Das Wirtschaftswachstum muss zukünftig mehr in den ökologischen Bereich gerichtet sein, sagt Klaus Wiegandt, Leiter der Stiftung Forum für Verantwortung. Damit aber sich die Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit entwickeln kann, dürfte nicht mehr kurzfristige Gewinnmaximierung als Ziel für Top-Manager gelten.
Nana Brink: Ohne Wachstum keine Investition, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. Diese knappe Zusammenfassung unseres Wirtschaftssystems stammt nicht etwa von einem Topmanager eines börsennotierten Unternehmens, sondern aus der letzten Regierungserklärung von Bundeskanzlerin Merkel.
So ähnlich hätte Klaus Wiegandt bis vor zehn Jahren vielleicht auch seine Wachstumseuphorie beschrieben, da war er noch Vorstand des Handelskonzerns Metro AG, dann wurde er Privatier und gründete seine Stiftung Forum für Verantwortung, die sich mit der Abkehr von eben jener Wachstumsgläubigkeit beschäftigt. Müssen wir unseren Wohlstand neu definieren? Klaus Wiegandt ist jetzt am Telefon, einen schönen guten Morgen, Herr Wiegandt!
Klaus Wiegandt: Guten Morgen, Frau Brink!
Brink: Die Bundeskanzlerin sagt: Ohne Wirtschaftswachstum geht nichts in Deutschland. Was ist daran falsch?
Wiegandt: Sicherlich hat uns das Wachstum der letzten 50 Jahre Wohlstand beschert, aber gleichzeitig sind auch die Schäden in der Umwelt in einem Ausmaß gewachsen, dass Wissenschaftler seit Jahrzehnten mahnen und sagen: Wenn das so weitergeht, wird es später mal so weit sein, dass wir mehr Geld in die Beseitigung der Umweltschäden stecken müssen, als wir noch Kraft für Wachstum haben. Also, die Art, wie wir bisher gewachsen sind, werden wir nicht in die Zukunft tragen können.
Wir müssen aufpassen, dass unser Wachstum mehr in den ökologischen Bereich gerichtet ist und Rücksicht auf die Natur nimmt. Das ist das Hauptproblem, was wohl in der Vergangenheit immer wieder übersehen wurde. Auf diese Bemerkungen - Grenzen des Wachstums - des Club of Romes 1972 durch Dennis Meadows kam dann immer die Antwort der Wirtschaftswissenschaftler, auch der Wirtschaftseliten: Wir schaffen das über Effizienzgewinne, das heißt, wir werden das Wirtschaftswachstum entkoppeln vom Ressourcen- und Energieverbrauch. Das hat sich als große Illusion erwiesen. Global sind wir in den letzten 30, 40 Jahren enorm weiter im Verbrauch der Ressourcen und der Energie gestiegen.
Brink: Glauben Sie dann nicht mehr an die Marktwirtschaft? Müssen wir die Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems ändern?
Wiegandt: Ich bin ein überzeugter Marktwirtschaftler, aber wir haben die falschen Rahmenbedingungen für unser Wachstum. Die Ökologen haben seit Jahrzehnten gefordert, dass wir ökologisch wahre Preise in unserem Wirtschaftssystem haben sollten. Heute sind letztlich alle Preise in der Wirtschaft falsch, weil Folgekosten vom Naturverbrauch nicht in den Preisen stecken, sondern der Allgemeinheit angelastet werden. Und dadurch optimiert der Markt oder die Märkte optimieren unter falschen Rahmenbedingungen. Das hat dazu geführt, dass wir uns Jahrzehnte über die steigende Arbeitsproduktivität gefreut haben, weil Manager und Unternehmer den Kostenfaktor Arbeit versucht haben, aus ihrem Betrieb weitestgehend zu entfernen und zu ersetzen durch technologische Innovationen, die sehr stark ressourcenintensiv und energieintensiv waren und sind.
Brink: Aber, ich mache es jetzt ein bisschen plakativ, würde das denn nicht bedeuten, dass wir zum Beispiel mehr Geld für Benzin oder für Heizkosten ausgeben müssten?
Wiegandt: Aber natürlich.
Brink: Und wie überzeugen Sie die Menschen dann, das zu akzeptieren?
Wiegandt: Wir haben vergessen, die Menschen aufzuklären über das, was notwendig wird, damit die Wirtschaft und Natur im Einklang miteinander überleben können. Und wenn wir den Menschen sagen, es müssen beispielsweise Rohstoffe und Energien wesentlich teurer werden, dann müssen wir natürlich auch den sozial Schwachen helfen, dass die diese Form auch überstehen können.
Letztlich kann man das auf die Formel bringen und sagen: Entweder, wir gehen diesen Weg, oder wir werden den Scheichs immer höhere Preise zahlen, und dann ist das Geld aber für immer weg aus unserem volkswirtschaftlichen Kreislauf. Wir haben keine Alternative dazu, weil wir auf der einen Seite sehen, dass jetzt erste Anzeichen da sind, dass Ressourcen knapp werden, sodass wir sehen müssen - vor dem Hintergrund, dass wir fünf Milliarden Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern haben, die nur einmal ihre Grundbedürfnisse befriedigen wollen -, da kommt ein solcher Nachholbedarf an Nachfrage in Richtung Ressourcen und Energie auf uns zu: Wenn wir da keinen Weg für finden, dann fahren wir unser gesamtes System an die Wand.
Brink: Welche Erfahrungen, pardon, machen Sie denn, wenn Sie diese Thesen mit ehemaligen Topmanagern besprechen?
Wiegandt: Die sagen unter vier Augen: Mensch, machen Sie weiter, das ist großartig! Aber wenn ich sie dann bitte, mal aufs Podium zu kommen, dann sagen die entweder: Ich bin einfach viel zu wenig in diesem Thema drin, das kann ich nicht, oder sie sagen: Mein Aufsichtsrat würde mich rauswerfen. Das ist ja auch das wirkliche Problem der Manager: Sie haben Rahmenbedingungen, unter denen sie antreten, ihren Job zu machen, und wenn sie den nicht erfüllen, sind sie entlassen. Also müssen wir die Rahmenbedingungen ändern.
Wenn wir natürlich eine Rahmenbedingung haben, dass im Vordergrund steht, kurzfristige Gewinnmaximierung, dann hat der Manager ja gar keine andere Chance, als sich so zu verhalten. Tut er es nicht, wird er abgelöst und ein nächster kommt. Also müssten wir solche Rahmenbedingungen ändern. Das ist das, was im Prinzip auch von der Wirtschaftswissenschaft viel zu lange verkannt wurde.
Ohne eine Änderung der Rahmenbedingungen werden wir nicht einen Weg in die Nachhaltigkeit gehen können. Alles andere - ob wir beim Zähneputzen unser Wasser ein bisschen weniger laufen lassen, ob wir eine Glühbirne auswechseln oder nicht -, das sind alles tausend Schritte in die richtige Richtung, haben aber überhaupt nichts mit einer Kurskorrektur in Richtung Nachhaltigkeit unserer Gesellschaften zu tun.
Brink: Klaus Wiegandt, Gründer und Vorstand der Stiftung Forum für Verantwortung, und wir sprachen über die Grenzen des Wachstums in Deutschland.
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