Der Berliner Kfz-Meister Thomas Lundt stellt unter seinen fünf Auszubildenden einen ein, der ein schlechtes Abgangszeugnis erhalten hat. Mit dem Modell habe seine Firma gute Erfahrungen gemacht, sagt Lundt, denn die Jugendlichen seien sehr motiviert, wenn die Tätigkeit ihnen Spaß mache.
Christopher Ricke: Das neue Lehrjahr hat begonnen, und man kann fragen, wie gut ist die Ausbildung in Deutschland, wer bildet besser aus, Industrie oder Handwerk, was sind die beliebtesten Berufe und so weiter und so fort. Das alles wertet regelmäßig der Deutsche Gewerkschaftsbund aus, der auch heute den Ausbildungsreport 2010 vorgelegt. Aber jenseits des Papiers, jenseits der Statistik lohnt der direkte Blick auch in Firmen hinein. Gibt es denn renommierte Unternehmen, in denen zum Beispiel auch die eine Chance bekommen, die bislang im Leben kaum eine hatten? Gibt es Chefs und Meister, die jungen Menschen zum Beruf verhelfen, auch wenn es Schul- oder vielleicht sogar Drogenprobleme gab?
Es gibt sie tatsächlich. Thomas Lundt aus Berlin ist der Chef der Sportwagenwerkstatt Lundt-Auto, bei ihm auf dem Hof stehen reichlich Autos, die sich viele Leute nicht leisten können, und an diesen Autos arbeiten junge Menschen, die bislang wenig leisten konnten. Guten Morgen, Herr Lundt!
Thomas Lundt: Guten Morgen, Herr Ricke!
Ricke: Nach welchen Kriterien vergeben sie denn Lehrstellen?
Lundt: Also grundsätzlich haben wir immer fünf Auszubildende, und wir haben normalerweise die Kriterien, die sie alle anwenden: dass wir uns gute Schulabgänger suchen und danach die Ausbildungsplätze vergeben. Allerdings haben wir vor zwei Jahren mal etwas anderes gemacht, wir haben nämlich gesagt, unter den fünfen können wir uns auch leisten, mal einen zu nehmen, der vielleicht nicht in den letzten Schuljahren sehr fleißig war und vielleicht dadurch ein schlechtes Abgangszeugnis bekommen hat und dadurch eigentlich chancenlos ist, überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen.
Ricke: Und was haben Sie für Erfahrungen gemacht mit diesen Leuten, die eigentlich ohne Chance sind?
Lundt: Also bei dem Ersten haben wir eine sehr gute Erfahrung gemacht. Wir haben ihn aus seinem schulischen Motivationsloch relativ zügig rausholen können, allerdings in konzertierter Aktion mit der ganzen Mannschaft bei mir - wir sind 18 Mitarbeiter - und haben ihn interessieren können dafür, und er hat sein Ding gemacht. Er hat es durchgezogen und hat ihm Juli ausgelernt, den Servicemechaniker, und ist jetzt bei mir sogar beschäftigt als Geselle.
Ricke: Das ist ja ein großer, großer Erfolg, wenn man als Schulversager dann in einem Traumberuf einen Gesellenbrief hat. Wann ist denn bei diesem jungen Mann und auch bei den Kollegen, was glauben Sie, wann ist der Knoten aufgegangen, wann war klar, ich will etwas leisten, ich will ans Ziel?
Lundt: Das war, glaube ich, der Moment, wo er sein Selbstwertgefühl wieder hatte, wo er zu sich sagte, okay, das ist eine Sache, die macht mir Spaß, ich sehe, dass was hier getan wird von mir, macht Sinn, und er ist zufrieden nach Hause gegangen. Es hat so drei, vier Monate gedauert, dann ist er auch aus seinem introvertierten Verhalten rausgekommen, offener geworden, und dann war es danach eigentlich relativ einfach.
Ricke: Mussten Sie, um so etwas zu schaffen, sich Rat holen bei Therapeuten, Pädagogen, oder schafft das ein Unternehmer, wenn er wirklich will, auch ohne Hilfe von außen?
Lundt: Das schafft ein Unternehmer ohne Hilfe von außen, das ist eine reine Willenssache. Und mein Rat an die Kollegen, die mehrere Lehrstellen haben - wenn einer nur eine zu vergeben hat, dann soll er zusehen, dass er den besten bekommt, das kann er nicht riskieren, das soll er sich auch nicht leisten. Wenn einer mehrere hat und der Meinung ist, dass er eine wegen mangelnder Qualifikation nicht besetzen kann, dann soll er sich mal die Leute angucken, die hinter den Zeugnissen stehen, die ihm vielleicht nicht gefallen. Und wenn man den Menschen dann vor sich hat, junge Menschen, die teilweise wie jetzt in unserem aktuellen Fall auch über zwei Jahre eine Lehrstelle suchen, in die Augen schauen, die Hand geben, und dann sieht man schon, aus dem kann man was machen, die Menschen nicht unaufgeklärt lassen über das, was man vorhat, und dann geht das auch.
Ricke: Wie ist das denn mit der Leistungsbereitschaft, sowohl bei den schlechten Schülern als vielleicht auch bei den guten? Das heißt ja was in einer Kfz-Werkstatt, wirklich acht Stunden zu arbeiten, zum Teil sehr konzentriert mit Kleinteilen zum Teil, aber auch körperlich.
Lundt: Na, die Leistungsbereitschaft kommt ja vor allen Dingen aus dem Interesse und an der Freude der Tätigkeit, und die ergibt sich von selbst. Sie müssen also nicht darauf achten, dass der acht Stunden da Vollgas gibt. Wenn er was hat, was ihm Spaß macht, dann macht er das auch.
Ricke: Was sagen denn eigentlich Ihre Kunden, wissen die, wer da an ihren Porsches und was sonst noch so auf dem Hof steht herumschraubt, dass das vielleicht jemand ist, der auch schon dunkle Stellen in der Vergangenheit hat?
Lundt: Das wissen die Kunden natürlich nicht, wir hängen es ja so nicht an die große Glocke. Wir haben hier schulisch schwache Leute, also wir haben jetzt nicht jemand, der irgendwie eine Vergangenheit hat, die mit Kriminalität oder so was zu tun hat.
Ricke: Die Kollegen - Sie haben gesagt, 18 Leute im Betrieb - haben jetzt die ersten Erfahrungen gemacht. Was sagen die denn? Ist das eine zusätzliche Belastung, etwas, was man auf sich nehmen muss, weil der Chef es unbedingt will?
Lundt: Überhaupt nicht. Die haben es von Anfang an gleich mitgetragen, und die sind auch eigentlich ganz fit, meine Jungs, die haben fast alle bei mir gelernt und haben auch gesehen jetzt, die große Flut der Schulabgänger ist eben vorbei. Wo wir vor Jahren noch luxuriös aussuchen konnten unter Realschülern oder MSA oder eben Gymnasiasten, das ist eben aus und das Handwerk ist dann immer hinten dran, sodass wir also auch jetzt nehmen müssen, was wir von der Schule bekommen.
Und die Ursache dafür war ja, dass ich Gespräche geführt habe mit Kollegen, die gar nicht ausbilden und die immer alle abqualifiziert haben: Ja, sind ja eh alle zu doof. Und das war eigentlich der Punkt, der mich dazu gebracht hat. Dann habe ich gesagt, so, jetzt werde ich es euch mal zeigen, so doof sind die nämlich alle nicht, wir haben eine ganz tolle und fantastische Jugend. Wir haben sicherlich einige Ausreißer, aber im Großen und Ganzen haben wir eine Jugend, die motiviert werden kann, möglicherweise ein bisschen unter Schulstress, Hausstress oder so gelitten hat, und dann haben wir alle die Chance und die Möglichkeiten, aus denen vernünftige Mitglieder unserer Gesellschaft zu machen.
Ricke: Kfz-Meister und Sportwagenwerkstattinhaber Thomas Lundt. Vielen Dank, Herr Lundt!
Lundt: Gerne, Herr Ricke!
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