"Quand je serai là, je serai sans souci" sagte Friedrich II. bereits 1744, vor Baubeginn seines berühmten Schlosses Sanssouci. "Wenn ich da sein werde, werde ich ohne Sorge sein." Bei Preußen denken manche zuerst an Disziplin, Drill und Militarismus. Doch die Anlage von Schloss Sanssouci ist die schönste Verkörperung einer ganz anderen Seite dieses großen Preußenkönigs mit einem Geheimnis, seines Traums von einer Welt ohne Krieg und ohne Waffen. Friedrichs Friedensutopie hat biblische Wurzeln, man muss sie nur sehen und lesen können.
"Ich kann den Krieg nicht leiden."
Friedrich II, der Große. Ein Staatsmann mit hoher Popularität und voller Widersprüche. Feldherr und Flötenspieler, Bauherr und Philosoph, ein Verfechter der Aufklärung und mit legendärer Rücksichtslosigkeit, bis zur Menschenverachtung. Ein frommer Seelenkrüppel? Einerseits verkörpert er die preußischen Tugenden Arbeitsamkeit, Pflichtbewusstsein, Sparsamkeit, strenge Ordnungsliebe, geregelten Fleiß und Ehrlichkeit - andererseits ist er listenreich und versteht es, sich elegant zu verstellen. Ein Politiker mit lauter Widersprüchen in seiner Person.
Sein 300. Geburtstag in diesem Jahr bietet viele Möglichkeiten, sich ein Bild von ihm zu machen. Der Alte Fritz als genialer Politiker, der begnadete Philosoph auf dem Preußenthron, der mutige Offizier an der Front, der kühne Stratege, der geniale Feldherr. Der Landesvater. Er machte Preußen zu einer europäischen Großmacht. Wer "Friedrich der Große" sagt, sagt "Preußen"; manchem "die Wurzel alles Bösen". Ist ein Klischee.
Es gibt aber noch eine andere, nicht so offensichtliche Seite der Person Friedrichs des Zweiten. Das ist Friedrich der Große als Friedensherrscher.
"Ich kann den Krieg nicht leiden. Krieg kann doch nicht alles sein. Das ganze Militärische, alle Bereiche von Politik und der Wirtschaft hat es erfasst. Wo ist etwas anderes? Öffentliche Züchtigungen und Demütigungen stehen an der Tagesordnung. Überall werden Soldaten gepresst. Der Drill. Das Spießrutenlaufen. Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe."
Friedrichs Vater, König Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, war fromm, cholerisch, hart und brutal. Er verlangte von seinem Sohn bedingungslosen Gehorsam. Der junge Friedrich verzweifelt als Kind an Vater und Vaterland.
"Ich kann den Krieg nicht leiden."
"Ich kann den Krieg nicht leiden."
Mit seiner Lieblingsschwester Wilhelmine - sie war drei Jahre älter - verband Friedrich zeitlebens eine Seelenverwandtschaft. Beide teilten das Interesse an Literatur und Theater und Musik. Sie spielte Laute, er Flöte. Doch seinem rigorosen Vater war dieses Musikalische-Musische ein Dorn im Auge.
Der Vater fürchtete Verweichlichung des Thronfolgers. Und so zeigt das Porträt-Bild des jungen Kronprinzen Friedrich von Preußen ihn mit elf Jahren in Galauniform und mit Perücke, in der Hand eine viel zu große Parade-Lanze - ein Bild von Hofmaler Antoine Pesne. Das Bild entspricht ganz dem Wunschbild des Vaters: Friedrich Wilhelm I. wollte aus seinem Sohn Friedrich partout einen Soldaten machen, alles Schöngeistige und Allgemeinbildende war untersagt. Der Vater hielt den Sohn streng und in einem engen Zeitkorsett. Er ließ ihm kaum Spielräume. Das zeigt zum Beispiel die Instruktion des Vaters für die ersten 15 Minuten des Sonntags:
"Friedrich soll "des Morgens um sieben Uhr aufstehen; sobald er die Pantoffeln anhat, soll er vor dem Bett auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten; und zwar laut, dass Alle, die im Zimmer sind, es hören können. Das Gebet soll dieses sein, so er auswendig lernen muss: "Herr Gott, heiliger Vater! Ich danke dir von Herzen, dass du mich diese Nacht so gnädiglich bewahrt hast; mache mich geschickt zu deinem heiligen Willen, und dass ich nichts möge heute, auch alle meine Lebtage tun, was mich von dir scheiden kann, um unseres Herrn Jesu, meines Seligmachers willen, Amen!""
"Und hierauf das Vaterunser."
"Sobald dieses geschehen ist, soll er sich geschwinde und hurtig anziehen und sich propre waschen, sich auskämmen, schwänzen und pudern, und muss das Anziehen und kurze Gebet in einer Viertel Stunde fix und fertig sein. Wenn das geschehen ist, sollen alle seine Domestiquen und Duhan hereinkommen, das große Gebet zu halten, auf die Knie; darauf Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied singen, da es drei Viertel auf acht sein wird. Alsdann alle Domestiquen wieder herausgehen sollen; Duhan soll alsdann mit meinem Sohne das Evangelium vom Sonntage lesen, kurz expliciren und dabei allegiren, was zum wahren Christentume nötig ist, auch etwas vom Catechismus repetiren und soll dieses geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem Sohne zu mir herunterkommen soll und mit mir in die Kirche gehen und essen… Das Übrige vom Tage gehört für Fritzchen."
Jacques Égide Duhan de Jandun war zunächst Lehrer am Collège Français oder "Französischen Gymnasium Berlin", der ältesten öffentliche Schule Berlins, und wurde 1716 der Erzieher Friedrichs bis zu dessen Konfirmation. Ein Hugenotte, hochgebildet. Er setzte sich über die engen Bestimmungen des Vaters und Königs mutig und listig hinweg und weckte in seinem Schüler Begeisterung für philosophische und literarische Werke, auch für Latein und die Antike. Heimlich verschaffte er dem Kronprinzen eine ganze Bibliothek in französischer Sprache. Genauso heimlich war auch der Flötenunterricht des jungen Friedrich bei Johann Joachim Quantz. Doch die Konflikte mit dem tyrannischen Vater spitzten sich weiter zu. Des öfters stürmte der ins Zimmer, verbrannte Friedrichs Flöte und die Noten. Sah er sein Lebenswerk durch seinen Nachfolger bedroht? Liebt er seinen Ältesten? "Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn beizeiten." Buch der Sprüche, Kapitel 13, Vers 24.
Gewalttätig, barbarisch und erbarmungslos - solche Zurichtungen durch Friedrich Wilhelm gehörten damals zur königlichen Familie. Der König lehnte seinen "effeminierten", also "weibischen und verweichlichten" Sohn ab und führte den Kronprinzen, wo es nur ging, als Schwächling vor. Seit Friedrich etwa zwölf war, hatte er dazu begonnen, den Sohn regelrecht zu verprügeln - das war eine neue Dimension. Friedrich schildert es seiner Schwester, heimlich schreibt er:
"Man predigt mir alle Tage Geduld, allein niemand weiß, was ich ertragen muss. Täglich bekomme ich Schläge, werde behandelt wie ein Sklave und habe nicht die mindeste Erholung. Man verbietet mir das Lesen, ich darf fast mit niemand mehr sprechen, bin beständig in Lebensgefahr, von lauter Aufpassern umgeben, mir fehlt es selbst an der nötigen Kleidung, noch mehr an jedem andern Bedürfnis. Was mich endlich ganz überwältigt hat, ist der letzte Auftritt, den ich in Potsdam mit dem König hatte. Er lässt mich des Morgens rufen; sowie ich eintrete, fasst er mich bei den Haaren, wirft mich zu Boden, und nachdem er seine starken Fäuste auf meiner Brust und meinem ganzen Leibe erprobt hatte, schleppt er mich an das Fenster und legt mir den Vorhangsstrang um den Hals. Glücklicherweise hatte ich Zeit gehabt, mich aufzuraffen und seine beiden Hände zu fassen; da er aber den Vorhangsstrang aus allen Kräften zuzog und ich mich erdrosselt fühlte, rief ich endlich um Hilfe. Ein Kammerdiener eilte herbei und befreite mich mit Gewalt aus des Königs Händen. Sage nun selbst, ob mir ein anderes Mittel übrigbleibt als die Flucht?"
Als er 18 Jahre ist, hält er es nicht mehr aus. Friedrich versucht mit Hilfe eines Freundes ins Ausland zu fliehen. Doch sein Fluchtversuch scheitert. Der Vater fordert die Todesstrafe auch für den 18-jährigen Sohn und ist nur schwer davon abzubringen. Die Festungshaft für den Deserteur Friedrich muss aber sein. An Friedrichs Stelle stirbt sein Freund - Leutnant Hans Hermann von Katte wird enthauptet, und Friedrich wird gezwungen, zuzuschauen!
Man staunt, dass es der Kronprinz danach schafft, sich in diesem Leben irgendwie einzurichten. Er wird älter, steckt Demütigungen ein - und entwickelt seine eigenen Strategien: Sarkasmus und eine immer geschliffenere Zunge, das sind Waffen anderer Art.
Äußerlich aber passt sich Friedrich dem Vater an und stimmt der arrangierten Ehe zu. Jetzt bekommt Friedrich seine Freiheit wieder und ist als Kronprinz rehabilitiert. Er bekommt 1736 das Schloss Rheinsberg, für ihn eine Art Arkadien. Mit Kunst, Theater, Musik und Philosophie.
Dort vertieft er seine Freundschaft zu dem jungen Maler und Architekten Baron Wenzeslaus von Knobelsdorff. Gemeinsam schmieden sie Pläne, für die Zukunft, für Umbauten und Neubauten in und um Berlin. Wenn er erst einmal König ist…
"Ich kann den Krieg nicht leiden. 1740 habe ich den Thron bestiegen. Habe zwei Kriege um Schlesien, Preußens echtes Erbe, geführt. Der protestantische Teil der Bevölkerung Breslaus begrüßte die Preußen als Befreier von religiöser Behinderung durch die katholischen Habsburger. Und ich, ich werde den schlesischen Katholiken in Berlin eine Kathedrale bauen lassen. Durch meinen Knobelsdorff. Er war ja in Rom, er kennt das Pantheon."
Die St.-Hedwigs-Kirche, 1747, Symbol der Toleranz. Die Kathedrale wird die erste katholische Kirche in Preußen seit der Reformation.
"Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden, und Mus der Fiscal nuhr ein Auge darauf haben, das keine der anderen abruch Tuhe, denn hier mus ein jeder nach seiner Faßon selich werden."
Seit langem schon bot Preußen Asyl für religiös Verfolgte, den Hugenotten aus Frankreich und den Salzburger Protestanten. Reformierte und Lutheraner, Jansenisten, Quäker und Zinzendorffer: Preußen ist multi-religiös.
"Der falsche Eifer ist ein Tyrann, welcher die Länder entvölkert. Die Toleranz ist eine zärtliche Mutter, welche sie sorgfältig pflegt und in Blüthe erhält."
Nach den gewonnenen zwei Schlesischen Kriegen interessiert sich der Bauherr Friedrich plötzlich mehr für Potsdam als für Berlin. Er hat eine einzigartige Idee. Und die setzt er durch, gegen alle Einwände seines Architekten. Das Schloss Sanssouci. Es soll nicht eines der vielen Rokoko-Schlossbauten werden. In Sanssouci schwebt Friedrich eine gebaute Friedens-Utopie vor, diskret, nicht belehrend, subtil und elegant.
"Ich kann den Krieg nicht leiden. Ich will einen Ort haben, der mich freundlich an den Frieden erinnert."
Berlin, Anfang Februar 1745. Seit zwei Wochen hat er den königlichen Auftrag auf dem Tisch, und eine Skizze gleich schon mit dazu. Andere Baumeister würden sich darüber freuen, aber Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff, der ärgert sich über seinen Bauherrn Friedrich II., und was der ihm da höchsteigenhändlich hingekritzelt hat: "sans=souci! Was soll das heißen? Und wieso muss überhaupt ein neues Schloss her, wo nach den Schlesischen Kriegen die Staatskasse leer ist! Das soll also eine preußische "Maison de plaisance" werden, ein königliches "Lust-Haus?", fragt sich von Knobeldorff. "Instruktionen! Ausführen? Wer von uns ist denn hier Experte?"
Der Baumeister sieht lauter Fehler, auf einen Blick. Zu klein, zu flach, überhaupt an der falschen Stelle in der Landschaft hingesetzt, und ohne Unterkellerung - immer fußkalt! Und erst die Feuchtigkeit! Sie wird diese Maison de Plaisance ruinieren. Von Knobelsdorff korrigiert, argumentiert. Wieder und wieder. Aber der König bleibt stur. So kennt Knobelsdorff ihn gar nicht. Hat ihn doch sonst immer gewähren lassen.
"Ich will keine Eremitage, keine Einsiedelei mit Wasserspielen - so wie das, was meine geliebte Schwester 1735 geerbt hat und was sie mir aus Bayreuth erzählt - es sieht doch aus genau wie das alte Lust- und Pomeranzenhaus im Berliner Lustgarten, wo heute exerziert wird! Eremitage? Nein, ich suche doch keine Einsamkeit, keine Solitude, die hatten wir in Rheinsberg. Vielleicht meine schönsten Lebensjahre. Unsere.
Doch davon habe ich mich gelöst. Das neue Schloss soll im Gegenteil ein Ort der Kunst und Kultur sein, der Begegnung der Geister, Philosophen, Musiker, und eine moderne Tafelrunde. Ich will keinen Winterpalast und kein Sommerschloss."
Von Knobelsdorff wendet ein, der Blick vom Gartenparterre über die sechs Weinbergterrassen hinauf zum Schloss lasse es halb verschwinden. Als würde es sich wegducken. Verstecken. Nein; es müsste ganz vorn an der Kante stehen, weithin sichtbar - und überhaupt, alles müsste wesentlich höher gebaut werden. Alles müsste ganz anders…
"Nein!! Kein Prunk, keine Repräsentation! Auch kein Beherrschen der Landschaft mit schnurgerader Straße als Ausdruck des Absolutismus, des Herrschaftswillens selbst über eine Landschaft. Dazu brauche ich keinen Höhenrücken, kein Schloss mit Ausblick über ein Unterland der Untertanen. Nein, anders: Diese geschwungenen Terrassen fallen nach Süden, und sie werden die Sonne aufs Beste einfangen. Ganz sicher! Wieso will er mich denn nicht verstehen? La maison offre tout pour être heureux! Da soll es keine Treppen geben, auch keine geschwungenen, die einzig für herablassendes Ankommen beim gemeinen Mann sorgen. Ich will keinerlei Hofzeremoniell. Ich brauche mein Arbeitszimmer und meine Bibliothek, mit allen Klassikern und einen Ausblick auf meine Weinbergterrassen. Ich will es ebenerdig, ich will auf einer Höhe mit der Natur sein, barfuß aus dem Schlafzimmer auf den Rasen treten. Tout de plain-pied. Ebenerdig! Ich will auch keine Melonen und Pomeranzen dort haben. Die können anderswo sein; der Park wird groß. Ich will nur Weinstöcke und Feigenbäume. Und zwar zusammen. Ich dulde dort keine anderen Pflanzen auf meinen Terrassen!"
Auch von Knobelsdorff bleibt beharrlich. Sturer Kopf. Auch er.
"Er quittiert mir die Freundschaft? Ne me quitte pas, Baron Wenzeslaus, mein alter Freund, das kann er doch nicht wollen! Komm, lies er meinen Entwurf, ich bin kein so guter Zeichner und Maler wie er."
Diese eigenhändige Skizze Friedrichs ist leider seit 1945 verschollen. Dieser Hügel nordwestlich von Potsdam, der so genannte Bornstedter Höhenzug, war vorher mit Eichen bewaldet. Sie sind beim Ausbau Potsdams gefällt worden. Jetzt müssen nicht nur alle Wurzeln aus dem Hang herausgehauen werden, das ganze Gelände wird neu angelegt: terrassiert. Und eine lange Treppe angelegt. Wie eine Himmelsleiter. Zu einem Ort oben ganz am Rande hat Friedrich während dieser Arbeiten hingedeutet:
"Quand je serai là, je serai sans souci."
"Wenn ich dort sein werde, werde ich ohne Sorge sein."
…sagte Friedrich bereits 1744, also vor Baubeginn. Dort in Sanssouci wollte er auch begraben sein. So bestimmte er es in seinem Testament. Ganz bescheiden.
"Man setze mich in Sans-Soucis oben auf den Terrassen in eine Gruft, die ich mir habe bereiten lassen."
Die Nachwelt sollte den Philosoph von Sanssouci erinnern, nicht den Preußenkönig. Doch sein Wunsch ging erst nach über 200 Jahren 1991 in Erfüllung.
Friedrich II. und von Knobelsdorff. Seit Jahren sind die Zwei befreundet. Nun überwirft er sich wegen seiner Vorstellungen von dem geplanten Bau mit ihm. In der Auseinandersetzung mit seinem Baumeister behält Friedrich schließlich die Oberhand.
"Monsieur, à present je suis roi!"
"Mein Herr, ich bin jetzt König!" Sanssouci muss genau nach seinen Plänen gebaut werden. Friedrich hat sich das alles gründlich überlegt.
Und es ist ein schlüssiges Konzept, eines, das ihm heilig ist. Weil er weiß, dass er das braucht, für seine Seele, sein Leben. Eine sichtbare Friedens-Utopie. Nicht verhandelbar."
Friedrich der Große will Raum für ein Leben ohne Hofetikette und ohne Fremdbestimmung. Das schwebt ihm beim Bau von Sanssouci vor, und darum sollen dort Bibliothek und der Saal für seine Tischgespräche und für die Flötenkonzerte zentral sein. Aus den Zimmern soll man direkt in den Garten gehen können: ohne eine Stufe, die Terrassen oberhalb des Weinbergs betreten können. Und neben den Rebstöcken will der König Feigenbäume anpflanzen lassen. Geschützt hinter Glas.
Rebstöcke und Feigenbäume - exotischer geht es kaum. Potsdam liegt viel zu nördlich für diese Pflanzen. Sie sind aber nicht einfach der pure Luxus. Friedrich will damit nicht angeben, Rebstöcke und Feigenbäume symbolisieren vielmehr das, was ihm als König und aufgeklärtem Mensch vorschwebt. Schon in der Bibel sind sie Ausdruck für ein Leben in Frieden.
"Die Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Rebmessern machen"
So heißt es in der großen Friedensvision des Propheten Micha in der Bibel. "Pflugschar" und "Rebmesser", also künftig: "Brot" und "Wein" statt Schwerter und Spieße - das will Friedrich. Als Elfjähriger musste er auf seinem Porträt noch den großen Spieß in der Hand halten. Jetzt will er die Umstellung von der Rüstungsindustrie auf zivile Produktion.
Friedrich will ein wahrer Landesvater sein: Er fördert Handel und den Kartoffelanbau, ordnet die Trockenlegung des Oderbruchs an und lässt neue Straßen bauen. Und die Vision des Propheten Micha geht weiter, und da kommen genau jene zwei Pflanzen vor, die es klimatisch in Potsdam nicht leicht haben:
"Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken."
"Jeder wird in Frieden bei seinen Feigenbäumen und Weinstöcken wohnen, niemand braucht sich mehr zu fürchten." Was ist das anderes als auf Französisch: "sans souci" - ohne Sorge? Die tiefere Bedeutung der Anlage von Schloss Sanssouci versteht man nur, wenn man sie als Gesamtes betrachtet. Mit den Weinberg-Terrassen und ihrer Bepflanzung. So ist dieses Bauwerk Ausdruck religiöser Hoffnung. Es variiert eine Vision vom Reich Gottes. Friedrich benutzt die Sprache der Symbolik."
Es grenzt schon an ein Wunder, dass Friedrich II. seine Jugend unter seinem ebenso brutalen wie frommen Vater, dem Soldatenkönig, einigermaßen heil überstanden hat. Und so fragt man sich, konnte er bei diesem Vater noch gern ein Vater-Unser beten? Und dass Friedrich trotz allem festhielt an den Friedens- und Paradiesbildern der Bibel und diese Gartenanlage mit Wasser, Weinstock und Feigenbaum verwirklichte, ist auch ein Wunder. Schon 1744, noch vor Baubeginn, hat er aus seiner Seele gesprochen, als er sagte:
"Wenn ich dort sein werde, werde ich ohne Sorge sein."
"Quand je serai là, je serai sans souci."
Die Anlage von Schloss Sanssouci ist die schönste Verkörperung einer ganz anderen Seite dieses großen und auch geheimnisvollen Preußenkönigs.
"Ein begehbarer und bewohnbarer Traum von einer Welt ohne Krieg und ohne Waffen. Wo Menschen friedlich zusammenwohnen, ohne Sorge."
Seine Idee von Sanssouci war ihm heilig. Und diese Friedensutopie hat biblische Wurzeln. So gesehen ist Sanssouci in mehrfacher Hinsicht Weltkulturerbe.
Musikangaben:
- Musik 1: Johann Sebastian Bach, Sonate für Flöte und Basso continuo N° 1 C-Dur, BWV 1033, 2. Satz Allegro, hier: Fassung für Altblockflöte und Laute: Michala Petri, Flöte, und Lars Hannibal, Laute, Eigenaufnahme des SWR.
- Musik 2: Franz Benda, Konzert e-moll, 1. Satz: Allegro con brio, Patrick Gallois, Flöte, Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, CD: "Flötenkonzerte aus Sanssouci" Konzerte für Flöte, Streichorchester und Basso continuo.
- Musik 3: John Rutter, Bearbeitung des Chorals von Johann Crüger "Nun danket alle Gott mit Herzen Mund und Händen", Chor der Jesuitenkirche St. Michael München, Orchester der Jesuitenkirche St. Michael München, Live-Aufnahme in der Jesuitenkirche St. Michael München 2008.
- Musik 4: Friedrich II., Sinfonie N° 1, G-Dur, 3. Satz, Presto , CD: "Preußischer Barock" Friedrich II., Quantz, Graun, Schaffrath, C. Ph. E. Bach, Barockensemble Concerto Brandenburg, Martina Dallmann, Flöte
- Musik 5: Franz Benda Kadenz aus dem ersten Satz des Flötenkonzerts Franz Benda in e-moll, 1. Satz: Allegro con brio, Patrick Gallois, Flöte, Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach, CD: "Flötenkonzerte aus Sanssouci" Konzerte für Flöte, Streichorchester und Basso continuo.
- Musik 6: Friedrich II., Sinfonie N° 1, 1. Satz, Allegro, CD: "Preußischer Barock" Friedrich II., Quantz, Graun, Schaffrath, C. Ph. E. Bach, Barockensemble Concerto Brandenburg, Martina Dallmann, Flöte.
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