Der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesfinanzministerium, Clemens Fuest, hält die Entscheidungen des EU-Sondergipfels für einen Fortschritt.
Marcus Pindur: Eine Woche vor dem Weltfinanzgipfel in Pittsburgh wurde gestern Abend bei einem Sondergipfel das gemeinsame Vorgehen innerhalb der Europäischen Union vor allem gegenüber den USA abgestimmt. Umstritten besonders die Maßnahmen zur Begrenzung von Manager-Boni in der Bankenbranche.
Hohe Bonuszahlungen verleiten zu hoher Risikobereitschaft bei den Bankern, und deshalb wollten viele Europäer da eine Art Kappungsgrenze haben.
Wir sind jetzt verbunden mit Professor Clemens Fuest, er lehrt derzeit in Oxford und ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesministeriums für Finanzen. Guten Morgen, Herr Fuest.
Clemens Fuest: Schönen guten Morgen, Herr Pindur.
Pindur: Man will an die Bonuszahlungen ran, aber man hat sich dann doch nicht auf eine Kappungsgrenze einigen können. Ist dieser Kompromiss jetzt ein Fortschritt oder eben doch ein fauler Kompromiss?
Fuest: Ich will nicht sagen, dass es ein fauler Kompromiss ist, denn im Kern geht es ja nicht um die Höhe allein, sondern um die Frage, wie man die Manager davon abhält, zu hohe Risiken einzugehen, und das hat eher damit eher zu tun, wovon die Bonuszahlung abhängig ist.
Man will außerdem die Manager davon abhalten, zu kurzfristig zu denken, und deshalb muss man an Regeln denken, die zum Beispiel den Bonus mehr an das längerfristige Geschäft binden, an den längerfristigen Erfolg der Bank. Insofern kommt es also eher auf diese Regelungen an. Wie hoch dann der Bonus am Ende ist, ist vielleicht gar nicht so wichtig.
Pindur: Also Sie glauben, mit dieser Regelung käme man schon ein gutes Stück weiter?
Fuest: Wenn alle guten Willens sind, kommt man damit schon weiter.
Pindur: Wichtiger als die Bonuszahlungen ist ja die Eigenkapitalausstattung der Banken. Ist man da denn weiter gekommen?
Fuest: Der Wille ist schon da, die Eigenkapitalausstattung zu erhöhen. Das in der Praxis umzusetzen, ist aber nicht so ganz einfach, denn zunächst mal muss man sich darauf einigen, was überhaupt Eigenkapital ist. Das heißt, man muss die Bilanzierungsvorschriften aufeinander abstimmen.
Man muss sie nicht unbedingt vereinheitlichen, aber heutzutage bedeutet Eigenkapital in Europa etwas anderes als in den USA, und da müsste man sich zunächst einigen, dass man ungefähr einheitlich bilanziert oder das irgendwie zusammenbringen, und wenn man das geschafft hat, dann kann man auch Eigenkapitalvorschriften erlassen. Das ist eine komplizierte Angelegenheit, aber auch da denke ich, wenn man sich auf die Prinzipien einigt, müsste es möglich sein, die Sache dann auch umzusetzen.
Pindur: Was ist mit einer stärkeren Bankenaufsicht? Es soll ja eine größere Kooperation innerhalb Europas geben. Geht das auch international? Ist das vorstellbar?
Fuest: Die Vorstellung, dass man quasi eine einheitliche Bankenaufsicht hat oder sogar eine globale Institution, die dann überwacht, das geht sicherlich zu weit. Trotzdem, würde ich sagen, kann man sich auch hier auf einheitliche Regeln einigen, und hier wäre es eigentlich auch ganz gut, wenn zunächst mal die Länder sich selbst fragen, ob ihre Bankenaufsicht optimal funktioniert hat.
Die deutsche Bankenaufsicht wusste ja zum Beispiel, dass viele deutsche Banken Gesellschaften im Ausland unterhalten, die hohe Risiken eingehen, und man ist nicht eingeschritten. Das heißt, der erste Schritt wäre mal, dass sich gewissermaßen jeder an die eigene Nase fasst und überlegt, was können wir besser machen in Zukunft. Verbinden muss man die bessere Bankenaufsicht mit der Frage des Eigenkapitals. Wenn man also bei den Eigenkapitalvorschriften restriktiver wird und das genau beachtet, dann ist man schon einen erheblichen Schritt weiter.
Pindur: Man muss also national handeln in erster Linie. Nun soll es ja auch eine stärkere europäische Kooperation bei der Bankenaufsicht geben. Ist das denn Ihrer Ansicht nach Erfolg versprechend?
Fuest: Das ist Erfolg versprechend, wenn man sich auf Regeln einigt. Aber letztlich muss man auch dort damit rechnen, dass die Bankenaufsicht eher national bleiben wird. Ich denke, es geht eher darum, sich auf gemeinsame Prinzipien zu einigen, eben darauf, dass man es nicht mehr zulässt, dass Zweckgesellschaften im Ausland gegründet werden, die dann doch nicht wirklich die Regeln einhalten, die dann doch mit sehr wenig Eigenkapital arbeiten.
Sicherlich ist es notwendig, dass man Informationen austauscht. Es geht auch um die Frage, ob Banken so groß werden können, dass sie systemisch gefährlich werden können. Wenn man sich in diesen Themen auf eine gemeinsame Linie einigt, dann kann das eigentlich jeder in seinem eigenen Land umsetzen.
Pindur: Im Endeffekt kommt es dann aber darauf an, wie die Nationalstaaten handeln, und da geht besonders dann die Frage an Großbritannien und die USA. Glauben Sie, dass die mitziehen werden, so dass es auch tatsächlich zu einer sinnvollen Bankenaufsicht kommt?
Fuest: Die Reform der Bankenaufsicht ist ja eine Gratwanderung. Einerseits will man natürlich verhindern, dass es eine zweite Krise gibt. Andererseits darf man den Finanzsektor auch nicht in Ketten legen. Da muss man also einen gesunden Mittelweg finden und die Länder, die große Finanzsektoren haben, wie Großbritannien und die USA, sind da wohl eher auf der vorsichtigen Seite. Aus deutscher und französischer Sicht ist es etwas leichter zu sagen, wir müssen sehr hart regulieren, denn wenn der Finanzsektor darunter leidet, trifft das eben Deutschland und Frankreich weniger als Großbritannien. Deshalb ist man in Großbritannien und in den USA da etwas vorsichtiger.
Pindur: Kommen wir noch zu einer weiteren Frage, die gestern Abend diskutiert wurde. Die Bundeskanzlerin hat sich jetzt einem Vorschlag ihres Finanzministers angeschlossen und eine internationale Finanzmarktsteuer angeschoben. Wie wahrscheinlich ist es denn, dass daraus was wird?
Fuest: Ich glaube, das gehört eher in das Kapitel Wahlkampf. Eine solche Steuer international einzuführen, ist wohl ausgeschlossen. Darauf wird man sich nicht einigen können und es ist auch überhaupt nicht klar, ob eine solche Steuer tatsächlich Krisen vermeiden würde. Da gibt es viele Fragezeichen. Die Forschung zu diesem Thema ist sich nicht einig. Das, denke ich, ist unrealistisch und wird auch nach dem Wahlkampf schnell wieder vergessen sein.
Pindur: Professor Clemens Fuest, er lehrt in Oxford und ist Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates des Bundesministeriums für Finanzen. Herr Fuest, vielen Dank für das Gespräch!
Fuest: Ich danke Ihnen, Herr Pindur.
Mehr zur Sendung:
Beiträge zum Nachhören
Interview
ACTA-Abkommen - Interview mit Daniel Caspary (CDU)
Sendezeit: 11.02.2012, 07:49
Der Fall Chantal - wie können Pflegekinder besser geschützt werden ?
Sendezeit: 11.02.2012, 06:48
Die Zeit läuft ab: Wie kann der Atommüll in der Asse gesichert werden?
Sendezeit: 10.02.2012, 07:49
dradio-Recorder
im Beta-Test: