Der Schrebergarten sorgt für geruhsame und als sinnvoll empfundene Arbeit. (Bild: picture alliance / dpa / Ronald Wittek)
"Freude, die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten", dichtete Paul Gerhard in seinem Morgenlied. Für manchen jedoch ist schon der eigene irdische Garten ein Stück Himmel auf Erden.
Mitte Februar fängt das Jahr an. Genauer gesagt: Das Gartenjahr. Wer im Sommer Gurken, Tomaten und Paprika ernten will, der beginnt im Februar mit dem Vorziehen. Samenkörnchen werden in winzige Töpfe mit Anzuchterde gelegt, schonend gegossen und an einen warmen Ort gestellt. Es braucht einige Tage, dann gehen die Samen auf. Zur gleichen Zeit beginnen auch im Freien die ersten Blumen zu blühen: Schneeglöckchen und Krokus. Mehr als zwei Monate ist das schon wieder her. Und dieses Mal war es ein langer und düsterer Winter, bis in den April hat er gedauert.
Aber irgendwann ist es in jedem Jahr so weit, es kann nicht anders sein: Der Garten verwandelt sich in ein Meer aus Blumen. Ihre bunte Pracht im Licht der Frühjahrssonne - Balsam für die Seele. Nach einer langen Winterzeit mit Grau und schmutzigem Weiß kehrt endlich das leuchtende Gelb zurück, das satte Grün, das Rot, das tiefe Blau. Und das Singen der Vögel, die Lust sich zu entfalten, aufzublühen, sich zu vermehren und ein weiteres Jahr am Leben teilzunehmen. Es ist mein Garten, der mich an solchen Glücksmomenten teilhaben lässt. Mein Schrebergarten genauer gesagt, denn ich bin Pfarrer in der Justizvollzugsanstalt Aachen und habe daher keinen Pfarrgarten. Doch wenn ich meine Arbeit hinter den Mauern geschafft habe, genieße ich es umso mehr, noch kurz in unserer Schrebergartenkolonie nach dem Rechten zu sehen. Im Frühjahr ist sie für mich das wahre Paradies.
Immer schon gab es Menschen, die die Natur, die Schöpfung als paradiesisch schön empfunden haben. Sie haben sie bewundert und besungen, in Psalmen, Liedern und Gedichten - vom Pflügen und Streuen, von schöner Gärten Zier, vom Dank, in einer so wunderbaren Welt leben zu dürfen. Vor allem aber handeln die Lieder vom Lob dessen, der alles geschaffen hat. Das bekannteste biblische Lied, das von der Schönheit der Schöpfung singt, ist der Psalm 104:
"Lobe den Herrn meine Seele,
Herr, mein Gott, wie herrlich bist du!
Schön bist du und mit Pracht geschmückt,
Licht ist das Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich,
der du das Erdreich gegründet hast auf festem Boden.
Du lässt Wasser in den Tälern quellen,
dass die Tiere des Feldes daraus trinken.
Darüber sitzen die Vögel des Himmels
und singen in den Zweigen.
Du machst das Land voller Früchte,
die du hervorbringst.
Du läßt Gras wachsen für das Vieh
und Saaten um den Menschen zu nähren,
dass du Brot aus der Erde hervorbringst.
Herr wie sind deine Werke so groß und so viel,
du hast sie alle Weise geordnet."
Heute feiern die evangelischen Kirchen den Himmelfahrtstag. Liest man die Berichte des Evangelisten Lukas, wie sich die Himmelfahrt Jesu zugetragen hat, kommt man am Ende bei den Jüngern heraus. Sie stehen da, recken die Hälse und schauen in die Wolken. Dann plötzlich sehen sie zwei Gestalten neben sich stehen, die sprechen sie an:
"Was steht ihr da und schaut auf zum Himmel? Jesus, der vor euren Augen in die Höhe aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen. - Da kehrten die Jünger nach Jerusalem zurück."
Seitdem richten Christinnen und Christen am Himmelfahrtstag ihren Blick in zwei gegensätzliche Richtungen. Die eine Richtung geht nach oben, sie folgt dem aufgefahrenen Herrn Jesus Christus. Die andere steht fest auf dem Boden, hier in diesem Leben. Sie rechnet jeden Moment damit, dass der Herr wiederkommt und uns hier, im Alltag begegnet.
Der Blick auf das Irdische sieht das Leben, wie es ist - und versucht, im Vorfindlichen die Anzeichen des Himmels zu entdecken, die Anzeichen der kommenden Gottesherrschaft. Mehr noch: Den Himmel sollen Christenmenschen nicht nur erwarten, sie sollen ihn einander auch bereiten und daran mitarbeiten. Bereit sein, den Himmel auf Erden zu finden und zu erleben und andere daran teilhaben zu lassen.
Das verstehen auch die Kleingärtnerinnen und Kleingärtner als ihren Auftrag: Eine Kleingartensiedlung dient der Naherholung für jedermann und ist grundsätzlich für Spaziergänger geöffnet. Oft befindet sich in der Mitte ein kleiner Kinderspielplatz. Und natürlich machen die Gärtner ihre Parzellen nicht nur für sich selbst schön, sondern für jeden der kommt und schaut.
Das Lied "Auf, Seele Gott zu loben" ist eine Nachdichtung des 104. Psalms. Es beschreibt die Schöpfung als paradiesisch, als einen Himmel auf Erden, in dem wir schon jetzt leben, an dem wir schon jetzt Anteil haben.
Das Lied entstand 1947, die Städte in Europa lagen in Schutt und Asche, Millionen Menschen wurden vermisst und betrauert. Vor allem aber war das Vertrauen in die Fähigkeit des Menschen verloren gegangen, auf diesem Planeten in Frieden zu leben. Halt bot vielen Menschen nur die Anschauung der Natur, ihre trotzige Schönheit und letztlich unbeirrbare Ordnung.
Doch ist die Natur nicht von sich aus schön. Und sie ist auch nicht das Paradies aus sich selbst heraus. Vor allem dann nicht, wenn man sie sich selbst überlässt. Der Apfelbaum schießt ins Kraut, wenn man ihn nicht von Zeit zu Zeit beschneidet. Der Kirschbaum entwickelt sich zu einem haushohen Ungetüm mit einer Wand aus Blättern und nur spärlich wachsenden Früchten. Die Rose wird zur undurchdringlichen Dornenhecke, wenn man sie wuchern läßt. Das Gemüsebeet verwandelt sich im Handumdrehen in einen Unkrautacker, wenn man nicht mit dem Jäten beginnt, bevor man die ersten Radieschen setzt. Die Tomaten wuchern und werden kümmerlich, wenn man sie nicht ausgeizt. Und der ganze Garten wird zu einem Dickicht, wenn man ihn nur eine Saison lang vernachlässigt. Beinahe kommt es mir vor, als würde sich darin die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies erfüllen. Da heißt es:
"Dornen und Disteln soll dir die Erde tragen. Und du sollst dich von dieser kargen Erde ernähren, von der du auch genommen bist."
Es ist also nicht das Paradies, in dem wir Menschen hier unser Auskommen zu finden versuchen. Das Paradies ist dem Menschen unwiederbringlich verloren gegangen, weil er von den verbotenen Früchten am Baum der Erkenntnis gekostet hat. Der ursprüngliche und ungebrochene Zustand des Menschseins ist auf ewig dahin.
"Und Gott verwies den Menschen aus dem Garten Eden, er trieb ihn hinaus und ließ das Tor zum Garten von zwei Engeln mit einem flammenden Schwert bewachen."
Seitdem ist der Mensch auf der Suche nach dem, was er damals verloren hat. Denn alles, was er auf Erden findet, aufbaut und liebevoll kultiviert, hat den Makel des Vorläufigen. Es hält nicht lange. Jede Harmonie ist gefährdet durch Missklang, jedes Idyll durch äußere Einflüsse. Jeder Friede läuft auf Dauer Gefahr, an inneren oder äußeren Konflikten zu zerbrechen. Das Paradies ist für den Menschen unwiederbringlich verloren. Was uns bleibt, sind die kleinen Paradiese der Reiseveranstalter, die sorgfältig bewahrten Erinnerungen an ungetrübte Jahre der Kindheit. Oder eben die erlesenen Glücksmomente in der Natur, im eigenen Garten.
Wenn der große Kirschbaum hinten am Zaun in Blüten steht, und der Morgen ist warm genug, dann setze ich mich in der Frühe in die verschlissene Hängematte zwischen Apfel- und Kirschbaum. Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue durch das Meer strahlend weißer Blüten hinauf in die Krone, deren obere Hälfte schon in der Sonne liegt. Darüber wölbt sich ebenso strahlend der klare, blaue Himmel. Die Hängematte bewegt sich sacht und mein Blick wandert hinüber zum Apfelbaum, der kurz vor der Blüte steht. Der Flieder läßt noch eine Weile auf sich warten, und wenn er kommt, wird es unwiderruflich Sommer. Ich atme tief, sehe, wie die Sonne langsam über die Hecke steigt und bald auch meinen Platz hier unten erreicht. Ich spüre die letzte Kühle des Morgens. Zwischen den Kronen der Obstbäume grüßt der Kirchturm der nahe gelegenen Kirche und ich warte darauf, dass die Glocken zu läuten beginnen.
Es ist aber nicht allein die Idylle, die den Garten zum Paradies macht. Es ist die Arbeit, die geruhsame und als sinnvoll empfundene Arbeit. Es ist der beharrliche Widerstand, den mir die Natur entgegensetzt und an dem ich mich abarbeiten darf, Tag für Tag, Woche für Woche. Unkraut jäten, kranke Blätter zupfen, trockene Pflanzen gießen - all diese Aufgaben tun mir gut. Sie wirken ausgleichend auf mein Gemüt. Manchmal denke ich an die Redewendung, dass man etwas ver-arbeitet. Kommt ein ärgerlicher Brief vom Anwalt der Gegenseite, gehe ich in den Garten. Gibt es Grund, sich Sorgen zu machen oder sich gar gekränkt zu fühlen, gehe ich in den Garten. Bei der Arbeit kann ich meine Gedanken kommen lassen. Und kann meine Gefühle in die Sprache der Hände übersetzen. Beim Graben, beim Harken, beim Schneiden und Pflücken klärt sich vieles von dem, was mir im Kopf herum geht. Und in den Pausen zwischen einem Arbeitsgang und dem nächsten spüre ich, wie mein Atem tiefer fließt.
Die Arbeit macht mich zufrieden, weil ich ein Ergebnis sehe. Ich sehe, was ich getan habe, und freue mich auf den Ertrag. Es ist ein ganz eigener Lebenszusammenhang, in den ich eintauche, wenn ich im Garten meiner Arbeit nachgehe. Ein Lebenszusammenhang, der seinen eigenen Gesetzen aus Werden, Aufblühen, Wachsen und Reifen folgt - auch dann, wenn in der Welt ringsum das eine oder andere aus dem Lot geraten ist.
Von Beginn an war es die Arbeit, die dazu gehörte, dass sich der Mensch im Paradies wie ein Mensch fühlen konnte, Erfüllung finden konnte. Das Arbeiten im Paradies wird im Bericht von der Erschaffung des Menschen als der eigentlich paradiesische Zustand beschrieben: Der Mensch soll den Garten, in den Gott ihn setzt, bebauen und bewahren.
"Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden, gegen Osten hin und ließ darin aufwachsen allerlei Bäume aus der Erde, verlockend anzuschauen und gut zu essen. Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte."
Das erste, was man im Garten ernten kann, ist gewöhnlich der Rhabarber. Die Wochen vorher hat er mit erstaunlicher Geschwindigkeit Blätter und Stiele getrieben. Nun färben sich die Stiele rötlich, und es ist Zeit den ersten Kompott zu kochen, frisch vom Beet auf den Tisch, das schmeckt himmlisch. Die Rhabarberernte ist der Auftakt zu einer langen Saison, in der schon bald die Erdbeeren folgen, die Johannisbeeren und die Himbeeren. Sind die zu Marmelade verkocht und zu Kuchen verbacken, sind die Kirschen reif, erst die süßen, später die sauren. Süßkirschen direkt vom Baum in den Mund: Wenn das so weit ist, ist Hochsommer. Im Spätsommer kommen die Birnen an die Reihe, und schließlich die Quitten und Äpfel. Trete ich im Sommer durch das Gartentörchen auf den Weg, kommt es mir beinahe vor, als stünde ich im Schlaraffenland. Die Früchte scheinen zu rufen: Pflück mich, iss mich.
Alles ist im Überfluss vorhanden und es ist viel mehr, als eine Familie auf einmal verzehren kann. Natürlich will ich nichts verderben lassen. Also ist wieder Arbeit gefragt und Aufwand nötig, um alles, was geerntet werden kann, auch zu verarbeiten. Die Sommerzeit ist die Zeit der vollen Hände. Sie erinnert mich daran, über wie viele Ressourcen unsere Erde verfügt. Für wie viele Menschen sie Platz hat, ohne dass jemand hungern müsste. Es ist die Zeit der vollen, aber auch der gefalteten Hände. Gefaltet in Dank und Bitte. Im Dank für den Reichtum und in der Bitte darum, dass die, die nicht genug zum Leben haben, auch ihr Auskommen finden, dass sie ein Leben in Fülle finden auf einem Fleckchen Erde, das für sie und ihre Kinder zur Heimat, wenn nicht gar zum Paradies werden kann.
Dann werden ersten Blätter gelb. Fährt der Wind durch die Baumkronen, dann rauscht es nicht mehr majestätisch, sondern es beginnt zu rascheln. Die Natur hüllt sich noch einmal in ein besonders farbenfrohes Kleid. Doch leuchten die Blätter nun nicht mehr von sich aus. Um ihr Gelb und Gold zur Entfaltung zu bringen, brauchen sie das Licht der Sonne. Dann fällt das erste Laub. Es ist die Zeit des Abschied Nehmens. Eine Zeit, die mich immer auf eine ganz eigene Weise traurig stimmt. Mir wird klar, irgendwann muss auch ich selbst einmal davon, muss all das zurück lassen, woran ich hier auf Erden so sehr hänge. Natürlich weiß ich, dass es eine Auferstehung gibt. Aber weiß ich es wirklich? Natürlich weiß ich, dass es auch für uns einmal so etwas gibt wie die Himmelfahrt, dass Jesus uns nur vorangegangen ist, dass wir ihm folgen werden und uns schlussendlich im Reich Gottes wiederfinden, ich weiß es. Aber weiß es auch mein Herz?
Wie gut tut da der Garten. Wie gut tut es mir, wenn ich vor dem ersten Frost die Dahlienknollen ausgrabe, um sie im Haus überwintern zu lassen, wenn ich Tulpenzwiebeln in der Erde vergrabe, damit sie nach der bevorstehenden Winterstarre als erste den Kopf durch die Erde stecken. Ich weiß, ich spüre es: Es kommt ein neues Jahr, das Leben geht weiter, zur Not auch ohne mich. Ich bin eingebunden in das Werden und Vergehen aller Kreatur, in das Werden und Vergehen und das Wiederkommen. Ich bin damit nicht allein. Ich teile diesen Weg mit allem, was lebt.
Wie sieht er aus, der Himmel, den wir ersehnen, wenn wir die Erde einmal lassen müssen? Was ist das für ein Himmel, an den wir denken, heute am Himmelfahrtstag? In vielen Bildern ist er beschrieben worden, das bekannteste von allen ist das mit den rosa Wolken, auf denen die Kinder Gottes Harfe spielend die Ewigkeit verbringen. Das schönste, für mich das schönste Bild stammt aus einem Lied von Paul Gerhard, dem mittelalterlichen Pfarrer und Dichter. Er hatte 30 Jahre Krieg erlebt, die Menschen seiner Zeit hatten Furchtbares mit ansehen müssen, was ihre Seelen zeitlebens in Aufruhr und Unruhe versetzt hat. Die Hoffnung auf die bessere Welt fasst Paul Gerhard in wenigen Zeilen zusammen:
"Kreuz und Elende haben ein Ende … Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten. Darauf sind meine Gedanken gericht'."
Es ist ein Garten, den Paul Gerhard sich vorstellt, wenn er an den Himmel denkt. Und so stelle ich ihn mir manchmal selber vor, den Himmel: wie meinen Schrebergarten an einem frühen Sommermorgen, mit seiner seligen Stille und mit der Freude, die ein Garten dem schenkt, der ihn betrachtet und in aller Beschaulichkeit Hand darin anlegt. Mit diesem Bild vom Himmel möchte ich mich von Ihnen verabschieden. Vielleicht liegt in Ihrer Nähe auch eine Schrebergartenkolonie, die zu einem Spaziergang einlädt. Offen für jeden, der kommt und schaut. In der Mitte ein Spielplatz, die Gärten für alle zur Freude. Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Himmelfahrtstag.
Musik dieser Sendung:
(1) Energy Flow, Ryuchi Sakamoto, Ryuchi Sakamoto BTTB
(2) Auf Seele Gott zu loben, Gerhard Schnitter, Lobe den Herren
"Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrer Frank-Michael Theuer, Senderbeauftragter für Deutschlandradio, Rundfunkarbeit im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), für den Medienbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland."
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