Der Professor für christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik, André Habisch, sieht ein Versagen der Kirchen bei der Bewältigung der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise.
Birgit Kolkmann: Morgen gipfelt es wieder - finanziell, beim G20-Treffen in Pittsburgh, auch Weltfinanzgipfel genannt, das Spitzentreffen ein Jahr nach dem Crash der Lehman-Bank, dem Auslöser der ersten großen Wirtschaftskrise des 21. Jahrhunderts. Nun kursieren die Rezepte, die eine Wiederholung verhindern sollen: Finanzmärkte an die Kandare nehmen, Manager-Belohnungen begrenzen. Neue Regeln sollen her, aber das System bleibt das alte. Ist das alles also für die Katz, wollen wir André Habisch fragen. Er ist Professor für christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Wir erreichen ihn in Barcelona. Schönen guten Morgen in der "Ortszeit"!
André Habisch: Ja, guten Morgen!
Kolkmann: Herr Professor Habisch, nach ethisch-moralischen Grundsätzen für das Wirtschaftsleben wird ja jetzt wieder gerufen, weil sonst alles so schlimm werde wie zuvor. Das hat der Bischof von Eichstätt jetzt kurz vor der Bischofsversammlung in Fulda gesagt. Waren denn diese Grundsätze nicht vorher schon abhanden gekommen?
Habisch: Nun realistischerweise müssen wir uns schon eingestehen, dass wir Verantwortung und moralisches Handeln lange aus unseren Lehrbüchern verbannt haben, und das bekennt ja heute auch die ökonomische Zunft selbst, dass sie zu stark auf Prinzipal-Agent-Modelle und Anreize gesetzt hat.
Kolkmann: Sie sind ja gerade mit dem Thema befasst, auch auf internationaler Ebene bei einer Tagung in Barcelona. Was war denn da der Tenor? Gibt es denn wirklich Vorteile eines an ethisch-moralischen Grundsätzen orientierten Wirtschaftens?
Habisch: Ja, ich erinnere mich da gestern an eine Diskussion auf unserem Abschluss-Paneel. Da ging es dann auch wieder um Anreize für Hochschullehrer. Da sagte unser Gastgeber, also wir hier in Barcelona versuchen, eigentlich eher an die Verantwortung, an die Mitverantwortung, an das gemeinsame Handeln auch zu appellieren, und wir haben ganz faszinierende Beispiele dafür, wie Menschen sich einfach aus ihrer Mitverantwortung für ihre Studenten, für ihre Organisation engagieren, ohne vielleicht jetzt auf Heller und Pfennig dafür immer kompensiert zu werden.
Kolkmann: Wenn man da auf eine andere Ebene kommt des Bewertens, wie kann man denn das in unsere Wirtschaftswelt übertragen, die doch auf Profit möglichst grenzenlos setzt?
Habisch: Also empirische Studien zeigen ja, dass Menschen, die ganz stark sozusagen mit Anreizen, auch sehr hohen Anreizen versehen werden, dass die eigentlich weniger sachgerecht handeln, weil sie immer nur auf ihre Kompensation schielen und manchmal zu wenig dann mit einer sachgerechten Lösung des Problems beschäftigt sind. Das heißt also, wir werden uns hier natürlich auch seitens der Wirtschaftswissenschaft selber damit beschäftigen müssen, in welchen Situationen sind denn welche Steuerungsinstrumente überhaupt sachgerecht, und werden nicht einfach etwas vor uns herbeten müssen, was die letzten Jahrzehnte wie selbstverständlich galt. Aber wir müssen uns auch klar machen, das dauert natürlich, das braucht auch Zeit, und das Problem hier, vor dem natürlich die Staats- und Regierungschefs auch stehen, ist, dass sie jetzt hier eine neue Lösung präsentieren sollen, wo wir aber über Jahrzehnte natürlich das Nachdenken und Vorbereiten dieser Lösung vernachlässigt haben.
Kolkmann: Sie sagen, das Ganze dauert etwas. Es gibt ja auch viele Kritiker dieses Kasinowirtschaftens, die sagen, es hätte jetzt tatsächlich mal ein Schnitt gemacht werden müssen, ein Systemwandel. Ist das aber praktisch in sich gar nicht möglich, weil man dieses System nicht einfach von heute auf morgen abstellen und ein neues installieren kann?
Habisch: Das sehe ich so überhaupt nicht. Wenn Sie in die Geschichte der Marktwirtschaft sehen, dann sehen Sie, dass wir ganz unterschiedliche Formen der Marktwirtschaft in der Geschichte hatten, aber auch heute im Vergleich der verschieden entwickelten Länder ganz unterschiedliche Formen haben. Das heißt also, es gibt hier eine ganze Menge Gestaltungsspielraum, man muss nur darüber nachdenken. Alternativmodelle müssen entwickelt werden und unser Problem ist ja, dass wir jetzt ganz schnell eine neue, eine andere Lösung brauchen, aber das Nachdenken über diese Dinge vernachlässigt haben. Ich denke, da sind auch gerade wir als Universitäten gefordert, diesen Prozess anzustoßen und uns neu auf diese Fragen zu konzentrieren. Ich sag auch ganz offen, aus meiner Sicht hat auch die Sozialethik versagt, haben natürlich zum Teil auch die Kirchen diesen ganzen Themenbereich viel zu sehr vernachlässigt. Sie haben sich nur auf Wohlfahrtsstaat, auf sozialpolitische Fragen beschränkt. Wir müssen uns auch mit Wirtschafts- und Unternehmensethik beschäftigen und müssen uns überlegen, welche Handlungsmodelle sind denn wirksam und welche funktionieren nicht.
Kolkmann: Ist also die katholische Soziallehre etwas für Kanzeln und Wahlkampfrednerpulte, allerdings nicht, was in Vorstandsetagen antizipiert wird?
Habisch: Die katholische Soziallehre ist gestartet als Wirtschaftsunternehmensethik im 19- Jahrhundert, aber hier ist uns etwas verloren vergangen in den letzten Jahrzehnten. Wir haben uns so ein bisschen auch unter dem Eindruck natürlich des entstehenden Wohlfahrtsstaats nur noch mit sozialpolitischen und familienpolitischen Fragen … Das sind alles wichtige Fragen, aber wir müssen in der katholischen Soziallehre auch das ganze Feld der Wirtschafts- und Unternehmensethik neu entdecken. Und da sind wir gerade dabei, da versuchen wir auch, auf internationaler Ebene Netzwerke in diese Richtung anzustoßen.
Kolkmann: Netzwerke in diese Richtung anzustoßen. Wichtig wäre es ja auch, vor allen Dingen die jungen Menschen zu erreichen, und das sind ja die Studenten, die Sie haben, die in der Zukunft wirtschaften werden. Wie ist denn die Stimmung unter diesen jungen Menschen, die gesehen haben, zu welchem Desaster das Kasinowirtschaften führen kann, die ja sicherlich auch Beispiele kennen von Unternehmen, die jetzt nicht verloren haben, weil sie nachhaltig wirtschaften? Was wollen die für ihre Zukunft?
Habisch: Also das Interesse an wirtschafts- und unternehmensethischen Themen ist unter Studierenden schon immer ganz hoch gewesen, auch schon vor dieser Krise. Wir haben ganz, ganz viele Interessenten für Abschlussarbeiten, auch vor allen Dingen für Doktorarbeiten im Bereich der Wirtschafts- und Unternehmensethik. Das sind Menschen, die zum Teil irgendwo in der Unternehmensberatung arbeiten und aber merken, das was ich hier täglich tun muss, da läuft was schief, da brauche ich eigentlich, da suche ich nach einer neuen Orientierung. Ich denke, wir müssen …
Kolkmann: Laufen die gegen Wände, oder werden die korrumpiert?
Habisch: Nein. Ich glaube eher, dass sie so in ihrem Alltagsgeschäft merken, hier kommen bestimmte Dimensionen meines Handelns, also die ich gerne verfolgen würde, kommen überhaupt nicht zur Geltung. Das ist mehr so ein unangenehmes Hintergrundgefühl und dem wollen sie nachgehen und ich finde, wir müssen diese Bereitschaft, darüber nachzudenken, neue Formen zu finden - ich nenne das Stichwort "social entrepreneurship", unternehmerisches Engagement im Bereich des Sozialen, der Lösung gesellschaftlicher Probleme -, ich denke, wir müssen diese Bereitschaft aufnehmen und wir müssen einfach hier Möglichkeiten schaffen, auch innerhalb unseres Universitätssystems Orte schaffen, in denen über Alternativen auch nachgedacht wird. Erst dann können die Politiker wirklich auch Alternativen ins Werk setzen.
Kolkmann: Vielleicht sollten da die Boni gezahlt werden und nicht in den Vorstandsetagen.
Habisch: Auch da denke ich, Boni sind nicht das richtige Instrument. Da halte ich es mit unserem Gastgeber. Ich glaube, da ist genug Drive aus einem Verantwortungsbewusstsein der jungen Menschen da und das sollten wir ins Werk setzen, dem sollten wir zum Durchbruch verhelfen.
Kolkmann: André Habisch, Professor für christliche Sozialethik und Gesellschaftspolitik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Ich danke Ihnen sehr für das Gespräch in Deutschlandradio Kultur.
Habisch: Sehr gerne. Danke schön!
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