Nach Ansicht des stellvertretenden Vorsitzenden des Bundestagssportausschusses, Peter Rauen, sollte der Besitz kleinster Mengen von Dopingmitteln nicht bestraft werden. Durch eine Verschärfung des Arzneimittelgesetzes mit Strafen bis zu zehn Jahren sollten vor allem die Hintermänner und Drahtzieher gefasst werden, sagte der CDU-Politiker.
Jörg Degenhardt: Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Sie kennen den Spruch, für den es jetzt einen weiteren Beleg gibt: diesen nämlich, dass der Vizeweltmeister Erik Zabel zugegeben hatte, sich 1996 mit Epo gedopt zu haben, lässt seine Team-Manager und den Sponsor, einen norddeutschen Milchriesen, offenbar kalt. Der 36-jährige Radprofi darf trotz seines Doping-Geständnisses seinen laufenden Vertrag erfüllen und vorerst weiter für sein Team fahren. Der bisherige Vorzeigeradler wird auch bei der heute beginnenden Bayern-Rundfahrt an den Start gehen, sehr wahrscheinlich sogar an der Radsport-WM im September in Stuttgart teilnehmen, wenn ihn sein Verband nominiert.
Gleichfalls heute liegt im Bundeskabinett der Entwurf zu einem Anti-Doping-Gesetz auf dem Tisch. Über das eine wie über das andere möchte ich reden mit Peter Rauen. Der CDU-Politiker ist stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Guten Morgen Herr Rauen!
Peter Rauen: Guten Morgen Herr Degenhardt!
Degenhardt: Doping-Sünder Zabel darf erst mal weiter in die Pedale treten. Auch sein Kollege Aldag, gleichfalls einer, der gedopt hat, sitzt beruflich weiter fest im Sattel. Werden ihre Vergehen damit nicht bagatellisiert?
Rauen: Das sind Vergehen, die liegen mehrere Jahre zurück. Aktuell gibt es ja keine Doping-Kontrollen, die beweisen, dass er gedopt gewesen wäre. Also kann er auch weiter fahren. Man sollte auch von den aktuellen Fällen nicht so sehr ablenken und das ganze Thema jetzt in eine falsche Richtung leiten. Diese Diskussion zurzeit ist nicht mehr sachgerecht, weil es gilt hier international, dem Doping beizukommen. Da muss man das in geordnetere Bahnen führen.
Degenhardt: Erst mal geht es ja um ein nationales Anti-Doping-Gesetz und da stellt sich schon die Frage, warum Sportler nicht stärker bestraft werden. Warum wird zum Beispiel Sportbetrug nicht strafrechtlich belangt?
Rauen: Die härteste Strafe, die ein Sportler haben kann, ist die, dass er seinen Beruf nicht mehr ausführen kann. Das gilt jetzt besonders für die Profisportler, die damit letztlich ja viel Geld verdienen. Diese Sportgerichtsbarkeit, auf die kommt es an, dass dort auch der Besitz von Doping-Mitteln ebenfalls gestellt wird und nicht nur der positive Befund. Das muss die Sportgerichtsbarkeit leisten, denn das ist für den Sportler die härteste Strafe, wenn er seinen Sport über mehrere Jahre oder überhaupt nicht mehr durchführen kann.
Degenhardt: Künftig soll ja der Besitz von nicht geringen Mengen - so heißt es - an Doping-Mitteln unter Strafe gestellt werden. Das sagt das neue Anti-Doping-Gesetz. Heute liegt es wie gesagt im Bundeskabinett auf dem Tisch. Warum gehen Sie die Betrüger nicht härter an?
Rauen: Die Betrüger werden ja sehr hart angegangen.
Degenhardt: Aber das, was jetzt vorliegt, läuft ja auf eine leichte Verschärfung des Arzneimittelgesetzes hinaus!
Rauen: Ja, natürlich. Durch die Verschärfung des Arzneimittelgesetzes will man ja vor allen Dingen an die Hintermänner kommen. Der aktuelle Fall zeigt ja, wie sehr dieses Netzwerk bereits in der Vergangenheit gestrickt war: mit Ärzten und Leuten, die daran sehr viel Geld verdienen. Mit dieser Verschärfung des Arzneimittelgesetzes, mit Strafen bis zu zehn Jahren, Gefängnisstrafen bei schweren Vergehen, damit will man insbesondere an die Hintermänner und die Drahtzieher heran kommen, denn das scheint mir am wirkungsvollsten zu sein, um diese Seuche zu bekämpfen.
Degenhardt: Aber warum sollte es nicht schon eine Strafandrohung geben beim Besitz kleinster Mengen? Könnten Sie sich eine Verschärfung dieser Art vorstellen, denn das Gesetz liegt ja als Entwurf vor? Es kann ja noch verändert werden.
Rauen: Das kann ich mir persönlich nicht vorstellen, weil es meiner Meinung nach nicht wirkungsvoll ist. Die härteste Strafe des Sportlers ist, wenn er seinen Beruf nicht mehr durchführen kann. Das muss wirklich weltweit funktionieren, dass die Sportler in den Vorbereitungen zum großen Kampf jederzeit von den Kontrolleuren erreichbar sind und dass alle nationalen Verbände sich einig sind mit dem IOC, dass diese Vergehen drastisch bestraft werden. Denn wir können in Deutschland das Problem alleine nicht bekämpfen. Doping ist eine internationale Seuche. Wer dopt, betrügt seinen Mitbewerber, und das gilt weltweit. Nur wenn man wirklich in Kooperation mit dem Sport dies weltweit angeht, wird man dieser Seuche auch in Deutschland Herr werden können. Man kann natürlich in Deutschland jetzt sagen, ich bestrafe kleinste Mengen, ich verfolge jeden Sportler, der so etwas besitzt, mit dem Strafgesetz. Damit haben wir aber in dem Sport insgesamt überhaupt nichts erreicht.
Degenhardt: Was halten Sie denn, Herr Rauen, von einer so genannten Kronzeugenregelung, wenn man die einführen würde, denn die Mauer des Schweigens in Deutschland ist ja, wenn man das genau betrachtet, noch nicht gebrochen worden? Die Geständnisse der letzten Woche betrafen ja allesamt Ereignisse, die weit zurückliegen. Wenn man eine Kronzeugenregelung einführte, dann würde man sozusagen vielleicht an die aktuellen Drahtzieher dieses Doping-Geschäfts auch herankommen. Was halten Sie davon?
Rauen: Ich halte sehr viel davon, habe es deshalb auch für klug empfunden, dass zum Beispiel ein Stall wie Gerolsteiner ihrem sportlichen Leiter Henn nicht gesagt hat, dass er dort entlassen wird. Denn wenn man den Leuten gleichzeitig ihr Brot nimmt, kann man kaum erwarten, dass diese Spirale des Schweigens durchbrochen wird. Hier ist ein Anfang gemacht worden und ich hoffe, wenn man eine gute Symbiose findet, die Sportler, die gedopt haben, zu ermutigen, ihre Erfahrungen preis zu geben, zu reden, dann kann man am ehesten diesem Sumpf beikommen. Deshalb sage ich auch zu dem Fall Zabel: soll ich jetzt den Zabel bestrafen, weil er gestanden hat, vor zehn Jahren gedopt zu haben? Das wäre der sicherste Weg, die Spirale des Schweigens noch mal neu in Gang zu setzen. Nein, die muss entspannt werden. Dann glaube ich ist es einfach notwendig, dass von den Sportlern selbst aus der Vergangenheit und auch aktuell diese Praktiken bekannt gegeben werden.
Degenhardt: Vielen Dank für das Gespräch hier im Programm von Deutschlandradio Kultur. - Das war Peter Rauen. Der CDU-Politiker ist stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses im Deutschen Bundestag.
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