Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
06.09.2010
Ältere Menschen haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. (Bild: AP) Ältere Menschen haben schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. (Bild: AP)

"Das Selbstwertgefühl ist völlig am Boden"

Integrationscoach über die Vermittlung älterer Arbeitsloser

Annette Brinkmann im Gespräch mit Nana Brink

Auf dem Arbeitsmarkt haben ältere Menschen schlechte Chancen. Nur knapp jeder Zweite über 55-Jährige hat derzeit einen Job. Annette Brinkmann, Integrationscoach beim Projekt LEILA 50plus, unterstützt ältere Arbeitssuchenden nicht nur fachlich - auch der psychologische Aspekt spielt eine wichtige Rolle.

Nana Brink: In Berlin wird heute auf dem 5. Demographie-Kongress wieder eine Wahrheit ausgesprochen: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Deshalb hat sich der Kongress der Bevölkerungswissenschaft ein bestimmtes Motto gegeben: Erfahrung ist Zukunft. Und dieses Motto spielt nicht von ungefähr auf die derzeit laufende Diskussion um die Rente mit 67 an. Ein in mehrfacher Hinsicht ja umstrittenes Vorhaben - wir werden zwar immer älter, aber anscheinend auch immer unnützer. Nur 54 Prozent aller über 55-Jährigen haben derzeit einen Job. Wollen deutsche Unternehmen die Alten lieber loswerden als einstellen? Ein Projekt des Bundesarbeitsministeriums fördert zum Beispiel lokale Initiativen in Bayern, die sich genau darum bemühen, ältere Menschen wieder in das Berufsleben zu integrieren. Und eines dieser Projekte in Aschaffenburg hat den schönen Namen LEILA 50plus. Ich habe mit Annette Brinkmann, sie arbeitet als Integrationscoach beim Projekt LEILA 50plus gesprochen und sie gefragt, wer denn zu ihr kommt und bei ihr einen Job sucht?

Annette Brinkmann: Es sind in der Regel Hartz-IV-Empfänger oder auch Menschen, die aus ihrer Selbstständigkeit wieder versuchen, in Arbeit zu kommen, in ein sozialversicherungspflichtiges Anstellungsverhältnis, die Menschen in erster Linie.

Brink: Wie alt sind die?

Brinkmann: Die sind ab 50 aufwärts bis über 60.

Brink: Das heißt also, ab 50 ist man in unserer Gesellschaft schon alt für den Arbeitsmarkt.

Brinkmann: Ja, schwer vermittelbar würde ich sagen. Ältere Arbeitssuchende haben das Problem, dass sie in dem Ausbildungsbereich nicht mehr up to date sind. Sie sind meistens 20 Jahre, 25 Jahre in einer Tätigkeit gewesen und haben sich da in ihrem Bereich eingefahren, wie wir das immer so schon benennen. Und wenn sie sich jetzt in einer neuen Firma bewerben, haben die nicht mehr den Stand, den die Firma fordert. Das zeigt zum Beispiel ganz schlicht ein Kommissionierer, vor 20 Jahren brauchte er nur ein Bausteinchen an das andere zu setzen oder arbeitete einfach am Fließband; heute muss der EDV-Kenntnisse haben. Und viele Über-50-Jährige, die so lange Zeit gearbeitet haben, haben keine EDV-Kenntnisse zum Beispiel.

Brink: Das heißt, die Menschen erzählen Ihnen auch, dass sie sich wertlos fühlen oder nicht mehr, wie Sie sagen, up to date, dass sie nicht mehr mithalten können?

Brinkmann: Auf jeden Fall, ja. Das Selbstwertgefühl ist völlig am Boden, und vielfach kommen die Bewerber auch schon und sagen, da hab ich schon 100, da hab ich 150, unlängst habe ich einen Bewerber gehabt, der sagte, ich hab schon 1000 Bewerbungen. Ich hab es ein bisschen fragwürdig angeschaut, es waren tatsächlich, er hat mir den Ordner mitgebracht, 1000 Bewerbungen, die er schon losgeschickt hatte. Alle erfolglos.

Brink: Mit welchen Pfunden könnten denn diese älteren Menschen wuchern?

Brinkmann: Zunächst eben mit ihrer Erfahrung. Also eine gewisse Lebenserfahrung bringt dann natürlich einem Betrieb auch eine gewisse Festigkeit. Diese Erfahrung bringt auch den jungen Menschen eine Beständigkeit. Zudem machen wir die Erfahrung, dass ältere Arbeitnehmer bei Weitem weniger krank sind als Jüngere.

Brink: Ist das wirklich so?

Brinkmann: Ja, es ist wirklich so.

Brink: Das heißt, Sie versuchen ja dann auch, diesen Menschen, die zu Ihnen kommen, die ihr Leid klagen, die sich wertlos fühlen, Sie versuchen, Ihnen zu helfen. Wie können Sie ihnen ganz konkret helfen in einem Arbeitsmarkt, der ja wirklich auf Modernität setzt, auf Schnelligkeit, auf Erfahrung?

Brinkmann: Das ist harte Arbeit. Zunächst versuchen wir fast kriminalistisch, an den einzelnen Menschen heranzugehen, um das Lebenspuzzle des Einzelnen zusammenzubauen, indem wir hinterfragen, indem wir auch versuchen herauszufinden, warum hat diese Bewerbung nicht funktioniert?

Brink: Und was ist dann das Besondere an Ihrem Projekt, wo setzen Sie dann an? Zum Beispiel, wenn Sie jetzt diesen Menschen haben, von dem Sie uns erzählt haben, der über 1000 Absagen hat, wie arbeiten Sie mit dem?

Brinkmann: Also tatsächlich Punkt für Punkt aufzuschlüsseln. Zunächst sind das die Bewerbungsunterlagen, dann, dass die auf dem Laufenden sind, auf dem neusten Stand, die auch dann so passen zu derjenigen Person und zu dem Berufsbild. Dann kommt weiter, dass wir schauen, welche Berufe überhaupt infrage kämen für den Einzelnen. Es gibt ja auch Möglichkeiten, dass man eine Quereinsteigung in den Job macht. Dann wird der parallel dazu zu den Gesprächen immer wieder eingeladen, indem wir ihn versuchen aufzubauen, ihm auch Mut machen, dass er tatsächlich noch einen Job finden kann.

Brink: Bedeutet Mut machen auch, dass man das Selbstwertgefühl steigert? Also ich könnte mir auch vorstellen, ...

Brinkmann: ... oh ja, ja! ...

Brink: ... dass man sagt, Mensch, vielleicht tut es auch eine neue Frisur! Klingt jetzt vielleicht ein bisschen banal, aber es hilft ja manchmal auch?

Brinkmann: Klingt überhaupt nicht banal, da haben Sie genau den Nagel auf den Kopf getroffen. Auch das versuchen wir, mit unseren Kunden zu tätigen, indem wir ihnen einen Friseurbesuch, wenn wir feststellen, dass er völlig am Boden ist, zu genehmigen. Wir versuchen auch, wenn er nicht mehr mobil ist, ihm über ein eigenes Projekt noch mal zu einem Fahrzeug zu verhelfen. Allerdings maximal über drei Monate, danach muss man neu Mittel und Wege suchen. Aber zunächst, dass er ganz schnell auch aktiv werden kann und auch bei den Firmen anfangen kann.

Brink: Jetzt drehen wir mal den Spieß um oder gucken uns die andere Seite der Medaille an: Wie reagieren die Firmen auf Ihr Projekt?

Brinkmann: Die Firmen reagieren sehr positiv dadrauf. Zwischenzeitlich ist es so, dass die Firmen direkt bei uns anrufen und um Personal bitten. Das ist meiner Ansicht nach schon mal eine ganz gute Voraussetzung. Die andere Seite ist, dass sie sagen, die Passgenauigkeit des Arbeitssuchenden und die Passgenauigkeit zur Firma, zu dem Arbeitsplatz, die ist meistens stimmig. Hinzu kommt, dass wir auch sehr offen dadrüber sprechen, wenn wir uns in etwa unsicher sind, ob derjenige hinpasst. Lieber gehen wir auch mal hin und sagen, probieren Sie es aus. Und vielfach haben wir dann die Erfahrung gemacht, dass es sogar zu einer dauerhaften, bleibenden Anstellung kommt.

Brink: Können Sie dann auch so eine Art Vermittlungsquote benennen?

Brinkmann: Von, wenn ich jetzt von 100 Bewerbern ausgehe, also mindestens 50 Prozent, wenn nicht 70.

Brink: Das heißt, würden sie abschließend sagen, gibt es ein Umdenken bei den Firmen, dass die Älteren langfristig doch mehr Chancen haben?

Brinkmann: Das Umdenken hat schon eingesetzt, ja. Das würde ich so betonen wollen.

Brink: Annette Brinkmann, sie arbeitet als Integrationscoach beim Projekt LEILA 50plus in Aschaffenburg, und wir sprachen über die Chancen von älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Vielen Dank für das Gespräch, danke!

Brinkmann: Danke!


 
 

Mehr zur Sendung:

Links bei dradio.de:

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 20:03 Uhr
Konzert
Nächste Sendung: 22:00 Uhr
Musikfeuilleton

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

Interview

ACTA-Abkommen - Interview mit Daniel Caspary (CDU)

Sendezeit: 11.02.2012, 07:49

Der Fall Chantal - wie können Pflegekinder besser geschützt werden ?

Sendezeit: 11.02.2012, 06:48

Die Zeit läuft ab: Wie kann der Atommüll in der Asse gesichert werden?

Sendezeit: 10.02.2012, 07:49

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link