Beim Bang Crunch passiert etwas Unglaubliches. Zumindest für das achtjährige Mädchen in der Titelstory des ersten Buches von Neil Smith. Ihr Gehirn weitet sich aus. Und danach zieht es sich wieder zusammen. Vergleichbar mit einem Universum, das sich ausdehnt und zusammenzieht und dabei verheerende Spuren im All hinterlässt. Wie ein Urknall, Bang!
Das junge Mädchen geht damit sehr souverän um, ihr Umfeld ist erst geschockt und versucht dann, mit diesem Naturwunder Geld zu verdienen. Der angeblich depressiven Mutter geht es plötzlich besser, sie bringt ihr sonst vernachlässigtes Kind in den Medien groß raus. Ein achtjähriges Mädchen, das in wenigen Tagen das Gehirn einer 30-Jährigen hat - und damit auch ihre Reife und ihr Wissen.
Doch die Geschichte geht nicht gut aus, das Mädchen altert zu schnell und ist bald dem Tod nahe. Das alles liest sich wie der Traum eines Kindes, das die Erwachsenenwelt überflügeln will, für den Preis des eigenen Lebens. Sie ist plötzlich stärker als alle, die sie vorher ignoriert haben. Sie ist jetzt wer, auch wenn sie keine Beziehungen mehr aufbauen kann.
In einer weiteren Geschichte wird erneut Distanz aufgebaut zur Umwelt: Ein Frühgeborenes, auf das die Mutter so gehofft hatte, liegt im Brutkasten, eingezwängt von Schläuchen - nicht einmal die Mutter selbst darf es berühren: da hofft man auf den Menschen im Leben, der alles ändert und dann wird man von ihm fern gehalten und weiß nicht wie lange, wenn es schlecht läuft, für immer.
Der 45-jährige Neil Smith hat mit seinem Erzählungsband die kanadische Literatur über Nacht mit seinem eigenen Ton bereichert. Manchmal ist der Smith-Sound dabei kalt und abweisend, dann ist er wieder voller Witz und tänzelnder Pointen. Nur eines ist immer gleich: Diese Geschichten sind schlank, kein Satz zu viel, kein einziges Füllwort, auch dank der Übersetzerin Gabriele Haefs.
Die Storys von Neil Smith sind dabei nicht auf den ersten Blick miteinander verbunden, Personen tauchen kaum wieder auf, aber dennoch zieht sich das Gefühl des Verlusts durch dieses Buch. Menschen verlieren viel: ihre Partner, ihr Gefühl für Zeit, ihre Bindungsfähigkeit, und einige sogar ihre Lust am Leben, aber dieser Autor hält seine Figuren mit seiner intensiven und dichten Erzählweise über Wasser.
Besprochen von Vladimir Balzer
Neil Smith: Bang Crunch
Storys. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Schöffling Verlag, Frankfurt 2009
296 Seiten, 19,90 €
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