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11.06.2013
Die diesjährige Grimm-Professorin ist die  Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. (Bild: picture alliance / Sven Simon) Die diesjährige Grimm-Professorin ist die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. (Bild: picture alliance / Sven Simon)

Ein Fenster zur Stadt

Literaturexperte Peter Seibert über die diesjährige Grimm-Professur der Universität Kassel

Moderation Nana Brink

Seit 20 Jahren vergibt die Universität Kassel die Grimm-Professur. In diesem Jahr hat die jüngst gekürte Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff die Professur. Wie die Gebrüder Grimm stehe sie in der "Tradition einer fantasievollen poetischen Literatur", sagt Literaturprofessor Peter Seibert.

Nana Brink: Wir feiern ja dieses Jahr, also 2013, das Grimm-Jahr, und seit 20 Jahren schon wird die Gebrüder Grimm Professur von der Universität Kassel verliehen. Die diesjährige Grimm-Professorin ist die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff; gerade erst hat sie ja den Georg-Büchner-Preis bekommen. Von heute an bis Donnerstag hält sie nun ihre öffentlichen Vorlesungen an der Universität. Professor Peter Seibert leitet das Fachgebiet neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Uni Kassel. Schönen guten Morgen, Herr Seibert!

Peter Seibert: Guten Morgen!

Brink: Bevor wir nun auf die diesjährige Grimm-Professorin zu sprechen kommen, wen wollen Sie denn ansprechen mit Ihren Vorlesungen?

Seibert: Sie haben ja gerade schon gesagt, dass wir eine lange Tradition haben. Bis in die 80er-Jahre geht ja diese Tradition der Grimm-Professur zurück und für uns war das auch immer ein bisschen ein Fenster zur Stadt, dass wir nicht im universitären Bereich damit bleiben wollten, sondern dass wir auch die Bürger von Kassel mit einbeziehen wollten. Und wenn es irgendwie geht, dann gehen wir auch mit dieser Veranstaltung in die Stadt. Kassel hat ja ein ganz interessantes Bürgertum, das natürlich auch durch die "documenta" geprägt ist und ganz aufgeschlossen ist auch für neuere Entwicklungen in der Literatur und der Kunst. Also eine Veranstaltung auch immer für die Stadtkasse.

Brink: Die Grimm-Professur wird ja einen Austausch zwischen Literaturwissenschaft und zeitgenössischer Literatur organisieren. So haben Sie es ja auch gerade ein bisschen beschrieben. Findet der irgendwie nicht statt?

Seibert: Ich glaube nicht, dass es vor allen Dingen ein Austausch ist der Literaturwissenschaft und der Literatur. Das findet auch statt. Aber es ist vor allen Dingen die Ermöglichung eines Dialogs zwischen einem Publikum und einem Autor, einem Publikum, das sowohl aus dem akademischen Bereich kommt, also die Studierenden der Germanistik, als auch, wie ich vorhin gesagt habe, auch der Bürger der Stadt. Und das Besondere an dieser Professur ist ja, dass es kein Monolog ist. Es findet ja ein Seminar statt. Also man arbeitet gemeinsam mit einer Autorin, einem Autor.

Brink: Man nennt es zwar Vorlesung, aber es ist durchaus interaktiv, wenn ich das richtig verstehe?

Seibert: Es ist aufgeteilt. Es ist zunächst eine Art Poethik-Vorlesung und dann, was im Zentrum steht, ist es einfach das Seminar auch, das stattfinden wird, also ganz dialogisch angelegt. Das unterscheidet die Grimm-Professur von anderen Stiftungsprofessuren und auch von anderen Projektprofessuren wie beispielsweise in Frankfurt oder in Zürich oder sonst wo.

Brink: Da ist es natürlich ganz entscheidend, wer denn dort vorträgt und in einen Dialog tritt, und Sie haben sich für Sibylle Lewitscharoff entschieden. Warum?

Seibert: Sie haben ja auch schon vorhin angedeutet: wir haben jetzt 200 Jahre Kinder- und Hausmärchen. Die sind ja zum großen Teil gesammelt und aufgeschrieben worden in Kassel. Und eine Grimm-Professur in Kassel im Jahr 2013 berücksichtigt natürlich auch ein bisschen, welches Konzept von Literatur die Autorin vertritt, und wir haben mit Lewitscharoff ein Literaturkonzept, das nicht sich unbedingt dem Realismus verschrieben hat, sondern die Literatur auch als eine Form der Ermöglichung sieht. Und es gibt durchaus auch Stellen im Werk von Lewitscharoff, wo direkt Bezug genommen wird auf die Brüder Grimm.

Brink: Zum Beispiel auch ihr letztes Buch, könnte ich mir vorstellen, ist ja geradezu prädestiniert, ihr letztes Buch, was herausgekommen ist, "Blumenberg", wo es ja um den Löwen geht.

Seibert: Ja.

Brink: Das müsste Ihnen eigentlich genau in die Hände spielen, so zwischen Märchen, Fantasie, Poesie?

Seibert: So ist es. Es gibt ja lange den Streit zwischen Mimesis und Poesie, also Abbildung und Ermöglichungsformen von Literatur, und da steht sie auch mit ihrem letzten Buch auf der Seite, die eigentlich die Brüder Grimm begründet haben: eine Tradition einer fantasievollen poetischen Literatur.

Brink: Jetzt machen Sie uns noch ein bisschen neugierig auf die nächsten drei Tage. Sie haben schon ein bisschen angedeutet: es wird eine Vorlesung geben und dann einen Dialog. Was findet heute statt? Kommen wir in die Theorie?

Seibert: Ja, sie wird aus ihrem Dante-Projekt berichten. Sie hat ja im Augenblick das Stipendium der Villa Massimo in Rom und nutzt die Zeit, um ein großes Dante-Projekt zu erarbeiten. Wir haben heute Abend einen direkten Einblick in die Werkstatt dieser Autorin. Heute also Dante. Morgen wird sie dann das Seminar halten zu dem Thema Stilfragen und ethische Prinzipien des Schreibens, und ich glaube, das ist ganz typisch für Lewitscharoff, dass sie Stilfragen mit ethischen Prinzipien verbindet. Und am Donnerstag dann die Autorenlesung aus "Blumenberg".

Brink: Der Literaturwissenschaftler Professor Peter Seibert von der Uni Kassel zur Grimm-Professur, und die hat diesmal inne Sibylle Lewitscharoff in den nächsten drei Tagen, und das ganze ist natürlich öffentlich. Schönen Dank, Herr Seibert, für das Gespräch.

Seibert: Danke!