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05.03.2007
Auf der Biennale 1961 sorgte Pasolini mit seinem ersten Spielfilm "Accatone" über das Scheitern eines kleinen Zuhälters für Aufsehen. (Bild: AP Archiv) Auf der Biennale 1961 sorgte Pasolini mit seinem ersten Spielfilm "Accatone" über das Scheitern eines kleinen Zuhälters für Aufsehen. (Bild: AP Archiv)

Tabubrüche als Markenzeichen

Der italienische Regisseur Pasolini suchte den Skandal

Von Hartmut Goege

Pier Paolo Pasolini war ein streitbarer Literat und Filmregisseur, der mit allen Mitteln die Provokation suchte. Vor 85 Jahren wurde er geboren. Sein Schaffen und sein Leben verzahnten sich zu einem Wechselspiel.

Ein Mann, einem Engel gleich, besucht eine wohlhabende bürgerliche Familie. Er schläft mit dem Hausmädchen, mit der Mutter, der Tochter, dem Sohn und dem Vater. Und als er sie alle wieder verlässt, ist nichts so wie es einmal war.

"Ich habe das Gefühl, ich bin für diese Gesellschaft gestorben. Ein vollständiger Verlust meiner selbst. Aber wie soll ein Mensch so leben, der gewöhnt ist an Ordnung, an einen Zeitplan und vor allen Dingen an Besitz."

Eine Szene aus dem 1968 gedrehten "Teorema", eine Parabel Pier Paolo Pasolinis auf die untergehende Bourgeosie, ein Film, so mysteriös wie das gesamte Leben und Schaffen des vielschichtigen Künstlers. Auch "Teorema" löste wie die meisten seiner Werke endlose Diskussionen aus, erhielt Filmpreise, wurde gefeiert und zeitweilig verboten. Der experimentelle, fast sakrale Stil entwickelte sich ebenso zu einem Markenzeichen wie die Tabubrüche, mit denen Pasolini seine Filmstoffe fütterte. Themen waren stets archaischer Natur: Religion, Sexualität und Tod.

"Aber was du selber mir gegeben hast, die Liebe in die Leere meines Lebens, sie zerstörst du, wenn du mich verlässt."

Pasolini entstammte der Verbindung zwischen einem autoritären adligen Offizier und Mussolini-Anhänger und einer Lehrerin aus dem Friaul. Die unglückliche Ehe der Eltern band Pasolini zeitlebens an seine Mutter. Der hochbegabte junge Mann entwickelte eine Schwäche für klassische Literatur, schrieb mundartliche Gedichte, trat der kommunistischen Partei bei und wurde sich allmählich seiner Homosexualität bewusst.

"In meinen ewigen und unerträglichen Phantastereien machte ich den blonden Jungen zu dem meinen. Ich liebkoste ihn und entdeckte dabei alle seine quälendsten und subtilsten verführerischen Eigenschaften."

Das Jahr 1949 wurde Pasolinis Schicksalsjahr: In dem kleinen friaulischen Dorf, in dem er als Lehrer arbeitete, wurde er wegen angeblicher Unzucht mit einem Minderjährigen angezeigt. Er floh mit seiner Mutter nach Rom in ein neues Leben und entdeckte dort die aufregende Welt der Armenviertel, der Borgate. Der Erfolg seines 1955 veröffentlichten sozialkritischen Romans "Ragazzi di vita", eine schonungslose Beschreibung des unwürdigen Lebens in diesen slumähnlichen Vorstädten, zog eine Serie von Prozessen nach sich. Die Filmindustrie wurde auf ihn aufmerksam. Auf der Biennale 1961 sorgte Pasolini mit seinem ersten Spielfilm "Accatone" über das Scheitern eines kleinen Zuhälters für Aufsehen. Mit der Figur des Helden Riccone, die er seinem Roman entliehen hatte, machte sich Pasolini zum Anwalt der verlorenen Jugendlichen:

"Nun ist seine Kultur total zerstört worden. Er befindet sich sozusagen in der Lehre. Er hat seine Werte und seine Vorbilder verloren. Man bietet ihm neue Modelle, die kleinbürgerlichen Werte, an, die er nicht imstande ist zu realisieren. Darum hängt er vollkommen in der Luft. Das frustriert ihn, macht ihn neurotisch. Und diese Neurose führt ihn zu einer neuen Form von Kriminalität. Einer fürchterlichen Kriminalität. Rom ist schon immer eine Stadt der Diebe gewesen, aber nun hat die Art des römischen Verbrechertums seine Qualitäten gewechselt."

Nach Accatone festigte Pasolini mit "Mama Roma" und "La Ricotta" seinen Ruf als Skandalfilmer, überraschte dann aber seine Kritiker mit einer der besten Bibel-Verfilmungen: "Das Erste Evangelium-Matthäus", eine fast dokumentarische Illustration mit Laiendarstellern, in der seine Mutter die Maria spielte, erhielt 1964 sogar einen katholischen Filmpreis.

Mit dem Film "Medea" wagte sich Pasolini halbherzig und erfolglos an die opernhafte Bearbeitung antiker Mythen. Was blieb, war eine intensive Freundschaft mit der Hauptdarstellerin Maria Callas. Mehr Beachtung fanden erst wieder opulente und unterhaltsame Film-Trilogien wie "Decameron" und "Erotische Geschichten aus Tausendundeiner Nacht". Mit diesen Visionen schöner Lebens- und Liebeslust schien Pasolini sich Anfang der 70er Jahre von seinen frühen filmischen Konstruktionen über Faschismus, Barbarei und Kapitalismus zu verabschieden. Doch er schockte die Filmwelt mit seinem letzten Werk: "Die 120 Tage von Sodom" zelebrieren unerträgliche sadistische Gewalt- und faschistische Machfantasien. Die Uraufführung erlebte Pasolini nicht mehr. Am 2. November 1975 wurde auf einem Feld bei Rom seine verstümmelte Leiche gefunden. Angeblich erschlagen von einem Strichjungen, wurden die wirklichen Umstände aber nie aufgeklärt.


 
 

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