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09.02.2010
Eine Figur in "Under Control" ist abhängig von Drogen (hier gebrauchte Heroinspritzen)  (Bild: AP Archiv) Eine Figur in "Under Control" ist abhängig von Drogen (hier gebrauchte Heroinspritzen) (Bild: AP Archiv)

Quälerische Logik der Sucht

Mark McNay: "Under Control", dtv, 319 Seiten

Die Figuren von Mark McNays "Under Control" leben am untersten Rand der Gesellschaft. Er lässt sie auf Therapeuten treffen, die in ihrem Beruf nicht mehr von privatem Verlangen trennen können.

Unter Kontrolle ist in diesem Roman gar nichts. Weder der Drogenkonsum der Londoner Prostituierten Charlie noch der Zorn von Gary, einem ehemaligen Fremdenlegionär, der über einem Kriegseinsatz schizophren geworden ist. Und auch Nigel, die dritte Figur in diesem Planspiel der Abhängigkeiten, hat sich nicht mehr im Griff: Seine Gier nach Sex und Anerkennung wächst von Tag zu Tag.

Dass diese 320 Seiten lange Verfallsgeschichte auf keine Katastrophe hinausläuft, dass man mit den Figuren in einem Zwischenreich des Selbstbetrugs stecken bleibt, das ist die Pointe von "Under Control". Und so erfüllt sich die Idee des Titels letztlich auch auf nicht-ironischer Ebene: kein Ausbruch, keine Katharsis. Die gewohnheitsmäßige Narkotisierung durch Unehrlichkeit und Konsum geht weiter. Kann es eine schlimmere Form der Kontrolle geben?

Bis im Finale die Anästhesie alle Schichten - sowohl sozial als auch psychologisch gesprochen - erreicht hat, müht sich der Leser mit den Figuren ab an der quälerischen Logik der Sucht. Charlie schafft an für Drogen und liebt Gary, der sich jedoch mehr und mehr entzieht. Traumatisiert von einem Einsatz in Nähe des Atombombenatolls Mururoa, driftet der Gelegenheitsjunkie zwischen philosophischen Spekulationen und Gewaltfantasien hin und her. Nigel, der sozialtherapeutische Betreuer von Gary, berauscht sich an der Idee, Charlie zu retten. Er verschafft ihr einen Therapieplatz, beutet sie aber unterdessen sexuell aus. Hierfür muss er Gary aus dem Weg räumen - wie gut, dass er beste Kontakte zu Behörden und Ärzten hat.

Mark McNay gehört zu den Vertretern jener sozialkritisch-satirischen Literatur, die Irvine Welsh mit "Trainspotting" aus der Taufe hob. Das war vor rund zehn Jahren; Tony Blairs New Labour begann gerade, die politische Kälte des Thatcherismus mit Versprechen von sozialem Zusammenhalt und Solidarität zu ummänteln.

Aber die Literatur war von Anfang an skeptisch. Autoren wie Welsh, Alan Warner und Duncan McLean fanden ihre Helden vor allem im Arbeitermilieu, das seinem Hass auf die gestylte Mittelklasse durch Drogenkonsum und Gewalt Ausdruck verlieh.

"Under Control" besichtigt die Unter- und Mittelschicht nun nicht mehr als Schauplatz ideologischer Fehden. Die Revolte, die in den Drogenexzessen von "Trainspotting" lag, ist einer kühlen Resignation gewichen. Zwar klagt Gary noch den Konsumismus der bürgerlichen Klasse an, aber der Roman spannt ihn, ebenso wie alle anderen, gnadenlos in den Ausbeutungszusammenhang der modernen Gesellschaft ein. Jeder nutzt jeden aus; der Nächste ist letztlich nur eine Variable im großen Tauschgeschäft, als das wir unser Leben zu führen verdammt sind.

Neu ist diese Art der Weltwahrnehmung nicht, und Kapitalismuskritik gehört zu den Grundtugenden aufgeklärter moderner Literatur. In der Nähe aber, die uns McNay zu diesen Selbstverzehrern und Lebenslügnern zumutet, liegt eine besondere ästhetische Erfahrung: So könnte es sich anfühlen, nichts mehr zu fühlen. Eine grausige und wichtige Lektion.

Besprochen von Daniel Haas

Mark McNay: Under Control
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld, dtv, 319 Seiten, 14,90 Euro


 
 

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