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01.05.2008

Ein großes Feuer in der Seele

Der Glaube des Vincent van Gogh

Von Pfarrerin Angelika Obert, Berlin

Er war bitter arm, schrecklich einsam und völlig erfolglos. Aber er spürte das große Feuer in seiner Seele und folgte ihm bedingungslos. Glücklich war Vincent van Gogh kaum, aber selig gewiss. Nicht nur seine Bilder leuchten bis heute, auch seine Frömmigkeit strahlt und verdient es, erinnert zu werden - gerade in einer Zeit, die es mit dem Ernst und der Leidenschaft des Glaubens nicht mehr so genau nimmt.

Autorin
Irgendwo in Deutschland sitzt ein junger Arbeitsloser vermutlich auch heute den ganzen Tag lang konzentriert vor einer Staffelei. Wolfgang Müller hat sich vorgenommen, sämtliche Bilder Vincent van Goghs zu kopieren. Mit van Gogh geht es ihm gut, sagt er, denn das war einer, der auch die dunklen Seiten des Lebens kannte.
Als die "Tagesthemen" im März über Wolfgang Müller berichteten, dachte ich: Das hätte dem großen Vincent wohl gefallen. Er hat sich ja immer gewünscht, den Armen wohl zu tun. Das würde ihm mehr bedeuten als die Nachricht, dass seine Bilder inzwischen viele Millionen Euro wert sein.
Als Vincent van Gogh zu malen begann, war er wohl noch schlechter dran als Wolfgang Müller. Alles war ihm misslungen, aus schierer Verzweiflung griff er zum Zeichenstift. Es war die letzte, die einzige Möglichkeit für ihn, mit der Welt in Verbindung zu bleiben. Zehn Jahre sollten ihm noch bleiben - zehn Jahre, in denen er die Malerei erneuerte. Er revolutionierte den Umgang mit Farbe und Pinselstrich und meinte doch noch etwas anderes: Er wollte die Menschen und Dinge, die ihm so erstarrt begegneten, zum Leben erwecken. Er wollte ihre Auferstehung. Dafür erlitt er seine ganz eigene Passion.

Autorin
Sein Weg beginnt in bürgerlicher Geborgenheit. Vincent van Gogh wächst als ältester Sohn in einer holländischen Pfarrersfamilie auf. Einige Onkel sind im Kunsthandel tätig und wohlhabend. Auch der lebensfrohe Vincent soll Kunsthändler werden. Mit 20 schickt ihn der Patenonkel in eine Filiale nach London. Dort verliebt Vincent sich heftig - und wird zurückgewiesen. Für den leidenschaftlichen, jungen Mann bricht die Welt zusammen. Jetzt wird er sehr fromm, eigenbrötlerisch, wohl auch fanatisch. Wendet sich ab von der Kunst und hin zur Theologie. Aber das Studieren ist ihm viel zu langwierig. Nach einigem Hin und Her begibt er sich als Missionar in die Borinage, ein düsteres Bergwerksgebiet in Belgien. Hier hält er flammende Bibelstunden, teilt mit den Ärmsten sein Brot, gibt alles her, was er hat und haust - wie es kommt - in irgendwelchen Schuppen. Es heißt, er habe berühmte Bekehrungen zustande gebracht. Aber in der reformierten Kirche hat man wenig Verständnis für seine heiligen Exzesse:

Sprecher (Zitator)
"Unser Evangelist hatte meist ein schmutzigeres Gesicht als die Bergarbeiter. Er war ganz erfüllt von seinem Ideal der Entsagung, übrigens behauptete er, seine Haltung sei kein Sich-gehen-lassen, sondern die getreuliche Anwendung der Gedanken, die sein Gewissen leiteten..."
(Pastor Bonte aus der Erinnerung)

Autorin
So berichtet ein Pastor über van Goghs Missionstätigkeit. Bald wird sie ihm untersagt. Vincent ist mittlerweile 27 Jahre alt und wirklich am Ende. Ein verlotterter Wirrkopf, den die Familie schon aufgegeben hat. Auch sein Bruder Theo zweifelt an ihm, schickt aber trotzdem Geld. Vincent versucht, sich dem Bruder zu erklären:

Sprecher (van Gogh)
"Nun sind es vielleicht schon fünf Jahre, genau weiß ich es nicht, dass ich ohne Stellung bin, umherirrend, nun sagst du: Seit der und der Epoche bist Du gesunken, Du bist erloschen, Du hast nichts getan. Ist das wirklich wahr? Es ist wahr, dass meine Geldangelegenheiten sich in einem traurigen Zustand befinden. Es ist wahr, die Zukunft ist nicht wenig düster, es ist wahr, dass selbst meine Studien in einem ziemlich traurigen und verzweifelten Zustand sind und dass mir unendlich viel mehr fehlt als ich habe. Aber auf dem Wege, auf dem ich mich befinde, muss ich fortfahren, denn wenn ich nicht mehr suche, dann bin ich verloren, dann wehe mir.
So sehe ich die Sache an: Fortfahren, fortfahren, das ist es, was Not tut."


Autorin
Keine vorgegebene Bahn hat für ihn gepasst. Er muss einen völlig neuen Weg finden. Etwas in ihm schreit: Ich bin doch nicht nutzlos! Aber was tun, das weiß er selber nicht. Mit der Kirche ist er fertig. Er mag die Bibel nicht mehr. Jetzt liest er lieber Balzac. Doch an seiner Leidenschaft für das Unbedingte und seinem Drang zu dienen, hat sich nichts geändert:

Sprecher (van Gogh)
"Ich bin eine Art Gläubiger in meinem Unglauben, und obwohl ich mich verändert habe, bin ich derselbe, und mein Kummer ist kein anderer als dieser: Wozu könnte ich tauglich sein, könnte ich nicht helfen und irgendeiner Weise nützlich sein? ...
Mancher hat ein großes Feuer in seiner Seele und niemand kommt jemals, sich daran zu wärmen, und die Vorübergehenden gewahren nur ein klein wenig Rauch oben über dem Schornstein und sie gehen ihres Wegs von dannen."


Autorin
Wie diese Einsamkeit aushalten, ohne zugrunde zu gehen? Vincent beginnt zu zeichnen. Nicht, dass er es besonders gut könnte. Etwas kann er allerdings: Fühlen, was er sieht. Das kann er viel tiefer als andere es überhaupt für möglich halten. Und nun zwingt er seine Hand Tag für Tag, dass sie ihm gehorcht, damit es auf die Leinwand kommt, was er fühlt, wenn er sieht.

Sprecher (van Gogh)
"Was ist das Zeichnen? Wie kommt man ans Ziel? Es ist ein sich Durcharbeiten durch eine unsichtbare eiserne Wand, die zwischen dem, was man fühlt, und dem, was man kann, zu stehen scheint. Man muss, nach meiner Ansicht, diese Wand unterwühlen und durchfeilen, langsam und mit Geduld."

Autorin
Die Bauern nennen ihn das "Malermännchen", wenn er ihnen mit der Staffelei auf die Felder folgt. Van Gogh schickt sich drein, eine lächerliche Figur zu sein, ein Ausgestoßener auch in der eigenen Familie:

Sprecher (van Gogh):
"Ich fühle, wie Vater und Mutter instinktiv (...) über mich denken. Es besteht eine ähnliche Scheu davor, mich ins Haus zu nehmen, wie wenn man einen großen, zottigen Hund im Haus haben wollte. Er wird mit nassen Pfoten ins Zimmer kommen - und dann ist er überhaupt so zottig. Er wird einem jeden in den Weg laufen. - Und er bellt so laut. Kurzum - es ist ein schmutziges Vieh.
Gut - aber das Tier hat eine menschliche Geschichte, und, obwohl ein Hund, eine Menschenseele, und zwar eine so zartfühlende, dass es selbst fühlt, wie man über es denkt, was ein gewöhnlicher Hund nicht kann. Und, indem ich zugebe, dass ich eine Art Hund bin, lasse ich sie bei ihrer Würde."


Autorin
Im christlich-bürgerlichen Milieu ist van Gogh gescheitert. Mit dem Glauben, der auf den calvinistischen Kanzeln gepredigt wird, kann er nichts mehr anfangen. Aber seine Gedanken kreisen weiter um Gott. Im Herzen ist er gewiss: Es geht vor Gott nicht um Sitte und Anstand, weiße Westen und saubere Fingernägel.

Sprecher (van Gogh)
"Unwillkürlich neige ich dazu zu glauben, dass, viel zu lieben, das beste Mittel ist, um Gott zu erkennen. Liebe einen Freund, eine Person, eine Sache, was du willst, du wirst auf dem rechten Wege sein, mehr darüber zu erfahren, sage ich mir. Aber man muss mit einer hohen und innig ernsten Sympathie lieben, mit Willen und Intelligenz und man muss immer trachten, eingehender, besser und mehr zu wissen. Das führt zu Gott, das führt zu unerschütterlichem Glauben."

Autorin
Lieben - das wird für van Gogh bedeuten: den Schmerz der Schöpfung mitzufühlen. Er kennt das Elend der Armen in den großen Städten und auf dem verödeten Land. Wie viele Künstler seiner Zeit schaudert ihn vor der Industrialisierung und ihren Folgen:

Sprecher (van Gogh)
"Deshalb, weil ich so viele Schwache zertreten sehe, zweifele ich sehr an der Echtheit von vielem, was man Fortschritt und Bildung nennt. Ich glaube wohl an Bildung, selbst in dieser Zeit, doch allein an jene Art, die auf wirkliche Menschenliebe gegründet ist. Was Menschenleben kostet, finde ich barbarisch und das respektiere ich nicht."

Autorin
Vor allem in seinen ersten Malerjahren in Holland liegt ihm daran, die Würde der Schwachen ins Bild zu bringen. Er versucht gar nicht erst, wieder Fuß zu fassen bei den bürgerlichen Verwandten. Er schlägt sich auf die Seite der Elenden in den Armenvierteln Den Haags und verscherzt sich die allerletzten Sympathien der Familie, als er eine schwangere Prostituierte bei sich aufnimmt. Vor dem Bruder Theo verteidigt er sich:

Sprecher (van Gogh)
"Ich schäme mich nicht zu sagen ... dass ich stets das Bedürfnis hatte und auch behalten werde, irgendein Geschöpf zu lieben. Ich habe einmal einen armseligen verbrannten Minenarbeiter verpflegt, sechs Wochen oder zwei Monate lang, ich habe mein Essen einen ganzen Winter mit einem alten Manne geteilt, ich weiß nicht, was noch mehr - und nun Christine. Aber ich glaube bis heute noch nicht, dass so etwas verrückt oder schlecht ist, ich finde vielmehr, es ist etwas so Natürliches und Selbstverständliches, dass ich nicht begreife, wie die Menschen für gewöhnlich so gleichgültig gegeneinander sein können."

Autorin
Es ist Theos Geld, von dem diese kleine Familie jetzt leben muss. Vincent allein könnte damit wohl auskommen. Doch nun muss er oft hungern, damit es für alle reicht. Das Leben mit der verwilderten Christine wird bald sehr anstrengend. "Wie weit darf man in seinen Bemühungen um eine unglückliche Frau gehen?" fragt van Gogh. Er antwortet: "Bis ins Unendliche." Aber schließlich muss er einsehen, dass sie in dieser Konstellation alle miteinander zugrunde gehen werden. Mit großen Gewissensbissen verlässt er Den Haag. Denn Maler werden - das muss er.

Sprecher (van Gogh)
"Ich fühle eine Kraft in mir, die ich entwickeln muss, ein Feuer, das ich nicht auslöschen darf, sondern schüren muss, obgleich ich nicht weiß, zu welchem Ende es mich führen wird, und ich mich über ein düsteres nicht wundern würde. Was soll man in einer Zeit wie dieser wünschen? ... Unter manchen Umständen ist es besser der Besiegte als der Sieger zu sein, z.B. besser Prometheus als Jupiter."

Autorin
Er sagt: 'Prometheus'. Nicht 'Jesus'. Doch ist es Jesu Spur, der er immer noch folgt. Auch als Maler will er ja nichts anderes als lieben: sich erbarmen, trösten, heilen. Ob er Landschaften malt oder Menschen, er durchglüht sie mit seiner Einfühlung. Und es ist für ihn auch eine Gotteserfahrung, wenn er darum ringt, einen Menschen in seiner inneren Wirklichkeit zu erfassen. So schreibt er über die Zeichnung eines Armenhäuslers:

Sprecher (van Gogh)
"In diesem Blatte wollte ich auszudrücken versuchen, dass mir einer der stärksten Beweise für die Existenz eines Gottes und einer Ewigkeit das unaussprechlich Rührende zu sein scheint, das in dem Ausdruck eines solchen alten Männchens sein kann, (...) wenn er so still in seinem Herdeckchen sitzt. Es offenbart sich da etwas Edles, etwas Vornehmes, etwas, das nicht für die Würmer bestimmt sein kann."

Autorin
Nie wird van Gogh ganz zufrieden sein mit seinen Menschengemälden. Immer wird er sich danach sehnen, eines Tages möge sie ihm gelingen, die Darstellung eines wahren Menschen. In Arles, auf der Höhe seiner Fähigkeiten, schreibt er:

Sprecher (van Gogh)
"Im Gemälde möchte ich eine Sache sagen, tröstlich wie Musik. Ich möchte Männer oder Frauen machen mit dieser Ewigkeit, deren Zeichen einst der himmlische Schein war und die wir in dem Strahlen suchen, in dem Beben unserer Farben."

Autorin
Van Gogh will Bilder malen, die das einfache Volk trösten. Nie kommt ihm der Gedanke, dem Volk sei mit Kitsch am besten gedient. Er will den Menschen dienen, indem er etwas Wahres hervorbringt.
Sein ganzes Dasein kreist um die Liebe und das Mitleiden. Aber ein umgänglicher Mensch ist er nicht. Selbst Theo, der ihn nie im Stich lässt, kann seine Nähe kaum ertragen. Als die Brüder eine Zeitlang in Paris zusammenleben, schreibt Theo über Vincent:

Sprecher (Zitator):
"Es ist, als wohnten zwei Menschen in ihm. Der eine begabt, wunderbar, feinfühlig und sanft, der andere voller Selbstsucht und Hartherzigkeit. Es ist schade, dass er sein eigener Feind ist. Er macht das Leben nicht nur anderen schwer, sondern auch sich selbst."

Autorin
Es wohnen ja auch wirklich zwei Menschen in ihm: der Verworfene, den der eigene Vater schon früh einfach für "verrückt" erklärt. Und der Kraftvolle, Begabte, der an seine eigene Nützlichkeit glauben muss. Wie soll er da nicht hin- und hergerissen sein zwischen wütender Selbstbehauptung und tiefem Selbstzweifel? Niemand sehnt sich heftiger nach Gemeinschaft als er, niemand ist einsamer. Nur wenn er arbeitet, fühlt er sich überhaupt lebendig. Aber das besessene Arbeiten macht ihn auch kaputt. Abends muss er sich mit Absinth und Tabak betäuben, damit ihn die Schwermut nicht überwältigt. Bald revoltiert sein Magen, die Zähne fallen ihm aus, Husten quält ihn. So verlottert wie er ist, ein Trinker, der sich in Bordellen herumtreibt, glaubt er selbst nicht, ein großer Maler zu sein. Nur ein Wegbereiter vielleicht für die Künstler der Zukunft. Das hält er für möglich - dafür zahlt er den Preis:

Sprecher (van Gogh)
"Wenn ein Maler, hart an der Staffelei arbeitend, sich den Charakter verdirbt und die Arbeit ihn zu vielen Dingen unfähig macht, für das Familienleben usw., dann geht daraus hervor, man malt nicht allein mit der Farbe, sondern auch mit dem Verzicht und der Selbstverleugnung und gebrochenen Herzens."

Autorin
In Arles, wo er seine großen, hellen Bilder malt, kommt es schließlich zum Zusammenbruch. Er bricht zusammen, als ihm klar wird, dass auch aus der herbeigesehnten Künstlergemeinschaft mit Paul Gauguin nichts werden kann. Bald darauf beantragen die Bürger von Arles van Goghs Internierung. Es ist ihnen unbehaglich, dass der wüste Maler unter ihnen wohnt. Van Gogh - keineswegs verrückt, aber sehr geschwächt - fügt sich:

Sprecher (van Gogh)
"Was willst du: leiden, ohne sich zu beklagen, ist die einzige Lektion, die man in diesem Leben lernen muss.
Ich denke daran, einfach die Rolle eines Irren anzunehmen, wie Degas den Notar markierte. Aber sieh, ich fühle nicht die genügende Kraft zu einer solchen Rolle."


Autorin
Ein Jahr lang lebt er klaglos in einem Irrenhaus und malt in dieser Zeit viele große Bilder. Immer hellsichtiger wird sein Blick, immer sicherer seine Hand.

Sprecher (Zitator)
"Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg, darum haben wir ihn für nichts geachtet." (Jes. 53)

Autorin
So heißt es beim Propheten Jesaja über den Knecht Gottes. Auch Vincent van Gogh war einer von diesen Gottesknechten. Dem Allerverachtetsten gilt bei Jesaja die Verheißung:

Sprecher (Zitator)
"Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben."

Autorin
Das Licht und die Fülle werden Vincent auch zuteil. Er hat nicht nur gelitten. Beim Schauen und Malen erlebt er Momente der Glückseligkeit. In seinen Briefen finden sich immer wieder Stoßseufzer des Entzückens:

Sprecher (van Gogh)
"Ah meine lieben Kameraden, wir Narren, wie genießen wir doch mit den Augen, nicht wahr!
Ich kann es Dir nicht genug sagen, dass ich bezaubert, bezaubert, bezaubert bin von all dem, was ich sehe."


Autorin
Die Religion lässt ihn nicht los. Aber nur ein einziges Mal versucht er, einen Christus zu malen. Dieses Bild hat er sofort vernichtet. Van Gogh bezweifelt, dass es in der Moderne noch möglich wäre, biblische Motive ungebrochen darzustellen. Zu deutlich empfindet den Abstand zwischen der Wirklichkeit des Neuen Testaments und den Auflösungserscheinungen im 19. Jahrhundert. Viel zu unbedingt ringt er mit dem Ewigen, als dass er sich mit Vordergründigem zufrieden geben könnte. Christus - den kann man nicht einfach malen als Mann im weißen Hemd mit Heiligenschein. In Christus offenbart sich für van Gogh der Kern alles Menschlichen und alles Göttlichen. An seinen Freund Emile Bernard schreibt er:

Sprecher (van Gogh)
"Christus allein .... hat als fundamentale Gewissheit das ewige Leben, die Unendlichkeit der Zeit, die Nichtigkeit des Todes, die Notwendigkeit und die Berechtigung heiterer Gelassenheit und Aufopferung bekräftigt.
Er hat in heiterer Gelassenheit gelebt, als größter aller Künstler, den Marmor, den Ton und die Farbe verschmähend und in lebendigem Fleisch arbeitend.
Das heißt, dieser unerhörte und mit dem stumpfen Instrument unserer nervösen und abgestumpften Gehirne kaum fassbare Künstler schuf keine Statuen, keine Gemälde, keine Bücher.... Er bekräftigte es laut, er machte - lebendige Menschen, Unsterbliche. "


Autorin
Christus ist für van Gogh der Lebendigmachende schlechthin. Ums Lebendigmachen geht es auch ihm in seiner Malerei. Und er lernt von Jesus, von seinen Gleichnissen.
Der Sämann, die Ernte, die Bäume - das sind van Gogh Motive. Das ist seine Weise, von Christus zu zeugen. Der wirbelnde Sternenhimmel und die glühende Sonne seine Art, Gottes Gegenwart zu beschwören. Sich einzulassen auf die Wirklichkeit einer Blume, eines Kornfelds, eines Menschengesichts - es bedeutet für ihn, das Ewige auszusagen. Die Malerei ist sein Gebet und sein Gotteskampf.
Er glaubt an das ewige Leben. Er ist so nah dran. Immer verlockender wird es, die Qual auf Erden hinter sich zu lassen:

Sprecher (van Gogh)
"Im Leben des Malers ist der Tod vielleicht nicht das Schwerste. .... Immer macht mich der Anblick der Sterne träumen. Gerade so einfach, wie die schwarzen Punkte auf der Landkarte, die Städte und Dörfer darstellen, mir Träume eingeben.
Ich sage mir, warum sollen uns die lichten Punkte am Himmelszelt weniger sein, als die schwarzen Punkte von Frankreich? Wenn wir den Zug nehmen, um nach Rouen zu fahren, so nehmen wir den Tod, um unter die Sterne zu gehen."


Autorin
Der Tod - er hat im Leben des Vincent van Gogh von Anfang an mitgespielt. Er war nicht der Erstgeborene seiner Eltern. Er war nur der Ersatz für ihn. Der erstgeborene Vincent ist bald nach der Geburt gestorben. Ein Jahr später, genau an seinem Todestag kam das Kind zur Welt, das einmal ein großer Maler werden sollte und wurde auch "Vincent" genannt. Wenn die Eltern zum Friedhof gingen, zeigten sie dem kleinen Vincent das Grab, auf dem "Vincent" stand. Der Junge, dessen Lebensrecht so fraglich war, konnte nur existieren, weil ein anderer Bruder - Theo - ihn am Leben erhielt. Als Theo heiratete und einen Sohn bekam, der wiederum auf den Namen "Vincent" getauft wurde, schien es dem Maler angebracht, aus dem Weg zu gehen. Er wollte seinem kleinen Patensohn Platz machen und Theo nicht länger belasten. Er nahm den Tod, um unter die Sterne zu gehen.




Die redaktionelle und inhaltliche Verantwortung für diesen Beitrag liegt bei Pfarrerin Petra Schulze, evangelische Rundfunkarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland beim GEP für Deutschlandradio und Deutsche Welle.


 
 

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