In Deutschland seien mehr Medikamente auf dem Markt als in den anderen Ländern, viele davon zudem überteuert, sagt der Mediziner Wieland Kiess. Gesünder leben wir dadurch nicht - das Gesundheitssystem dagegen kranke an schwerwiegenden Problemen.
"Im deutschen Gesundheitswesen wird heimlich rationiert, weil nicht genügend Geld für alle zur Verfügung steht, um allen Menschen die optimale Therapie zu verschaffen."
Mit diesem Vorwurf sorgte Bundesärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe kürzlich in einem Zeitungsinterview für Diskussionen. Er forderte eine offene Debatte darüber, welche Patienten mit welchen Krankheiten künftig vorrangig behandelt werden und warnte vor den Folgen einer Zweiklassen-Medizin. Dieses Interview gab er noch vor der Ankündigung einiger gesetzlicher Krankenkassen, angesichts der dramatischen Finanzlage ab Februar 2010 erstmals einen Zusatzbeitrag von ihren Versicherten zu erheben.
"Wer Patient erster Klasse sein will", schreibt Sibylle Herbert in ihrem Buch "Diagnose: unbezahlbar. Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin", "muss drei Ks beachten: sich kundig machen, kümmern und kämpfen." Jeder, der sich zu wenig informiere, verschlechtere seine Aussichten auf angemessene Behandlung. Das gelte für jede Kasse. Die Journalistin hat als Krebspatientin die Vor- und Nachteile unseres Gesundheitssystems am eigenen Leib erfahren, ihre nüchterne Analyse: "Medizin ist eben in erster Linie ein Geschäft."
Die Autorin fordert mehr Transparenz im Gesundheitssystem, darüber, wer welche Entscheidungen fällt, warum sie gefällt werden. Wer welche Leistungen bekommt und wer nicht - und warum. Sie möchte, dass die Ärzte, Krankenkassen und Politiker das wahr machen, was sie immer behaupten: Dass sie die Patienten einbeziehen wollen. Stattdessen sei der Patient lediglich Manövriermasse, Geldbringer. Und sie fordert eine gesellschaftliche Diskussion:
In Deutschland seien mehr Medikamente auf dem Markt als in den anderen Ländern, viele Medikamente seien überteuert, auch teurer als in anderen Ländern, sagt der Mediziner Wieland Kiess. Gesünder sind wir dadurch nicht - und das Gesundheitssystem kranke an schwerwiegenden Problemen.
Was können, was wollen wir uns leisten?
Wie viel Geld wollen wir einsetzen und was soll davon bezahlt werden?
Was ist uns Leben wert?
"In Deutschland ist genug Geld da, wahnsinnig viel Geld. Wir sollten es nur klug anwenden. Es ist auch genug da, auch schwere Fälle zu versorgen … "
… sagt der Mediziner Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche an der Universität Leipzig.
"Wir brauchen keine Diskussion, was wir rationieren, sondern wo wir sparen können, ohne dass etwas passiert."
In Deutschland seien mehr Medikamente auf dem Markt als in den anderen Ländern, viele Medikamente seien überteuert, auch teurer als in anderen Ländern. Deutschland leiste sich das kostenintensivste Gesundheitssystem. "Sind wir dadurch gesünder? Nein!" Das Gesundheitssystem dagegen kranke an schwerwiegenden Problemen:
"An Überbürokratisierung, an einem Chaos, dass nicht geklärt ist, wer was macht. Ein weiterer Fehler sind die Unter- und die Überversorgung. Es werden Dinge nicht gemacht, weil die Ressourcen nicht zur Verfügung stehen. Auf dem Land haben wir zum Beispiel eine Unterversorgung, es gibt zu wenige Kinderärzte, zu wenige Diabetologen. Auf der anderen Seite haben wir auch eine Überversorgung: In München zum Beispiel gibt es mehr MRTs als in ganz Italien. Man sagt immer: Das Angebot regelt das Geschäft. Aber Medizin ist kein Geschäft."
Die Gesundheitspolitik sei bestimmt von Funktionären, Interessensverbänden, den Lobbyisten der Pharmabranche.
"Wir müssen uns davon verabschieden, der Pharmaindustrie auf den Leim zu gehen. Teuer ist nicht gleich gut! Auch hier wird immer über Geld diskutiert. Wenn eine Frau sagt, ich habe das Medikament nicht bekommen, was meine Nachbarin bekommen hat, da muss man erst einmal recherchieren. Ärzte und Patienten reden immer nur übers Geld. Wir müssen darüber reden, was etwas nützt. Das Problem bei der Zweiklassen-Medizin ist doch: Sie hat dieses Geschmäckle, der andere kriegt, was mir vorenthalten wird. Richtig wäre eher zu fragen: Was ist wichtig, was nicht?"
"Zwischen Ethik und Effizienz - Welche Medizin können wir uns noch leisten?" Darüber diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit Sybille Herbert und Prof. Dr. Wieland Kiess. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.
Informationen im Internet:
Über Sybille Herbert
Über Prof. Dr. Wieland Kiess
Literaturhinweis:
Sybille Herbert, "Diagnose unbezahlbar. Aus der Praxis der Zweiklassenmedizin", Kiepenheuer & Witsch 2006
Sybille Herbert, "Überleben Glückssache: Was sie als Krebspatient in unserem Gesundheitssystem erwartet", Scherz-Verlag 2005
Beiträge zum Nachhören
Radiofeuilleton - Im Gespräch
RF Im Gespräch: Alzheimer - Wie sollen wir damit umgehen? Teil 2
Sendezeit: 11.02.2012, 10:05
RF Im Gespräch: Alzheimer - Wie sollen wir damit umgehen? Teil 1
Sendezeit: 11.02.2012, 09:05
Radiofeuilleton Im Gespräch, Faszination Berlinale - Faszination Kino (2)
Sendezeit: 04.02.2012, 10:05
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