Deutschland muss in Europa eine Führungsrolle übernehmen, meint David Marsh. (Bild: picture alliance / dpa / Uli Deck)
Eine politische Union in Europa kann auf Dauer nur ohne die südlichen Länder funktionieren, sagt der britische Banker und Publizist David Marsh. Politisch und wirtschaftlich müssten sich die beteiligten Staaten vor allem an Deutschland orientieren.
Nana Brink: Heute und morgen blickt nicht nur die Finanzwelt nach Karlsruhe. Dort, vor dem deutschen Verfassungsgericht, geht es ums Eingemachte, um die Krisenpolitik der Europäischen Zentralbank. Diese hatte nämlich angekündigt, Staatsanleihen klammer Eurostaaten in unbegrenzter Höhe einzukaufen, und das höchste deutsche Gericht will nun prüfen, ob die Notenbank damit ihre Kompetenzen überschreitet. Für uns Anlass, wieder einmal auf die europäische Krisenpolitik zu blicken und ihre Erfolgsaussichten. Und das wollen wir tun, und zwar aus britischer Sicht - die Briten sind ja bekanntermaßen kein Mitglied der Eurozone und lassen in Gestalt ihres Premier David Cameron auch kein gutes Haar an der Krisenpolitik der Nachbarn auf dem Kontinent. Der britische Journalist und Banker David Marsh ist ein Kenner der europäischen Währungsunion und der EZB. Schönen guten Morgen, Herr Marsh!
David Marsh: Schönen guten Morgen!
Brink: Sieh haben mehrere Bücher zum Euro geschrieben, das neue gibt dem Euro keine Chance mehr. Haben Sie als Brite so viel Angst vor dem Euro, dass Sie sich so ausgiebig damit beschäftigen.
Marsh: Nein, das ist absolut nicht der Fall, dass ich dem Euro keine Chance mehr gebe. Ich gebe keine Chance, dass diese Krise irgendwie bewältigt wird, aber ich glaube, dass der Euro weiterhin bestehen wird, und in einigen Jahren kann es sogar sein, dass die Währung sogar stabiler sein wird als heute, vielleicht mit einem etwas kleineren Mitgliederkreis.
Brink: Sie haben nun gesagt, der Euro wird bestehen bleiben, aber Europa beziehungsweise diese Krise ist nicht lösbar. Das ist auch der Titel Ihres Buches, nämlich "Beim Geld hört die Freundschaft auf - warum die Eurokrise nicht mehr lösbar ist". Scheitert Europa wirklich an Geld?
Marsh: Europa scheitert ohnehin nicht, auch wenn der Euro scheitern würde. Europa ist ein großes Konstrukt, das in der Tat auf verschiedenen Ländern basiert, die mit dem Euro nichts zu tun haben. Deswegen, ich will in der Tat einen Unterschied machen, einen Keil will ich treiben zwischen diese ganz dummen Argumentationsweisen, dass Europa und Euro die gleichen Sachen sind.
Brink: Und warum ist dann diese Krise nicht lösbar Ihrer Meinung nach?
Marsh: Also vor allem ist Deutschland nicht in der Lage, da eine gewisse Führung hier zu übernehmen.
Brink: Ach, da haben wir aber den ganz anderen Eindruck, da werfen uns doch gerade die Briten immer vor, dass wir sozusagen die Leading Role haben, dass wir den anderen diktieren, wo es langgehen soll.
Marsh: Ich werfe den Deutschen nichts vor, ich kann hier nicht für Großbritannien plädieren. Ich und auch, ich glaube, andere Europäer, wir würden es sehr gerne sehen, wenn Deutschland in dieser Hinsicht eine Führungsrolle dann doch übernehmen würde. Ich meine auch intellektuell, politisch, wirtschaftlich hat Deutschland ohnehin eine Führungsrolle de facto übernommen. Man ist aus verschiedenen historischen Gründen aber nicht in der Lage, diese Rolle mit gewisser Bedeutung und mit Leben zu füllen. Ich werfe auch den Deutschen - wenn ich überhaupt den Deutschen etwas vorwerfen würde, dann würde ich sagen, mangelnde Fantasie.
Man hat da absolut gar keine Ahnung, was auf Deutschland zukommen würde, mit dieser Fatalität, verschiedener Länder in ganz unterschiedlichen Konjunkturen und strukturellen Zustand durch eine Währung zusammenzubinden. Die meisten Politiker, die den Maastrichter Vertrag unterzeichnet haben, hatten ohnehin keine Ahnung, was die da damit anstiften würden, und davon Herr Kohl, muss man auch leider sagen, hat das auch nicht verstanden. Er war aber klug genug zu wissen, dass eine Währungsunion wirklich nur von Bestand sein wird, wenn sie mit einer politischen Union auch irgendwie so eingebunden wird. Und das war in der Tat richtig, was Herr Kohl schon vor 20 Jahren gesagt hat, nämlich, dass eine Währungsunion ohne politische Union nur ein Luftschloss bleiben würde, das waren seine Worte. Leider sehen wir aber schon wieder, dass die Deutschen nicht imstande sind, auch diese politische Union nach vorne zu bringen. Die Franzosen wollen das nicht, viele andere Länder wollen das auch nicht.
Brink: Ja, gut, aber die Deutschen können es ja nicht alleine, Sie haben das Stichwort gesagt, Frankreich. In einem Ihrer anderen Bücher haben Sie gesagt, das ist eigentlich die Achse in Europa, die funktionieren muss, und die funktioniert ja nicht.
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Interview mit David Marsh
Sendezeit: 11.06.2013 06:48
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