Einen Neuanfang in der Afghanistan-Politik - so hat Guido Westerwelle die Londoner Konferenz genannt, die er vor Wochen noch zu meiden überlegte. Aber ist es wirklich ein Neuanfang?
Aus dem amerikanischen Football kennt man den Hail-Mary-Pass: Kurz vor Spielende drischt ein Spieler der zurückliegenden Mannschaft das Ei nach vorn und schickt ein Ave Maria - ein Hail Mary - hinterher, auf dass der Pass vorn den eigenen Mann finden werde. Die Londoner Konferenz ist nichts anderes als der Hail-Mary-Pass in der Afghanistan-Politik. Ein letztes gemeinsames Aufraffen mit ungewissen Aussichten.
Die ISAF-Truppen werden zum x-ten mal aufgestockt und erreichen jetzt jene Größenordnung, die auch den Sowjets nicht gereicht hat, um das Land unter Kontrolle zu bringen. Die Betonung der zivilen Komponente und des Wiederaufbaus mag eine deutsche Öffentlichkeit beruhigen und die Opposition einbinden. Aber ohne flächendeckende dauerhafte Stabilität und Sicherheit wird es einen flächendeckenden zivilen Aufbau nicht geben. Und hier wirkt sich einfach ein Versäumnis aus, dessen Kern schon in den ersten Monaten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 zu finden ist.
Damals hätte es vermutlich die Chance gegeben, nach der Vertreibung der Taliban die vollständige und flächendeckende militärische und politische Hegemonie zu erringen, ähnlich wie in Deutschland 1945. Nur die internationale Gemeinschaft war dazu nicht bereit. In den folgenden Jahren haben sich die USA militärisch verzettelt, weil George Bush junior unbedingt die Familienfehde mit dem Saddam-Clan im Irak zu Ende bringen wollte. Und die europäischen Regierungen, die trauten sich auch nicht, ihren Völkern den Aufwand zuzumuten, den eine solche Hegemonie erfordert hätte.
Stattdessen also Truppenverstärkungen scheibchenweise und Ersatzdiskussionen, die eher von frommen Wünschen geprägt sind und auch nicht weiterführen. Nehmen wir die Idee von einem Aussteiger-Programm. Eigentlich müsste es Taliban- Mitläufer-Bestechungsprogramm heißen. Wer den Taliban abschwört, soll ökonomisch besser gestellt werden. Das kann teuer werden, denn die Taliban zahlen dank ihrer Drogenprofite relativ gut. Außerdem dürften wir uns demnächst wundern, wie viele Afghanen sich als Taliban-Anhänger outen.
Mit gemäßigten Taliban soll verhandelt werden - wobei gemäßigt und Taliban ein Widerspruch in sich ist. Wir reden von einer Guerilla-Formation, die die rechtmäßige Regierung nicht anerkennt; wir reden von einer extrem kruden Form von politischem Islamismus, der in Frauen Menschen dritter Klasse sieht und Zeugnisse nicht-islamischer Kulturen in die Luft sprengt. Wie bitteschön definiert sich also die gemäßigte Version von Taliban?
Nein, es steht zu befürchten, dass in London vor allem zweckoptimistische Nebelkerzen gezündet worden sind. Seit dem 20. Jahrhundert werden Kriege nicht mehr an den Fronten verloren, sondern zu Hause. Jede demokratische Regierung muss aufgeben, wenn sie in der eigenen Öffentlichkeit den Rückhalt für ihren politisch-militärischen Kurs verliert. Der Prototyp hieß Vietnam. Und es ist mit Händen zu greifen, dass die westlichen Gesellschaften die Geduld verlieren und den Preis für ein stabiles, prosperierendes Afghanistan nicht mehr zahlen wollen.
Das einzige Interesse, dass insbesondere die Nato-Staaten noch verbindet: Es darf sich nicht jeder einzeln verdrücken. Das wäre ein zu offensichtliches Scheitern. Also wird es einen gemeinsamen Abschied vom Hindukusch geben. Das Datum steht fest, auch wenn es nicht Abzugsdatum genannt wird. Ab 2014 steht die Afghanisierung des Konflikts an, ein Wort, das auch nur Unheil verheißt. Es bedeutet, um mit dem letzten sächsischen König bei seinem Sturz 1918 zu sprechen: Macht doch Euern Dreck alleine!
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