, das wir den Sinn über uns hinaus entbehren. Also den Sinn für die Dimension der Transzendenz, die die Grenze des endlichen Lebens überschreitet. Mir fällt die Verheißung vom himmlischen Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes ein. "Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein." (Offenbarung 21,4) Gut, wer an diese Hoffnung über den Tod hinaus für die in diesem Leben Ungetrösteten glauben kann.


Ich sortiere alte Zeitungen und Magazine aus. Und da fällt mir doch tatsächlich eine Titelgeschichte zum Thema Glück in die Hand, gerade das Richtige für meinen Streifzug durch das Glücksterrain. Denn es gibt eine Glückswissenschaft. Sie heißt positive Psychologie, entstanden ist sie in den USA. Eine ihrer Gallionsfiguren ist Martin Seligman; Autor des Buches "Der Glücksfaktor: Warum Optimisten länger leben." Seligman, der Name scheint Programm. Positive Emotionen, so seine These, sind unerlässlich für psychische Gesundheit und für ein erfülltes Leben. Diese positiven Gefühle kann man erforschen und auch antrainieren. Darüber wurde auf dem 1. Welt-Kongress für Positive Psychologie in Philadelphia im Juni 2009 berichtet. Die Professorin Barbara Fredrickson von der University of North Carolina, die weltweit führende Wissenschaftlerin in Sachen guter Gefühle, sagt:


"Die Menge guter Gefühle, die ein Mensch hat, steht in direktem Zusammenhang, ob er im Leben aufblüht oder nur so dahindümpelt. Emotionen sind nicht unkontrollierbar wie das Wetter. Sie hängen auch nicht primär von den Umständen ab, sondern davon, wie wir diese interpretieren."6

Der Glücksquotient liegt bei 3:1. Auf jedes schlechte Gefühl sollten mindestens drei gute kommen. Fredrickson rät den dahindümpelnden Zeitgenossen:

"Fechten sie ihre grundlos negativen Gefühle an wie ein Anwalt vor Gericht. Analysieren Sie die Fakten. Finden und vermeiden Sie ihre Negativitätstretminen. Nutzen Sie gezielt ihre Stärken. Fördern sie Freundschaften und Beziehungen - gute Gefühle sind kein Solo-Projekt."7

Wissenschaftler der Carnegie Mellon-Universität wollen herausgefunden haben, dass Optimisten weniger krank werden. Die frohe Botschaft der positiven Psychologie lautet: Glück im Sinne von Gesundheit, Wohlbefinden, Zufriedenheit ist machbar durch Erzeugung und Verstärkung positiver Gefühle.
In dieser Allgemeinheit wird ihr jeder zustimmen. Ich stelle mir für einen Moment vor, der Jesus der Bergpredigt käme auf diesen Kongress für Positive Psychologie und würde seine 2000 Jahre alte Botschaft der Seligpreisungen vortragen. Würde man ihn nicht für verrückt erklären? "Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes." "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Natürlich müsste Jesus seine Thesen genauer belegen. Man würde ihn nach der statistischen Grundlage seiner Glücklichpreisungen befragen. Sicher gäbe es auch Teilnehmer, die ihm angesichts des Hungers auf der Welt eine zynische Hoffnungsmache mit seiner Glücklichpreisung der Armen vorwerfen. Er müsse schon zeigen, wie denn die Lebensbedingungen der Armen verbessert werden können. Jesus ist verunsichert. Ihm gehe es mehr um das Grundsätzliche, um die Umkehrung der Wertmaßstäbe, um die Herstellung von mehr Gleichheit. Das Auditorium wird unruhig. Zufällig ist auf dem Kongress ein kritischer Glückswissenschaftler, der schon etwas ältere Londoner Wirtschaftsprofessor Richard Layard, der einen anderen Glücksansatz als Martin Seligman und Barbara Fredrickson vertritt. Er nimmt Jesus in Schutz und verweist auf sein Buch "Die glückliche Gesellschaft." Layards These lautet: Wohlstand ist nicht gleich Wohlbefinden. Obwohl sich das Einkommen in vielen westlichen Ländern vervielfacht hat, ist die Bevölkerung kaum glücklicher geworden. Ab einem bestimmten Einkommen, das ungefähr 20.000 Dollar pro Jahr beträgt, steigt das Wohlbefinden nicht mehr. Trotz eines steilen Anstiegs des Bruttoinlandprodukts in den vergangenen 50 Jahren, dümpeln viele reiche Länder auf einem mittleren Zufriedenheitsniveau dahin, während sie gleichzeitig die Erderwärmung beschleunigen. Deswegen seine Forderung:

"Politik darf sich nicht länger an der Steigerung des Bruttoinlandprodukts orientieren, sondern an der Erhöhung des Bruttowohlbefindens."8

Jesus ist dankbar für diese Hilfe des Londoner Professors und zieht sich zurück. Ein Kongress für Positive Psychologie ist doch nicht die richtige Arena für ihn.


"Ich halte Jesus für den glücklichsten Menschen, der je gelebt hat …"9

Diesen Satz finde ich in Dorothee Sölles Büchlein "Phantasie und Gehorsam". Das ist ein Satz, der aus dem Munde einer Theologin ganz ungewöhnlich klingt. Jesus, so Sölle, habe eine Selbstlosigkeit ausgestrahlt, die auf erfahrenem Glück beruhte. Deswegen konnte er sein Glück mit anderen teilen, deswegen war er fähig zum Verzicht, zur Hingabe und zum Leiden.

"Von Christus ist zu lernen: Je glücklicher einer ist, umso leichter kann er loslassen."10

Ein ungewöhnliches Jesusbild - Jesus als glücklicher Mensch, von dem zu lernen ist, wie man Glück erfahren und teilen kann. Als Stellvertreterinnen Christi sind alle Christinnen und Christen aufgerufen, sich wie Jesus von Gott gebrauchen zu lassen, um die Veränderung der Welt voranzutreiben. Glaube ist also das Glück, von Gott als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin an seinem Reich gebraucht zu werden. Das Reich eben, das Jesus in seinen Seligpreisungen geschildert hat, in dem die Armen zu ihrem Recht kommen und die Friedensstifter herrschen. Indem wir an diesem Glücksreich mitbauen, sind wir alle Söhne und Töchter Gottes. Glück liegt hier in dem Reichtum an Beziehungen. Viele Umfragen heute zeigen, dass Menschen gelungene Beziehungen und Freundschaften für ganz wichtig halten, wie es ja auch die Positive Psychologie vertritt. Glück liegt darin, dass das erfahrene Glück, christlich-traditionell gesprochen die Gnade, Kreise zieht. Ich kenne eine Frau, die mehrmals in der Woche durch die Stadt fährt, um in der Suppenküche einer Kirchengemeinde Essen an Bedürftige auszuteilen. "Ich brauche das", sagt sie. "Das gibt meinem Leben einen Sinn, der über die alltäglichen Verrichtungen hinausgeht. Ich werde beschenkt durch die Lebensgeschichten der Wohnungslosen, durch den Austausch mit den anderen Mitarbeitern." So wie diese Frau handeln in unserem Land Hunderttausende, die sich ehrenamtlich engagieren. Sie brauchen das, um jenes Glück zu finden, das Sinn heißt.
Glück ist also die Gewissheit, gebraucht zu werden. Es geht nicht nur um meine Glücksbedürfnisse sondern auch um die der anderen. Glück ist die Fähigkeit, erfahrenes Glück zu teilen und weiterzugeben. Gespeist wird dieses Glück aus dem Gefühl des Einssein mit allem Lebendigen, einer tiefen Sinnerfahrung der Geborgenheit in Gott.


Mein Streifzug durch das Glücksterrain ist fast zu Ende. Der späte Nietzsche bemerkte einmal:

"Wie wenig gehört zum Glücke! Der Ton eines Dudelsacks. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum."11

Glück muss etwas sein, was den Menschen geradezu leiblich erschüttert. Als ich vor Jahren mit einer Studentengruppe frühmorgens auf dem Riesen-Flughafen Heathrow von einer Gangway zu einer anderen ging, stimmte eine Studentin auf einmal ein Morgenlied Paul Gerhardts an. Sie hatte bemerkt, wie die Sonne aufging. Da sang es aus ihr mit aller Kraft heraus. "Die güldne Sonne voll Freud und Wonne mit ihrem Glänzen bringt unsern Grenzen ein herzerquickendes, liebliches Licht". Nach und nach fielen die anderen ein. Erstaunt hielten die Vorbeihastenden inne. In diesem technischem Monsterbau aus Glas und Stahl erklang ein Lied, das etwas anderes wachrief, die Gegenwart Gottes. "Mein Haupt und Glieder, die lagen danieder, aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht." (Evangelisches Gesangbuch (EG) 449) Ich stelle mir vor, Jesus hat auf dem Berg der Seligpreisungen mit seinen Jüngern und Jüngerinnen gesungen. Einen Psalm, den 146. zum Beispiel. Du meine Seele, singe, wohlauf und singe schön. Ein Lob Gottes als Glücksgesang.



Quellen und Literaturangaben:
1 TAZ 5./6.12.2009, 2 Zeilen.
2. Eckart v. Hirschhausen, Glück kommt selten allein, Rowohlt-Verlag, Reinbek 2009, 13f, 2 Zeilen.
3 Ders., 41, 3 Zeilen.
4 Ders., 43, 2 Zeilen.
5 Wilhelm Schmid, Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1967.
6 "Gipfel der Glücklichmacher", Focus 30/2009, 73f, 4 Zeilen.
7 Focus 30/2009, 74, 3 Zeilen.
8 Focus 30/2009, 75f, 2 Zeilen.
9 Dorothee Sölle, Phantasie und Gehorsam, Kreuz-Verlag, 1968, 63, 2 Zeilen.
10 Dies., a.a.O., 65, 1 Zeile.
11 Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung, in: ders, Werke in drei Bänden, Darmstadt 1963, Bd. 2, 947, 2 Zeilen.

Musikangaben:
1. Musik Klezmermusik) (Messiaen Regards sur la vie des Jesus)
2. Musik Buena Vista Social Club oder was anderes Lateinamerikanisches
3. Musik Abdullah Ibrahim African Market place Oder Caroussel von Branem?
4. Musik Mahler Lied von der Erde "Abschied"
5. Musik O happy day oder Jesu bleibet meine Freude
6. Musik: Bach, Jesu bleibet meine Freude
7. Musik mindestens 2 Minuten instrumentale Schlussmusik

Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, Senderbeauftragte für Deutschlandfunk und Deutsche Welle für den Medienbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland.


 
 

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