Die Deutschen - ein Volk von Zockern? Einer aktuellen Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom zufolge spielt jeder dritte Bundesbürger am Computer, zwei Drittel der 14- bis 19-Jährigen spielen am PC, an der Konsole oder am Handy. Diese Zahlen beflügeln auch die "Games Convention", die europaweit größte Messe für Computer- und Videospiele in Leipzig, die bis zum Sonntag die neuesten Entwicklungen der Branche präsentiert. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala stehen weiterhin die Baller- und Rollenspiele, aber auch klassische Abenteuerspiele.
Und wie sieht es mit dem Lernen am Computer aus?
Kann der Spaß am Spielen mit dem Lernen am Computer verbunden werden?
Wo liegen die Chancen, wo die Grenzen des Lernens per Computer?
Diese Fragen beschäftigen auch Prof. Dr. Winfred Kaminski. Der Direktor des Instituts für Medienforschung und Medienpädagogik an der Fachhochschule Köln hat dort im vergangenen Jahr den "Spielraum" mitbegründet.
Ziel des Forschungsprojektes: Die "digitale Kluft" zwischen den Generationen zu schließen und die Medienkompetenz von Eltern, Erziehern und Lehrern im Hinblick auf Computer- und Videospiele zu verbessern. Mit dem Einzug der Computer in die Schulen sieht er eine Zeitenwende in der Bildung gekommen.
Die Chancen des Lernens per Computer liegen für ihn "in der Zugänglichkeit des Wissens, der Variabilität, der Zeitbeliebigkeit des Wissens. Sprachlich ist es so offen, wie nur irgendetwas. Wenn ich Französisch unterrichte, kann ich gleich auf eine französische Seite gehen. Oder nehmen Sie die Web-Zeitungen, die Radios, da kann ich mich bis nach Tel Aviv durchklicken, das ist phantastisch! Und diese Lebendigkeit kann ich natürlich in den Unterricht einbauen. Die Frage ist heute also: Wie können unter diesen digitalen Vorzeichen Wissensaneignung und Wissensvermittlung vonstatten gehen? Und da sind wir dann bei der Frage: Wie weit soll das Lernen noch fremdbestimmt sein, also durch den Lehrer oder von den Schülern allein geleistet werden?"
Der Medienpädagoge sieht aber auch klare Grenzen:
"Es ist nur ein minimaler Teil des Unterrichts, der am PC geleistet werden kann. Ich warne davor, zu glauben, dass man die Schüler einfach vor die Computer setzen kann und sagt: 'nun macht mal'. Das Unterscheidungsvermögen fehlt ihnen, in dem Meer aus Mist die Perlen zu finden, die unterrichtsrelevant sind. Das ist ein Riesenproblem. Und das Vorwissen, um Wissen zu schaffen, ist nicht vorhanden. Das heißt: Man muss lesen können, um die Spreu vom Weizen zu trennen. Das ist eine pädagogisch zu leistende Aufgabe, die Kinder nicht leisten können."
Den Chancen, aber auch den Gefahren der Computernutzung von Kindern, widmet sich auch Wolfgang Bergmann. Der Leiter des Instituts für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover hat mehrere Bücher zu dem Thema geschrieben. In seiner Praxis melden sich verstärkt Eltern, deren Kinder computersüchtig sind. Ihre Zahl wird auf 500.000 bis 600.000 geschätzt. Dennoch plädiert auch er für einen verstärkten Einsatz der Computer in den Schulen.
"Wir haben heute noch Bildungsinhalte, die sich darauf konzentrieren, was Kinder heute nicht mehr können: Sie verlangen, dass Kinder länger zuhören, sich länger konzentrieren. Das können heutige Kinder aber nicht mehr! Das Lesen, die Schrift, immer monoton von links nach rechts lesen, ödet sie an. Mit der Folge, dass den Lehrern der Laden um die Ohren fliegt. Die Kinder heute leben in einer fundamental anderen sozialen Zeit. Und sie wachsen in einer Bilderwelt auf, in der alles gleichzeitig zur Verfügung steht. Sie leben in einer hochkomplexen Jetzt-Ästhetik. Das ist also eine ganz andere Kultur. Und jetzt kommt das Problem: In der Schule halten sie mit Haken und Ösen an der alten Bildungskultur fest. Das langweilt Kinder maßlos. Der Unterricht geht an den Kindern vorbei."
Ein sinnvoller Einsatz von Computern könne dieser Entwicklung Rechnung tragen. Allerdings erfordere dies einmal mehr starke Lehrerpersönlichkeiten. Die Schule habe jedoch noch nicht begriffen, wo die Chancen und wo die Grenzen des PCs im Unterricht liegen. "Es reicht eben nicht zu sagen, wir holen die Computer in die Schule, wenn wir gleichzeitig nicht wissen, wie die Kinder sich da einbringen können."
Den Vorwurf, Computer, insbesondere Computerspiele machten Kinder aggressiv, lässt er so nicht gelten. Er behandelt sogar hyperaktive Kinder mit Hilfe von Computerspielen: "Es stimmt, moderne Kinder sind nervöser, aber sie sind visuell auch sehr geschult, wenn man sie langsamer machen will, werden sie verrückt. Die Lösung lautet: Wir müssen die Konsequenz, die diese modernen Kinder haben, fördern und nicht auf das alte Bild zurückführen. Sonst werden wir scheitern."
"Spielend lernen - Bildung per Computer", darüber diskutiert Dieter Kassel heute mit dem Medienpädagogen Winfred Kaminski und dem Kinderpsychologen Wolfgang Bergmann. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800/2254-2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.
Informationen im Internet unter:
Fachhochschule Köln
Kinderpsychologie und Lerntherapie Bergmann
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