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29.07.2010
Ein Wegweiser zur Agentur für Arbeit ist  in Dresden zu sehen. (Bild: AP) Ein Wegweiser zur Agentur für Arbeit ist in Dresden zu sehen. (Bild: AP)

Arbeitsmarkt im Aufwind, Stimmung in der Flaute

Von Ernst Rommeney, Deutschlandradio Kultur

Natürlich reiben wir uns alle die Augen, trauen unseren Ohren nicht. Erst wurde vor der größten Rezession aller Zeiten gewarnt. Dann kam sie und nun geht sie schon wieder, ohne dass die deutsche Gesellschaft sie spürte.

Und natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Allen Menschen, deren Firmen pleite gingen, die ohne Arbeit blieben, die Geld verloren haben, hat auch dieser Konjunktureinbruch das Leben brutal durcheinander gewirbelt. Und doch scheint Deutschland diesmal vieles richtig und wenig falsch gemacht zu haben: Kurzarbeit und Konjunkturprogramme dienten - wider Erwarten - als tragfähige Brücke, wenn sie auch teuer waren. Nun bessern sich die wirtschaftlichen Aussichten überraschend schnell. Wie immer helfen die Exportgeschäfte, mit ein wenig Glück auch der Konsum und die Investitionen im Inland.

Gleichwohl will die Skepsis nicht weichen. Das Wachstum könnte über Jahre mäßig ausfallen. Zur hohen Arbeitslosigkeit gesellt sich der Facharbeitermangel. Und wohin man schaut, mangelt es an Eigenkapital.

Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, vielleicht gar im Herbst unter die Marke von drei Millionen. Dies lässt die Konjunktur aufatmen, obschon jene Millionen Menschen ohne gut finanzierte Arbeit nach wie vor die Binnenwirtschaft niederdrücken. Und die öffentlichen Haushalte müssen ihre Ausgaben über ein ganzes Jahrzehnt hinweg kürzen.

Gute Konjunktur auf Pump wird sich das Land nicht länger leisten können. Denn die Folgen der Finanz- und Schuldenkrise sitzen immer noch in den Knochen. Ja, die Wachstumsraten werden künftig so bescheiden bleiben, wie sie es hierzulande immer waren.

Der kritische Punkt ist die Beschäftigung, sind die Arbeitsplätze. Sie finanzieren die Sozialsysteme und den Konsum als Motor der Binnenkonjunktur. Die Zahl der Berufstätigen nimmt altersbedingt ab. Doch das wird nicht unbedingt den Arbeitsmarkt entlasten.

Noch ist nicht sicher, ob Deutschland einen Facharbeitermangel verhindern, ob die Arbeitslosigkeit der schlechten Qualifikation wegen abnehmen, ob die Arbeit auch Familien ernähren kann. Schulreformen sind im Prinzip die richtige Antwort.

Und schließlich lässt sich das Gespenst von der Kreditklemme nicht verscheuchen. Ja, es ist genügend Geld da, nur - und das bleibt das Problem - Kredit bekommt nicht jeder. Und Eigenkapital ist notorisch knapp - im Mittelstand wie bei den Banken. Es ist richtig, wieder mehr Wert auf Bonität zu legen.

Doch die Kehrseite ist die Zahlungsmoral. Viele Mittelständler zittern in diesen Tagen um die Existenz oder sterben einen allzu frühen Firmentod, weil ihre Kunden die Rechnungen nicht bezahlen - oft aus Ignoranz wie so manche Behörde. Was helfen Gründerprogramme, wenn Existenzkiller nicht entschärft werden.

Es wäre jammerschade, wenn diese skeptische Sicht dem Optimismus den Garaus machte. Man kann daher nicht häufig genug, den Totalausfall dieser agendalosen, konservativ-liberalen Bundesregierung beklagen. Notwendig wäre - so wie gebetsmühlenartig vorgeschlagen, ein Zukunftsthema zu setzen, also neben die Schuldenbremse beispielsweise den Strukturwandel durch Klimaschutz. Wer Monate lang über Kernkraftwerke streitet, hat dementsprechend nichts begriffen. Der Absturz der schwarzgelben Rakete in der Wählergunst mag gerecht sein, doch für die Bundespolitik ist er nur peinlich. Ohren sind zum Hören - und Augen nicht nur zum erstaunten Reiben da!


 
 

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