Ob Erdbeben, Überschwemmungen oder Terrorismus - der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Christoph Unger hält Deutschland für gut vorbereitet. Man arbeite an einem neuen System, um die Menschen frühzeitig zu warnen.
Christopher Ricke: Die Erdbeben in Haiti, in Chile oder in der Türkei, Naturkatastrophen töten zehntausende, hunderttausende Menschen. Auch in gut entwickelten Ländern wie zum Beispiel in Chile oder der Türkei kommt der Katastrophenschutz schnell an seine Grenzen, dann braucht es internationale Hilfe. Und wir wollen jetzt mal nachhören, wie es in Deutschland um den Katastrophenschutz bestellt ist, denn auch wenn wir nicht direkt in einem Erdbeben-Hochrisikogebiet liegen, so gibt es doch noch ganz andere Bedrohungen, Überschwemmungen oder Terrorismus. Christoph Unger ist der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Herr Unger, mir fallen bei Katastrophen zunächst die Hilfsorganisationen ein, zum Beispiel das Rote Kreuz, die Feuerwehr, das Technische Hilfswerk. Sind denn unsere Organisationen auf der Höhe der Zeit?
Christoph Unger: Ich denke, dass wir in Deutschland gut vorbereitet sind. Wir haben ein gutes System der sogenannten allgemeinen nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Also alles, was mit Rettungsdienst, Brandschutz, aber eben auch Katastrophenschutz zu tun hat, ist gut. Das sehen wir eigentlich ständig. Allerdings haben wir im Jahr 2002 auch bei der Elbe-Flut gesehen, dass dieses System an Grenzen gestoßen ist, und seitdem versuchen wir aber auch, es zu optimieren. Ich bleibe aber dabei: wir sind, glaube ich, gut aufgestellt.
Ricke: Das gilt für die Organisationen. Aber was ist mit der Bevölkerung? Außer den Hochwassern der vergangenen Jahre ist ja in Deutschland nicht viel passiert. Macht das träge?
Unger: Das macht nach unserer Auffassung ja auch ein bisschen träge. Wir arbeiten daran, die Selbsthilfefähigkeit zu verbessern. Es gelingt uns aber eigentlich immer nur dann, wenn die Bevölkerung sieht, dass es auch bei uns Katastrophen gibt, so zum Beispiel bei dem Wintersturm im Münsterland oder bei dem Sturm Kyrill. Dann merkt man, dass die Sensibilität steigt, dass dann unsere Angebote auch stärker nachgefragt werden. Wir versuchen gleichwohl ständig, mit unseren verschiedenen Medien darauf einzuwirken, die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung zu verbessern.
Ricke: Wie kann das geschehen? Brauchen wir breit in der Bevölkerung verankert Katastrophenschutzübungen?
Unger: Das ist sicherlich ein Punkt, dass den Menschen bewusst wird, dass es auch bei uns zu einer Großschadenslage, einer Katastrophe kommen kann, einem Terroranschlag, einem Hochwasser. Wir waren deshalb ganz froh, dass beispielsweise unsere beiden letzten großen Übungen unter dem Namen LÜKEX auch breite Medienresonanz gefunden haben. Aber natürlich gibt es auch ganz andere Ansatzpunkte. Wir gehen beispielsweise in die Schulen, versuchen, Schülerinnen und Schüler auszubilden in erste Hilfe, demnächst auch im Bereich Brandschutz. Also ich glaube, es ist wichtig, an vielen Stellen da anzusetzen.
Ricke: Lohnt es sich denn aus Ihrer Sicht, das selbst mal zu üben, vielleicht einfach ein paar Tage ohne Strom und Wasser auszukommen, ohne öffentliche Verkehrsmittel, also auch ohne Tiefkühlschrank und Telefon?
Unger: Ich glaube, dass das nicht so weiterführt, wenn jeder Einzelne das versucht. Wir müssen insgesamt ein Bewusstsein schärfen. Dazu dient jetzt beispielsweise ja auch unser Gespräch. Wir versuchen, auch solche Warnung im Zusammenhang mit Ereignissen wie jetzt zuletzt bei dem Sturm Daisy auch noch mal deutlich zu machen, unsere Empfehlungen zu transportieren. Wir müssen in die Schulen, wir müssen alle möglichen Medien, auch moderne Medien nutzen, um sozusagen eine breite Sensibilisierung zu erzielen.
Ricke: Grundsätzlich gilt natürlich wie überall auch beim Katastrophenschutz, man muss mit finanziellen Mitteln sehr sorgfältig umgehen. Wo glauben Sie denn könnte man mit dem geringsten Aufwand die größte Verbesserung erzielen?
Unger: Ich glaube, Sie haben einen der wichtigsten Punkte angesprochen: Das ist die Sensibilisierung der Bevölkerung. Es ist ja kein großer Aufwand, sich mal zu Hause zu überlegen, was man eigentlich machen kann, um ein, zwei, drei Tage auch mal ohne Strom, ohne die Möglichkeit, einkaufen zu gehen, klar zu kommen. Das ist kein großer Aufwand. Ich denke aber, wir müssten an einem zweiten Punkt arbeiten: Das ist die Warnung der Bevölkerung, Information der Bevölkerung. Da sind wir, glaube ich, noch einen Schritt zurück. Wir versuchen, jetzt ein neues Warnsystem zu etablieren, um die Menschen eben auch frühzeitig vorzubereiten, denn alles, was im Vorfeld passiert, hilft dazu, dann in der eigentlichen Schadenslage besser diese Lage zu bewältigen.
Ricke: Wie ist denn die Gesamteinschätzung, wenn man die Bedrohungen mal von A wie Atomunglück über T wie Terrorismus bis Z wie Zugunglück anschaut? Wie ist es um die nationale Sicherheit und den Bevölkerungsschutz in Deutschland insgesamt bestellt?
Unger: Wir haben ja mit den Ländern gemeinsam betrachtet, was auf Deutschland zukommen kann. Das ist in den Regionen sehr unterschiedlich. Sie können das Hochwasser an der Nordsee oder in den Flusstälern haben, Sie können aber eben auf der anderen Seite im Schwarzwald auch einen Sturm wie Kyrill oder Lothar haben. Das muss man sich genau angucken, was in den einzelnen Bereichen von Relevanz ist. In Nordrhein-Westfalen beispielsweise haben wir viel Chemieindustrie. Wir betrachten all diese möglichen Schadensszenarien, aber eben regional bezogen, und versuchen, dann die richtigen Antworten zu finden.
Ricke: Christoph Unger, der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Das Gespräch haben wir aufgezeichnet.
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