Gesetzbücher: Die DIN-Sicherheitsnormen für Schnullerketten umfassen 50 Seiten. (Bild: dpa / pa / Fishman)
Sonnencreme-Richtlinie für Bauarbeiter, Reisepässe für Babys oder DIN-Normen für Schnuller: Die Einfälle der Beamten in Brüssel und anderswo sind kreativ und manchmal schlichtweg irre. Stefan Horn hat mit den schrägsten Ideen das "Lexikon des bürokratischen Wahnsinns" gefüllt.
Nana Brink: Wer von uns ist nicht schon mal entnervt gewesen von den täglichen Begegnungen mit den bürokratischen Fallstricken dieser, unserer Republik? Der Unternehmensberater und Journalist Stefan Horn hat jetzt ein "Lexikon des bürokratischen Wahnsinns" herausgegeben. Einen schönen guten Morgen, Herr Horn!
Stefan Horn: Guten Morgen!
Brink: Der Wahnsinn treibt ja bekanntermaßen vielfältige Blüten. Fangen wir jetzt mal aus gegebenem Anlass mit dem Sommer an, auch wenn nicht gleichermaßen in jedem Bundesland, und kommen auf die Sonnencreme-Richtlinie. Wie geht die denn?
Horn: Das war ein Vorstoß in Brüssel vor einigen Jahren. Da ging es da drum, dass insbesondere Arbeitnehmer vor Sonnenstrahlen und deren schädlichen Auswirkungen wie Hautkrebs geschützt werden sollten. Und man hatte tatsächlich angedacht, den Arbeitgeber zu verpflichten, seine Mitarbeiter im Gebrauch von Sonnenschutzmitteln zu unterweisen und sie täglich darauf hinzuweisen: Achtung, heute könnte die Sonne scheinen, bitte cremt euch auch tatsächlich ein!
Das wurde damals in der Presse sehr schön zerrissen. Das war sozusagen die T-Shirt-Verordnung für Bauarbeiter: Meine Damen, nichts mehr zu schauen an der Baustelle, alle Bauarbeiter arbeiten mittlerweile mit T-Shirt und langen Armen. Nein, Gott sei Dank kam es nicht dazu. Man hat dann endlich erkannt: Die Leute sind alt genug, das selbst zu entscheiden.
Brink: Das ist nicht der einzige Wahnsinn. Ich erinnere mich noch gut an den Kinderpass. Das ist ja auch eine Verordnung gewesen: man muss einen Pass für ein Kind haben, das ihn immer erneuern. Und ich habe mich immer gefragt, wie kriege ich eigentlich meine Tochter dazu, damals anderthalb Jahre, mal ruhig zu sitzen um die biometrischen Anforderungen zu gewährleisten.
Horn: Meine Frau hat von dieser Übung auch noch Rückenschmerzen. Es ist wirklich ein Eiertanz. Aber es ist so: Sie müssen für jedes Kind heute einen Lichtbildausweis haben mit einem zwar nicht ganz so strengen biometrischen Passfoto, aber dieses Passfoto muss sein, wenn Sie mit dem Kind eine Grenze überschreiten wollen, und zwar jede deutsche Außengrenze. Da nützt uns auch Schengen und die Reisefreiheit innerhalb der EU gar nichts.
Und diesen Kinderpass kann man auch regelmäßig aktualisieren, und sie kennen es ja selber: Ein Kleinkind sieht sich nach einem Jahr nicht mehr ähnlich. Ich habe gerade letzte Woche noch den Pass von unserem Sohn noch mal aus dem Schrank genommen, vorm Sommerurlaub, und das Bild ist jetzt ein gutes Jahr alt. Ähnlich sieht er sich nicht mehr und die Größenangabe passt natürlich bei weitem nicht mehr. Zwischen ein und zwei Jahren wächst so ein Kind halt ganz erheblich.
Brink: Da hilft Ihnen wahrscheinlich auch der Schnuller nichts. Aber da habe ich auch in Ihrem schönen Büchlein lesen müssen: Es gibt auch eine Schnullerketten-Verordnung.
Horn: Ja. Auch wie ein Schnuller auszusehen hat, ist ganz strikt genormt. Da gibt es umfangreiche DIN-Sicherheitsnormen, die Dinger sind mittlerweile um die 50 Seiten lang, damit ein Kind sich damit nicht strangulieren, verletzen und sonst was kann. Der Grundgedanke ist ja toll. Was mich dann zum Haareraufen gebracht hat, waren die Vorworte: Es sind keine Unfälle mit Schnullern mit großem Schaden bekannt, nur von dilettantischen Selbstkonstruktionen - so heißt es tatsächlich im Vorwort der Norm -, wenn jemand zwei Schnürsenkel zusammengebunden hat und dem Kind damit dann den Schnuller um den Hals hängt. Dass das gefährlich ist, wissen wir alle. Ob derjenige, der das tut, aber sich tatsächlich an einer 50 Seiten langen Norm für eine industriell gefertigte Schnullerkette stört, das wage ich dann doch ernsthaft zu bezweifeln.
Brink: Sie haben ja eine unglaubliche Akribie aufgebracht, um diese ganzen Beispiele zu sammeln. Wer denkt sich denn so was aus?
Horn: Zum Teil kriegen wir solche Dinge tatsächlich aus Brüssel serviert. Gehen wir zurück zum Sonnenschutz: Das kommt tatsächlich wahrscheinlich aus einem Vorstoß irgendwelcher Arbeitsmediziner und dann wird so eine Sache zum Selbstläufer, weil irgendjemand Angst hat, er könnte in Regress genommen werden, wenn tatsächlich ein Bauarbeiter Hautkrebs bekommt und feststellt, ich bin von Brüssel aus nicht davor durch eine entsprechende Norm geschützt worden. Zum Teil sind wir es wahrscheinlich auch selber, indem wir uns über alle möglichen Dinge aufregen, und sei es der Hahnenschrei am Morgen, wo es dann in einer ländlichen Region trotzdem heute heißt: Ich möchte aber bis neun Uhr schlafen, bitte tu doch einer was gegen dieses arme Tier.
Brink: Haben Sie eigentlich mal überschlagen, was uns dieser bürokratische Wahnsinn kostet?
Horn: Da gibt es keine verlässlichen Schätzungen. Aber wenn wir alles zusammenrechnen, sind wir schnell bei Milliarden. Gucken wir mal: Unter dem Schlagwort Chemikalienregistrierung müssen seit Jahren Chemikalien, die auf den Markt gebracht werden, registriert und mit Sicherheitsdatenblättern et cetera versehen werden. Bis jetzt war das immer noch für große Chemikalienmengen, die hergestellt werden, vorgeschrieben. Da kostete eine Registrierung schnell mal eine Million Euro. Es sind tatsächlich ungefährliche Chemikalien vom Markt genommen worden, weil die Registrierung zu teuer war. Da entsteht ein massiver wirtschaftlicher Schaden. Und in Zukunft werden auch in Kleinstmengen hergestellte Chemikalien registriert werden müssen. Das heißt, auch Kleinbetriebe sind von dieser gigantischen Registrierungsnorm betroffen. Und dann bin ich mal gespannt, wie viele Chemieunternehmen tatsächlich vom Markt verschwinden werden. Das macht mir Angst!
Brink: Der Unternehmensberater und Journalist Stefan Horn, er hat das "Lexikon des bürokratischen Wahnsinns" für uns aufbereitet. Schönen Dank, Herr Horn, für das Gespräch und wir warten auf weitere Beispiele aus dem bürokratischen Wahnsinn.
Horn: Vielen Dank!
Brink: Danke, dass Sie bei uns waren.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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Vom Lexikon des bürokratischen Wahnsinns
Sendezeit: 13.06.2013 08:41
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