Vaters Urne ist von den Enkeln handbemalt, die Verbrennung hat die Tochter kostengünstig bei einem Bestattungs-Discounter organisiert, der "Ritualdesigner" ermuntert die Hinterbliebenen zu einem Glas Prosecco, die Feier wird aus der Kapelle weltweit im Internet übertragen.
Der "letzte Weg" der Menschen wird immer individueller gestaltet. Jeder fünfte Deutsche - so eine Emnid-Umfrage aus dem November 2005 - wünscht sich eine moderne Bestattungsform, in einem Friedwald, in den Wurzeln eines Baumes, das Verstreuen der Asche, eine Seebestattung oder die Aufbewahrung der Urne zu Hause. Gleichzeitig verändert die rasant wachsende Zahl der anonymen Gräber das Bild der alten Friedhöfe. In den Großstädten ersetzen namen- und zeichenlose Rasenfelder die traditionellen Familiengräber. Längst kann man übers Internet eine Beerdigung schon zu Lebzeiten zu Festpreisen kaufen, ebay bietet Bestattungsverträge zur Versteigerung feil. Krematorien machen sich europaweit Konkurrenz und laden zur unverbindlichen Vorbesichtigung.
"Pietät kann man bei solchen Praktiken nicht mehr voraussetzen", urteilt der Leiter des Kasseler Museums für Sepulkralkultur Prof. Dr. Reiner Sörries, "Das Wort ist nur noch eine leere Worthülse." Gleichwohl hat der evangelische Theologe Verständnis für den Wunsch der Menschen, selbst zu bestimmen, was nach ihrem Tod mit ihnen passiert. "Die Liberalisierung ist längst überfällig gewesen, in den europäischen Ländern hat sie bereits um sich gegriffen." Als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal weiß er auch um die Kosten, die eine Beerdigung mit sich bringt. "Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Im Durchschnitt kostet eine Bestattung 5000 Euro! Und da ist noch kein Grabstein und keine Grabpflege dabei!" Mit derlei Kritik macht er sich bei den Bestattern nicht immer Freunde, immerhin erwirtschaftet die Branche jährlich sieben bis acht Milliarden Euro - ein todsicheres Geschäft.
Sein Haus ist eines von sieben Museen in Europa, die sich ausschließlich mit den Themen Sterben, Tod, Bestatten und Erinnern in unserer Gesellschaft widmen.
Sein Anliegen: Den Tod und die Trauer wieder ins Leben holen.
Das gelingt dem von Licht durchfluteten Museum mit wechselnden Ausstellungen zur Geschichte der Bestattung bis hin zum "Dernier Cri", der aktuellen Schau zum Thema "Designer gestalten den Abschied".
Seine Erfahrung: Wir werden täglich im Fernsehen mit dem Tod, Krisen und Kriegen konfrontiert. Der Tod in der eigenen Familie, die Trauer werden jedoch ins Private zurückgedrängt. "Aufgrund der demographischen Entwicklung werden die Menschen so alt, dass sie mitunter gar keine Hinterbliebenen mehr haben, die sie beerdigen könnten." Daher rühre auch die große Zahl der anonymen Bestattungen. Darin liege aber auch eine Chance: "Es bilden sich immer neue soziale Netze. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg gibt es zum Beispiel den 'Garten der Frauen'" Auf dem größten Parkfriedhof Europas haben sich Frauen zusammengetan, die die historischen Gräber berühmter Frauen pflegen. Sie können aber auch bereits zu Lebzeiten ihre eigenen Ruhestätten erwerben und pflegen. "Es gibt immer mehr solcher 'Clan-Friedhöfe', da hat die Aids-Bewegung viel bewirkt."
"Friedhof, Friedwald oder die Urne auf dem Regal?" - In der Sendung "Radiofeuilleton - Im Gespräch" diskutiert Dieter Kassel am heutigen Karsamstag von 9:07 Uhr bis 9:11 Uhr gemeinsam mit Prof. Dr. Reiner Sörries über die Bestattungskultur früher und heute. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 - 2254 oder per E-Mail gespraech@dradio.de.
Informationen über das Museum für Sepulkralkultur im Internet: www.sepulkralmuseum.de
Beiträge zum Nachhören
Radiofeuilleton - Im Gespräch
RF Im Gespräch: Alzheimer - Wie sollen wir damit umgehen? Teil 2
Sendezeit: 11.02.2012, 10:05
RF Im Gespräch: Alzheimer - Wie sollen wir damit umgehen? Teil 1
Sendezeit: 11.02.2012, 09:05
Radiofeuilleton Im Gespräch, Faszination Berlinale - Faszination Kino (2)
Sendezeit: 04.02.2012, 10:05
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