Darf die IG Metall in Deutschland das Ende der Bescheidenheit, darf sie satte Lohnzuwächse fordern, während in den Euro-Krisenländern Beschäftigte um die Existenz ringen? Ja, sie darf.
Es sind Bilder wie aus zwei Welten: in Frankfurt der Metall-Gewerkschafts-Chef, der selbstbewusst Anteil am deutschen Aufschwung einfordert. Gleichzeitig in Athen der verzweifelte Protest auf der Straße. Generalstreik. In den Gesichtern Angst vor Massenentlassungen und Lohnkürzungen, vor der puren Not. Wie passt das beides zusammen? Darf die IG Metall in Deutschland das Ende der Bescheidenheit, darf sie satte Lohnzuwächse fordern, während in den Eurokrisenländern Beschäftigte um die Existenz ringen?
Die Antwort lautet: Ja, sie darf. Sie muss es sogar aus volkswirtschaftlicher Sicht. Denn nur durch höhere Einkommen kann die Binnennachfrage in Deutschland gesichert werden. Der heimische Konsum, er wird wichtiger werden für die traditionell exportorientierte deutsche Wirtschaft. Noch sind die Auftragsbücher aus dem Ausland gut gefüllt. Aber nicht nur in Europa durch die Eurokrise, auch weltweit schwächt sich die Konjunktur ab - heute hat selbst das boomende Schwellenland Indien seine Wachstumsprognose gesenkt.
Insofern ist die Forderung der IG Metall nach sechseinhalb Prozent mehr Geld ökonomisch gesehen nicht unmäßig. Verhandelt werden muss überdies noch. Und wenn dann dreieinhalb oder vier Prozent herauskommen, wie bei den schon abgeschlossenen Tarifrunden dieses Jahres bei Post, Lufthansa oder in der Stahlindustrie, dann ist das ein vertretbarer Lohnzuwachs. Vor allem deshalb, weil die deutschen Beschäftigten zuletzt schon wieder real weniger in der Lohntüte hatten: Die Geldentwertung zehrte im letzten Jahr zwei Drittel der Lohnsteigerungen auf. Und so viel ist sicher: Inflation wird - angesichts der Geldflutungsaktionen der Europäischen Zentralbank - auch 2012 und 2013 eine reale Gefahr für die Einkommen sein.
Wenn die IG Metall Augenmaß bei ihren Wünschen wahrt, über Zeitarbeitsverhältnisse mitzubestimmen, die den Unternehmen nicht selten die nötige Flexibilität gegen Krisen geben, könnte sich die anstehende Lohnrunde in der mit dreieinhalb Millionen Beschäftigten wichtigsten deutschen Branche als Chance erweisen. Deutschland braucht eine starke Inlandsnachfrage, damit die Wirtschaft auf Wachstumskurs bleibt. Und zumindest in den nächsten ein, zwei Jahren hat Europa keine andere Alternative, als sich von der durch den Binnenkonsum angetriebenen Wirtschaftslokomotive Deutschland ziehen zu lassen. Auch nicht die weit weg von Frankfurt demonstrierenden Menschen in Athen.
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Die Lohnforderungen der IG Metall und die europäische Verantwortung
Sendezeit: 07.02.2012 17:40
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