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18.05.2009
Johannes Kahrs, Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD (Bild: Wahlkreisbüro Johannes Kahrs) Johannes Kahrs, Sprecher des Seeheimer Kreises in der SPD (Bild: Wahlkreisbüro Johannes Kahrs)

SPD-Politiker schließt Koalition mit Linkspartei nicht aus

Sprecher des Seeheimer Kreises favorisiert Ampel

Johannes Kahrs im Gespräch mit Christopher Ricke

Der Bundestagsabgeordnete und Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, hält eine Koalition seiner Partei mit der Linkspartei für denkbar. Kahrs sagte, wenn die Linke sich personell anders entwickele, wie etwa in einigen Teilen Ostdeutschlands, dann werde man "in der Zukunft darüber reden können".

Christopher Ricke: Ist die Sozialdemokratie der Rettungshafen, der Platz für frustrierte Linksparteiler, denen es in der Partei Die Linke zu sektiererisch zugeht? Die Debatte wird geführt, spätestens nach dem Übertritt der Europapolitikerin Sylvia-Yvonne Kaufmann von der Partei Die Linke zur SPD. Ganz links herrscht jetzt ziemlich Alarm, der Bundestagsfraktionschef Gregor Gysi hat seine Partei schon zur Geschlossenheit aufgerufen. Das ist nötig, denn es wird schon heftig spekuliert, dass nach Kaufmann jetzt noch mehr zur SPD übertreten könnten, insbesondere die, die sich vom Kurs des Bundesvorsitzenden Oskar Lafontaine abgestoßen fühlen, nicht nur in Europafragen. Ich spreche jetzt mit dem SPD-Politiker Johannes Kahrs, er ist Bundestagsabgeordneter, er ist SPD-Kreisvorsitzender Hamburg-Mitte, er ist Sprecher des in der SPD als konservativ wahrgenommenen Seeheimer Kreises. Guten Morgen, Herr Kahrs!

Johannes Kahrs: Morgen, Herr Ricke!

Ricke: Hat denn jetzt der Sozialdemokrat Verständnis dafür, wenn Mitglieder der Partei Die Linke wegen Oskar Lafontaine die Partei verlassen?

Kahrs: Ich glaube, dass ein jeder dafür selber verantwortlich ist, in welcher Partei er ist. Die haben ja auch alle individuelle Gründe gehabt, einzutreten, und deswegen muss das jeder mit sich selber ausmachen.

Ricke: Links von der Partei Die Linke ist wenig, rechts davon kommt dann die SPD. Ist das natürlich, dass man sich erst an die Sozialdemokratie wendet?

Kahrs: Ich glaube, wenn man ein politischer Mensch ist und sich überlegt, wo man seine politische Heimat hat, dann muss man sich das genau überlegen. Ich habe das Konservative von meinem Großvater gelernt, der hat immer gesagt, min Jung, mit 18 trittst du in die SPD ein und dann stirbt man, zwischendurch kann man mal meckern und mal um Mehrheiten kämpfen, aber austreten tut man nicht. Aber das ist eben ein individueller Lebensweg, das muss jeder selbst entscheiden.

Ricke: Jetzt gibt es aber diese Übertritte und das ist ja auch der Grund unseres Gespräches, und die SPD muss sich fragen lassen: Muss sie jeden aufnehmen, der von der Partei Die Linke kommt? Wenn wir uns die politische Vergangenheit von Sylvia-Yvonne Kaufmann beispielsweise ansehen - die reicht ja weit, über die Partei Die Linke, über die PDS bis zur SED. Sind sie alle willkommen bei Ihnen?

Kahrs: Ich glaube, man muss sich einfach jeden individuell angucken und dann muss man das im Einzelfall prüfen. Ich glaube, dass erst einmal jeder sich selber überlegen muss, wo er denn wirklich hingehört, und jeder Mensch entwickelt sich weiter. Jeder Mensch hat Wandlungen und man ist ja selten davor gefeit, auch schlauer zu werden. Deswegen respektiere ich erst mal jeden Wunsch eines jeden, vielleicht auch Mitglied einer anderen Partei zu werden. Im Einzelfall muss man sich das dann immer einfach mal angucken.

Ricke: Jetzt sehen wir uns doch den Einzelfall Kaufmann mal an. Die Partei hat Frau Kaufmann willkommen geheißen und damit hat sie doch eigentlich auch die Tür weit aufgestoßen für alle, die sagen: Spätestens, wenn Lafontaine Geschichte ist, legt sich die SPD auch mit der Partei Die Linke ins Bett. Es geht ja schon so ein schöner Transfer zwischen den beiden Parteien zu dieser Zeit.

Kahrs: Ob man - das ist ja, glaube ich, das, worauf Sie anspielen - irgendwann mit der Linken koaliert, hängt ja einfach davon ab, wie die Zusammensetzung der Linken sich entwickelt. Ich persönlich kann auf die Partei komplett gerne ganz verzichten, ich glaube, dass links von der SPD nichts nötig ist. Dessen ungeachtet ist das mein privater Wunsch und Wille und nicht wesentlich, weil der weder entscheidet was passiert. Wenn denn dann Die Linke sich personell anders entwickelt, so zum Beispiel wie im Osten der Republik in einigen Teilen, dann, glaube ich, wird man in der Zukunft darüber reden können. Es gab immer Diskussionen in diesem Land, ob man überhaupt mit den Grünen koalieren kann. Inzwischen koalieren die in Hamburg mit der CDU. Parteien entwickeln sich weiter, das muss man dann immer wieder individuell neu bewerten.

Ricke: Wenn wir schon beim Thema Koalitionen sind: Wir wissen ja - das haben wir gelernt in den vergangenen Wochen -, Ihr Parteichef möchte gerne mit der Ampel regieren, also mit der Partei FDP, die ja trotz explodierender Staatsverschuldung die Steuern senken will, und mit denen Grünen, mit denen man bereits Erfahrung gemacht hat. Und auch die CDU-Chefin möchte gerne mit der FDP. Jetzt kommen aber Realisten und sagen: Es könnte wieder auf eine Große Koalition hinauslaufen. Was machen Sie denn dann mit denen ganz weit links, die Sie frisch in die Partei aufgenommen haben? Sind das dann Feigenblätter für die, die sagen: Eigentlich, eigentlich steht die SPD doch weiter links, als man eigentlich zurzeit stehen kann?

Kahrs: Ich glaube, wir machen mit denen erst mal gar nichts, sondern jeder, der in eine Partei geht, trifft eine Entscheidung, und wir als Partei machen ja unsere Entscheidung, mit wem wir koalieren, nicht davon abhängig, was einzelne Mitglieder der Partei wollen, sondern davon, was denn die Mehrheit der Partei am Ende entscheidet.

Ricke: Und was wird die Mehrheit der Partei am Ende entscheiden? Die verändert sich ja, die Mehrheit der Partei, wenn sich auch die Partei verändert.

Kahrs: Na ja, wir reden hier über Einzelfälle, sie werden an Mehrheiten innerhalb der Partei nichts ändern. Die SPD ist eine Traditionspartei, wir sind 145 Jahre alt, wir haben relativ viel überlebt. Ich glaube, das ist keine Frage von einzelnen Personen oder auch von Strömungen. Deswegen ist es für mich wesentlich, mit wem ich am meisten SPD-Inhalt durchsetzen kann, und für uns sieht das nach der jetzigen Lage so aus, dass das eben die Ampel ist.

Ricke: Der SPD-Politiker Johannes Kahrs; Bundestagsabgeordneter, Sprecher des Seeheimer Kreises. Vielen Dank, Herr Kahrs!

Kahrs: Vielen Dank!


 
 

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