Der Grünen-Politiker Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf hat sich für eine Abkehr von der industriellen Landwirtschaft ausgesprochen. Die Agrarpolitik müsse wieder stärker auf bäuerliche, ökologische Landwirtschaft setzen, sagte der stellvertretende Vorsitzende des EU-Agrarausschusses.
Birgit Kolkmann: Die Agrarpolitik war in den letzten Jahren schon fast in der politischen Abstellkammer gelandet. Jetzt zeigt sich, dass Agrarpolitik globale Bedeutung hat und es um viel mehr geht als um Ackerbau und Viehzucht. Einer, der das gelernt hat und in die Politik gegangen ist, ist Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf. Für die Grünen im Europaparlament und stellvertretender Vorsitzender des EU-Agrarausschusses. Ihn begrüße ich in der Ortszeit. Schönen guten Morgen!
Friedrich Wilhelm Graefe zu Baringdorf: Guten Morgen, Frau Kolkmann!
Kolkmann: Brauchen wir nun eine Agrarwende in Europa und in Deutschland statt Flächenstilllegung, also ackern, was das Zeug hält?
Graefe zu Baringdorf: Nein, mit der stillgelegten Fläche haben wir schon aufgeräumt. Das ist im letzten Jahr schon auf null gesetzt worden. Das Instrumentarium ist zwar noch da, aber die ist schon bebaut. Daran kann es nicht liegen, die kann nicht zweimal verteilt werden. Und die Intensivierung der Landwirtschaft hat ja weltweit große Probleme gebracht, auch in Europa. Die bäuerliche Landwirtschaft ist dabei sehr zurückgedrängt worden, weil ständig sinkende Preise in der Vergangenheit dazu geführt haben, dass diese ökologische Wirtschaftsweise keine Chance mehr hatte, das vor allen Dingen in Ländern der Dritten Welt, und das rächt sich jetzt. Viele sind von ihren Ländereien getrennt worden, und die Preiserhöhung trifft sie jetzt das zweite Mal ziemlich hart.
Kolkmann: Sie sprechen, die ökologische Landwirtschaft hat kaum noch eine Chance, die bäuerliche Landwirtschaft, die kleinen, nicht die Großbetriebe. Wenn wir aber nun alle grün wirtschaften, eine grüne Revolution gemacht wird, wie das der EU-Kommissar gestern gesagt hat, kann man denn mit einer solchen Wirtschaftsweise alle Menschen ernähren?
Graefe zu Baringdorf: Na ja, es wird ja jetzt auch die Diskussion geführt um den sogenannten Biosprit, der gar kein Biosprit ist, sondern er kommt aus einer industrialisierten Produktion. Und in der gesamten Diskussion um Energie müssen wir feststellen, dass die einzige Landwirtschaft, die Nettoenergie erzeugt über das Sonnenlicht, die bäuerliche Landwirtschaft ist. Die industrielle Produktion ist inzwischen an dem Punkt angelangt, wo sie nicht Nettoenergie erzeugt, sondern Nettoenergie verbraucht. Und wenn wir jetzt aus diesem Erzeugnis in dieser Produktion Sprit herstellen, noch mal Hochleistungsagrarsprit für unsere Motoren, dann ist die Energiebilanz negativ.
Kolkmann: Das geht noch nicht, dass Verbraucher zum Kauf von Biosprit aus Getreide- und Ölpflanzen gezwungen werden, wenn gleichzeitig Konflikte, gar Kriege und Hunger auf der Welt drohen, das sagt die deutsche Entwicklungshilfeministerin, das sagt auch Englands Premier Gordon Brown. Und das wird ja zum Beispiel auch ganz ähnlich in Indonesien diskutiert, wo viel zu viel Regenwald für Biosprit abgeholzt wird. Sollte man sich von diesen Programmen schnellstens verabschieden?
Graefe zu Baringdorf: Ja, das ist genau das falsche Ende gewesen, wo die Kommission angefangen hat, auf Energie aus nachwachsenden Rohstoffen zu setzen. Dieses hat damit zu tun, dass die Autoindustrie bei der Diskussion um den CO2-Ausstoß versuchen wollte, über Beimischungen zu einem niedrigeren Wert zu kommen, weil man sagt, dann brauchen wir das nicht anrechnen. Es ist aber von der Ernährungslage her die direkte Konkurrenz zu den Menschen, die ernährt werden müssen. Volle Tanks und volle Teller werden wir uns möglicherweise hier in Europa leisten können. Aber es kann sich die Welt nicht leisten, und es können sich auch die nachwachsenden Pflanzen nicht auf Dauer leisten, Milliarden von Menschen zu ernähren und eine Milliarde Autos laufen zu lassen.
Kolkmann: Sie sagen, weg mit dem Biosprit und in den Biospritverordnungen. Muss es auch heißen, weg überhaupt mit allen Subventionen in der Landwirtschaft hier in Europa?
Graefe zu Baringdorf: Na ja, erst mal weg mit dem Agrarteibstoff. Ja, das ist falsch. Ich will es mal drastisch sagen. Wenn wir auf Energie wollen, dann müssen wir aus Scheiße Gold machen, aus Biogasanlagen, die tierische und menschliche Exkremente in Biogas verwandeln und möglicherweise da Motoren mit laufen lassen. Aber da ist dann die Konkurrenz zur menschlichen Ernährung nicht da. Die Europäische Union ist das größte Importgebiet für Futter und Nahrungsmittel. Wenn wir jetzt noch anfangen, Agrarrohstoffe hier zu verbrennen, dann bedeutet das, dass wir mehr Einfuhr brauchen für Nahrungsmittel oder aber wir holen uns die Agrarrohstoffe direkt für die Energie, zum Beispiel jetzt aus Palmöl, wo dann Regenwälder zurückgedrängt werden, aber auch Mais oder Soja, das dann nicht auf den Tischen landen kann. Dann werden wir zu massiven Käufer von diesen Agrarrohstoffen und kaufen sie anderen weg. Die Teller bleiben leer. Und was wir jetzt erleben, was auch der Vorsitzende der Sozialdemokraten gesagt hat, das hörten wir ja eben, dieses heizt die Spekulation an. Der Handel mit diesen Agrarrohstoffen wird dann nicht praktisch vollzogen, sondern er wird an der Börse dreimal hin- und hergehandelt mit Spekulationsblasen, die dann zusätzlich diese Einsicht zu begrüßende Stabilisierung im Preis dann zur Spekulationspreisen werden lässt.
Kolkmann: Und bei den Bauern kommen diese Gewinne schon gar nicht mehr an. Nun ist ja die europäische Subventionspolitik sicherlich mit verantwortlich, auch für die Ernährungsmittelkrise. Müssen die Subventionen hier in Europa endlich zurückgefahren werden?
Graefe zu Baringdorf: Ja, sie sind zurückgefahren worden. Frau Kolkmann.
Kolkmann: Müssen sie ganz weg?
Graefe zu Baringdorf: Ja, sie müssen nicht ganz weg. Sie müssen darauf eingestellt werden, einmal im Energiebereich, dass die Abfälle genutzt werden, und sie müssen im Landwirtschaftsbereich auf die Kulturleistungen, die hier von der Landwirtschaft erbracht werden, reduziert werden. Wir dürfen aber auf keinen Fall wieder in Exportsubventionen gehen. Das, was wir da jetzt erleben, hat auch mit der falschen Politik in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten zu tun, weil über Exportdumping die Preise in den Ländern der Dritten Welt so nach unten getrieben worden sind, dass deren Landwirtschaft, Kleinstlandwirtschaft, Selbstversorgungslandwirtschaft, keine Chance hatte. Da sind regionale Märkte zerstört worden. Und jetzt, wo das in die andere Richtung geht, fehlt diese Grundlage der regionalen Selbstvermarktung, Selbstversorgung, der regional angepassten Sorten. Man hat versucht, die auch mit Gentechniksorten zu beglücken. Das alles führt nach den Vorschlägen, die jetzt diese 400 Wissenschafter, die im Auftrag der Weltbank, der UNO gearbeitet haben, in die Irre. Wir müssen zurück zur bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft, so schwer uns das fällt, oder wir müssen sie da, wo sie noch da ist, stabilisieren. Wir können die Welt nicht ernähren von hier aus.
Kolkmann: Aber noch mal die Frage, ist es denn überhaupt möglich, mit nur ökologischer Landwirtschaft die ganze Welt, alle Menschen auf der Welt, zu ernähren. Es beginnt schon wieder die Diskussion um die Gentechnik und auch natürlich um Kunstdünger. Geht denn das überhaupt ohne diese Hilfsmittel?
Graefe zu Baringdorf: Ja, wir haben bei der bäuerlich-ökologischen Landwirtschaft, bei den Mengen, die dort herauskommen beim Ertrag, geringe Leistungen. Wir haben aber durch den geringen Input, auch von Öl, eine höhere Leistung in der Energie und eine geringere Belastung der Umwelt. Eine Tonne Stickstoff herzustellen, bindet zwei Tonnen Öl. Das heißt, wenn Sie heute einen hohen Ertrag auf dem Papier stehen haben, aber die Bilanz nicht ziehen, dann sieht das so aus, als würde die industrielle Produktion mehr bringen. Sie bringt insgesamt, ist nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Sie hat die Welterwärmung vorangetrieben des Klimas. Und sie frisst unsere fossilen Energieerträge auf, die ja eigentlich durch die Photosynthese, die jeden Tag in der Landwirtschaft bei der Erzeugung Pflanzen sich wiederholt, frisst sie auf.
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