Der heutige Sonntag liegt zwischen den Todestagen von Helmuth James Graf von Moltke und P. Alfred Delp SJ. Beide wurden 1945 von den Nazis in Berlin-Plötzensee ermordet. Ihr gemeinsames christlichen Zeugnis als Martyrer der Glaubens- und Gewissensfreiheit ist heute die Grundlage und die Triebfeder der Ökumene an der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum und dem Evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee in Berlin.
"Und wenn wir wieder draußen sind, wollen wir zeigen, dass mehr damit gemeint war und ist als eine persönliche Beziehung. Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopfutopie glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch unteilbar und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen als es unseren streitbaren Vorfahren und Zeitgenossen gelang."
P. Alfred Delp konnte dieses Anliegen nicht weiterverfolgen. Diese Worte schrieb er wenige Wochen vor seinem Tod an einen Mitgefangenen im Gefängnis Berlin Tegel. Am 2. Februar 1945 wurde er in Plötzensee hingerichtet. Seine Asche wurde auf den Rieselfeldern Berlins verstreut. Delp gehörte zum Umfeld der Männer des 20. Juli. Das Attentat auf Adolf Hitler bot den Nazis eine Gelegenheit, den Jesuitenpater aus dem Weg zu räumen. Seine Mitgliedschaft in der Widerstandsgruppe "Kreisauer Kreis" und seine auffällig gewordene christlich-soziale Weltanschauung waren für den Volksgerichtshof Anlass genug, ihn zum Tode zu verurteilen.
Wenige Tage vor Pater Delp wurde einer der führenden Köpfe des Kreisauer Kreises hingerichtet, ebenfalls in Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses Plötzensee. Helmuth James Graf von Moltke wurde am 23. Januar 1945 erhängt.
Die geistliche Freundschaft, die sich zwischen dem Katholiken Delp und dem Protestanten Moltke in der Gefangenschaft entwickelte, ist ein Vermächtnis der Ökumene, das vor allen Dingen in zwei Kirchen in Berlin weiter getragen wird: Dem evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee und der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Martyrum.
Dem evangelischen Gemeindezentrum und der katholischen Gedenkkirche geht es nicht nur um Moltke und nicht nur um Delp. Die Erinnerungsarbeit, die hier geleistet wird gilt allen christlichen Blutzeugen, die in der NS-Zeit für die Glaubens- und Gewissensfreiheit ihr Leben gelassen haben. So wird zum Beispiel in der Gedenkkirche Maria Regina Martyrum ausdrücklich auch an Dr. Erich Klausener erinnert, er wurde schon 1934 von den Nazis ermordet, und an den Berliner Dompropst Bernhard Lichtenberg, der 1943 auf dem Weg in das KZ Dachau starb. Das Besonderen an den Personen Moltke und Delp ist ihr "gemeinsamer Weg" in den Tod, ist das gemeinsame Martyrium eines Protestanten und eines Katholiken.
Günter Brakelmann ist evangelischer Theologe, Pfarrer und war Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Fakultät für Evangelische Theologie der Ruhr-Universität Bochum. In vielen Publikationen hat er sich mit Helmut James Graf und Moltke befasst und hat seine Tagebuchaufzeichnungen herausgegeben. In einer Predigt im Evangelischen Gemeindezentrum Plötzensee kommt er zu dem Schluss, dass mit Moltke und Delp nicht nur ein Kapitel der deutschen politischen Widerstandsgeschichte, sondern auch der deutschen Kirchengeschichte geschrieben wurde. Für sie und viele andere Männer des Widerstandes seien die letzen Beweggründe, den NS-Totalitarismus politisch zu überwinden, aus ihrer christlichen Überzeugung gekommen. Die NS-Weltanschauung sei für sie genau der Gegensatz zum christlichen Menschenbild, zur christlichen personalen und sozialen Ethik und zum christlichen Staatsverständnis gewesen.
"Der evangelische Moltke und der katholische Delp haben in besonderer Weise diese Zusammenhänge durchdacht, erlebt und durchlitten. […] Ihr Ende haben sie gemeinsam erlebt. Sie sahen sich am 28./29. September [1944] im Tegeler Gefängnis wieder. Sie wurden Zellennachbarn, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Eugen Gerstenmaier und Fugger von Glött. Zwischen diesen Vier - zwei katholische und zwei evangelische Christen - ereignete sich in den nächsten Monaten so etwas wie eine ökumenische Gemeinde "in Fesseln", mitgetragen von den beiden Gefängnispfarrern: dem katholischen Peter Buchholz und dem evangelischen Harald Poelchau. Da alle eine Bibel hatten, verständigte man sich auf das gemeinsame Lesen von Tagestexten. Kleine Kassiber wanderten von Zelle zu Zelle. Klopfzeichen verstärkten den Kontakt. Einmütig übernahmen sie die katholische Praxis der Novenen-Gebete. Sie lernten allein und miteinander, die Bibel neu zu lesen und sie lernten, konzentriert für andere und sich selbst zu beten. Sie übernahmen eine selbst gewählte geistliche Disziplin. Ihr korrespondierte eine geistige Disziplin. […] In einem Brief teilte Delp mit: "Zu Weihnachten haben wir Vier wieder eine gemeinsame Novene angefangen. Diese betende Una Sancta in vinculis. Für Moltke wird in der Krypta von St. Gereon in Köln jeden Tag Messe gelesen …" Weihnachten feierten die Vier durch die Wände hindurch eine gemeinsame Messe."
Der Prozess vor dem Volksgerichtshof wurde mehr und mehr zu einem Tribunal gegen das Christentum. So sah es Moltke und so sah es auch Delp. An seine Mitbrüder schrieb er, dass der Prozess so eindeutig antikirchlich und antichristlich gewesen sei. So eindeutig gegen Kirche und Christentum. Moltke sah in der Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet nun einen Grund, für den es sich lohne umgebracht zu werden. Er stehe "vor Freisler nicht als Protestant, nicht als Großgrundbesitzer, nicht als Adliger, nicht als Preuße, nicht als Deutscher … , sondern als Christ und als gar nichts anderes."
Günter Brakelmann kommt in seiner Predigt zu dem Schluss:
"Es ist der braune Großinquisitor [Roland Freisler], der die Ausschließlichkeit eines gelebten christlichen Glaubens und eines sich ausagierenden Nationalsozialismus erkannt hat. Von seinem Freud-Feind-Denken her musste er Moltke und Delp vernichten. Er richtete nicht mehr ihre Taten, sondern verurteilte sie als Christen, die das von ihm repräsentierte System fundamental geistig-moralisch infrage stellten und dadurch seine konsequenteste politische Bedrohung darstellten. […] Moltke und Delp haben sich nach ihrem eigenen Selbstverständnis als Christen in ökumenischer Gemeinschaft für den von ihnen bezeugten Gott Jesu Christi hängen lassen. Sie waren beides: Männer des politischen Widerstandes und Blutzeugen für christlichen Glauben, für christliche Ethik und Zeugen für die Kirche Jesu Christi auf Erden. Wir sollten beide in unser ökumenisches Märtyrerbuch aufnehmen."
Die Idee eines ökumenischen Wörterbuches ist ausgezeichnet. Darin sollte es nicht nur um das Nebeneinanderstellen der Blutzeugen der verschiedenen Konfessionen gehen. Es wäre vielmehr eine Betonung der Gemeinsamkeit von Bedeutung, das "Blutzeugnis in ökumenischer Gemeinschaft", wie es Günter Brakelmann nennt.
Vor gut vierzig Jahren wurde dieser Gedanke schon einmal formuliert. Anlass war das Gedenken des 25. Jahrestages des Attentats auf Hitler 1944. In der katholischen Gedenkkirche Maria Regina Maryrum fand am 22. Juli 1969 eine ökumenische Feier statt - Ansprachen, Gebete, Lesungen. Einer der Redner war der evangelische Pfarrer Eberhard Bethge, Direktor des Pastoralkollegs Rangsdorf im Kreis Neuwied. Das Zeugnis der Blutzeugen des 20. Juli nötige die Kirchen das christliche Martyrium neu zu buchstabieren. Erstmals habe es hier kein Martyrium gegeneinander oder nebeneinander gegeben, sondern ein Martyrium miteinander.
"Protestanten und Katholiken in Deutschland sind überraschend und gemeinsam in den Besitz eines 'neuen Alphabets' gelangt. Das heißt freilich nicht, dass sie schon wüssten, wie sie es nachbuchstabieren können und ob sie das schon gemeinsam dürfen. Wir stehen an der Schwelle eines neuen Wendepunktes in der langen Geschichte christlicher Märtyrer. Protestanten und Katholiken haben zum ersten Mal ein partnerschaftliches Martyrium gemeinsam erfahren. Der Jesuitenpater Delp beschwor vor seinem gewaltsamen Tod den evangelischen Zellennachbarn: 'Sorge dafür, … dass unsere Kirchen in ihrer Uneinigkeit unserem gemeinsamen Herrn nicht mehr Schande machen. Wir haben es solange getan. Es soll und muss ein Ende haben.' Den Perioden des Gegeneinander und des Nebeneinander folgt nun die des Miteinander im Martyrium. Aus Gottesliebe haben sich Zeugen beider Lager für die Menschenliebe aufgeopfert. Damit ist eine neue Stunde angebrochen. Die Autorität der Opfer zwingt, nicht wieder hinter sie zurückzufallen, sondern nun zusammen an dem 'neuen Alphabet' zu buchstabieren. Diese Aufgabe hat das Siegel gemeinsam durchlittener Todesstunden."
Das Miteinander des Martyriums des Protestanten Moltke und des Katholiken Delp ist für die beiden Gedenkkirchen in Berlin Charlottenburg Nord die Grundlage und die Triebfeder der Ökumene. Dabei trifft das Wort von Pater Delp an seinen Mitgefangenen genau den Punkt:
"Die geschichtliche Last der getrennten Kirchen werden wir als Last und Erbe weitertragen müssen. Aber es soll daraus niemals wieder eine Schande Christi werden. An die Eintopfutopie glaube ich so wenig wie Du, aber der eine Christus ist doch unteilbar und wo die ungeteilte Liebe zu ihm führt, da wird uns vieles besser gelingen als es unseren streitbaren Vorfahren und Zeitgenossen gelang."
Die Ökumene hier will keinen ökumenischen Eintopf kochen und gibt sich eigentlich auch nicht nur mit einem versöhnten Nebeneinander zufrieden. Der eine und unteilbare Christus, für den die ökumenischen Blutzeugen ihr Leben gelassen haben, erwartet mehr als konfessionsverbindende Nettigkeit.
Seit einigen Monaten gibt es nun ein neues ökumenisches Projekt. Es steht zum einen ganz im Zeichen der Erinnerungsarbeit, führt aber auch die Christinnen und Christen aller Konfessionen zusammen zu Gebet, Gespräch und Gottesdienst.
Es ist das "Ökumenische Gedenkzentrum Plötzensee - Christen und Widerstand". Michael Maillard, evangelischer Pfarrer der Gemeinde und Vorsitzender des Trägervereins, spricht von Charlottenburg Nord/Pötzensee als einer "ökumenischen Gedenk-Region". Die Gedenkstätte Plötzensee mit dem ehemaligen Hinrichtungsschuppen, die Kirche Maria Regina Martyrum, die durch die Schwestern des Karmel ein geistliches Zentrum in der Stadt ist, das Evangelische Gemeindezentrum mit dem "Plötzenseer Totentanz" des kürzlich verstorbenen Wiener Künstlers Alfred Hrdlicka, und auch die andere Kirche der evangelischen Gemeinde, die Sühne-Christi-Kirche - all diese Orte konzentrieren hier die Gedenkarbeit in dieser Region. Pfarrer Maillard schreibt in einer kurzen Vorstellung des neuen Gedenkzentrums:
"Wir blicken dankbar zurück auf eine jahrzehntelange enge ökumenische Zusammenarbeit zwischen den beiden Kirchen. Monatlich feiern wir in Maria Regina Martyrum ökumenische Friedensgebete. Viele Feiertage werden gemeinsam begangen, so der Altjahres-Abend, Silvester, der Reformations- und der Bußtag. Jährlich im Januar finden um den 23., dem Todestag von Helmuth James Graf von Moltke, und dem 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, die Plötzenseer Tage statt, mit Gedenkveranstaltungen, Vorträgen, Gottesdiensten und Konzerten. Auch an der Durchführung der Veranstaltungen zum 20. Juli sind wir jedes Jahr beteiligt."
Mit dem Gedenkzentrum wird die bisherige ökumenische Gedenkarbeit erweitert. Noch einmal Pfarrer Maillard:
"Nachdem es schon lange Überlegungen gab, die ökumenische Gedenkarbeit zu intensivieren und auf eine breite Basis zu stellen, hat sich im Juni 2008 eine Initiativgruppe gebildet. Ihr gehörten Mitglieder des Ev. Kirchenkreises Charlottenburg, des Karmels Regina Martyrum und der Ev. Kirchengemeinde Charlottenburg-Nord und einige Einzelpersonen an. Diese Gruppe hat erste konzeptionelle Überlegungen angestellt und die Vereinsgründung vorbereitet. Am 29. Juni 2009 hat sich formell der Verein "Ökumenisches Gedenkzentrum Plötzensee" gegründet. Bereits am 18. Juli 2008 hatte er mit einer öffentlichen Veranstaltung seine Gründung gefeiert."
Worum geht es nun in der Arbeit des Gedenkzentrums? Pfarrer Maillard benennt drei Punkte: "In ökumenischer Gemeinschaft gedenken." Dabei kommen insbesondere die Menschen des Widerstands und der Widerständigkeit gegen die Nazi-Herrschaft in den Blick. Vor allen Dingen Menschen, die bisher nur kaum oder noch gar nicht bekannt sind. So wurde bereits bei den Plötzenseer Tagen 2007 an eine orthodoxe Nonne erinnert. Mutter Marija Skobtsova, die 1945 im Konzentrationslager Ravensbrück ermordet wurde.
Ein zweites Anliegen des Gedenkzentrums ist: "In ökumenischer Gemeinschaft beten und handeln." Widerstand und Grund zum Widerstand haben in dieser Welt noch kein Ende gefunden. Deswegen gelten das Gebet und die Aktion den Menschen, die heute unter Unrechtsregimen leben und deren Menschenrechte und Menschenwürde mit Füßen getreten werden.
"In ökumenischer Gemeinschaft lernen und nachdenken." Das ist das dritte Anliegen. Gedenkarbeit ist mehr als ein Zusammentragen und Präsentieren von Daten und Fakten. Sie wird auch immer nach den Konsequenzen fragen: Was folgt aus den Erfahrungen der Nazi-Zeit für Theologie, Frömmigkeit und konkretes Handeln der Christinnen und Christen?
Das "Ökumenische Gedenkzentrum Plötzensee" ist erst im Aufbau. Noch sind nicht alle Fragen der Organisation, der Finanzierung, des Konzepts, der Werbung um Mitglieder und der Raumgestaltung geklärt. Ein großer Teil der Arbeit wird natürlich ehrenamtlich geleistet. Man hat sich viel vorgenommen: Vorträge, Seminare, Tagungen, Konzerte. Für Schulklassen soll es Projekttage geben. Besichtigungen und Führungen durch die Gedenkkirchen, Pilgerwege, ökumenische Gottesdienste und Gebete. Und immer sollen die Kirchen den Besuchern offen stehen.
Der 2. Ökumenische Kirchentag, der in diesem Jahr vom 12. bis 16. Mai in München stattfindet, wird eine gute Gelegenheit bieten, das "Ökumenische Gedenkzentrum Plötzensee" einer großen Öffentlichkeit vorzustellen. Der Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Berlin wird das Gedenkzentrum als das neueste ökumenische Projekt in Berlin präsentieren.
"Damit ihr Hoffnung habt" - so lautet das Leitwort des Ökumenischen Kirchentages. Hoffnung - das ist ein tragender Grund des Widerstandes. Es ging und geht doch immer um die Hoffnung auf eine Zukunft, in der der Mensch nicht mehr geschunden und getreten wird. Hoffnung ist auch der tragende Grund der Ökumene: Dass die Spaltung der einen Kirche überwunden wird und für jeden ein Platz ist am Tisch des Abendmahls.
Von dieser Hoffnung waren am Ende ihres Lebens auch die ökumenischen Blutzeugen Helmuth James Graf von Moltke und der Jesuitenpater Alfred Delp erfüllt. Pater Delp beschwor vor seinem gewaltsamen Tod seinen evangelischen Zellennachbarn:
"Sorge dafür, … dass unsere Kirchen in ihrer Uneinigkeit unserem gemeinsamen Herrn nicht mehr Schande machen. Wir haben es solange getan. Es soll und muss ein Ende haben."
Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Lutz Nehk, katholischer Senderbeauftragter Deutschlandradio Kultur.
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