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28.04.2010
Dorfszene in Malawi. (Bild: AP Archiv) Dorfszene in Malawi. (Bild: AP Archiv)

Mit Witz gegen Widrigkeiten

Samson Kambalu: "Jive Talker", Unionsverlag, Zürich 2010, 348 Seiten

Als Samson Kambalu im Jahr 2000 auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol landet, kennen die Zollbeamten sein Heimatland Malawi nicht. Sie müssen es erst googeln, um den Pass anzuerkennen. Als sie dann auch noch Fußbälle aus Lumpen im Gepäck finden, denken sie, sie seien einem Drogenschmuggler auf der Spur. Dabei hat der afrikanische Künstler gerade ein Stipendium für Amsterdam bekommen. Die Lumpenfußbälle werden Teil seiner ersten Installation in Europa.

Nonchalant geht Samson Kambalu über diesen kleinen Zwischenfall hinweg, sowie er alle Widrigkeiten seines Lebens aus der Distanz mit viel Witz und Ironie und einer großen Portion Leichtigkeit in seiner Autobiografie erzählt. "Jive Talker" ist sein erster Roman, geschrieben in Englisch und jetzt auf Deutsch erschienen.

"Jive Talker" ist auch eine Hommage an seine Eltern, der Titel gilt seinem Vater. 1975 wird Samson Kambalu als fünfter Spross einer zehnköpfigen Familie in Malawi (Ostafrika) geboren. Sein Vater muss aufgrund seiner Ablehnung von Autoritäten die Schule verlassen. Damit zerplatzt sein Traum von einem Medizinstudium in England. Doch er wird als Hilfsdoktor ausgebildet und macht je nach örtlicher Zuständigkeit Karriere in verschiedenen Krankenhäusern des Landes. Für seine Familie heißt das mal Wohlstand im eigenen Haus mit Auto und der Möglichkeit Schulgeld für alle Kinder zu zahlen, dann wieder bittere Armut.

Die Mutter entwickelt sich zur Lebenskünstlerin, die es immer schafft, ihre Kinder durchzubringen und die Eskapaden ihres Mannes zu ertragen. Der liebt das Bier, für ihn eher Grundnahrungsmittel denn Alkohol. Unter dessen Einfluss neigt der Vater zu großen Reden und philosophischen Einlassungen - dem Jive Talk. Dies ist prägend für den jungen Samson, dazu kommt das Diptychon, das große Bücherregal der Familie. Nietzsche nimmt hier einen wesentlichen Platz ein, wird allerdings meistens auf dem Klo gelesen, nur dort ist man ungestört.

Weder giftige Mambas im Haus noch Malaria halten den kleinen Samson davon ab, sich mit allen Sinnen in das Leben zu stürzen und für alles offen zu sein. Ob es sich um Ahnenverehrung und Initiationsriten mit Ziegenhoden oder den Moonwalk von Michael Jackson handelt, alles steht gleichberechtigt nebeneinander.

Die Frage nach Gott ist immer wieder ein zentrales Thema und Samson Kambalu beantwortet sie für sich, indem er mit zwölf Jahren seine eigene Religion gründet. Im Zentrum steht sein Holy Ball - ein Plastikfußball beklebt mit den Seiten der Bibel. Samson Kambalu studiert Kunst, in einem Land, in dem es nicht einen einzigen Laden für Künstlerbedarf gibt, und organisiert die erste Konzeptkunstausstellung in Malawi. Stipendien führen ihn schließlich nach Europa. Samson Kambalu heiratet eine Schottin und lebt heute mit seiner Frau in London.

Mit seinem sprühenden Humor und seiner Leidenschaft für die Sprache schafft es Samson Kambalu, seine Lebensgeschichte als rasante Achterbahnfahrt zwischen dem harten Daseinskampf und seiner künstlerische Entwicklung darzustellen. Die Distanz zwischen Tradition und Moderne, dem Einfluss des kleinen afrikanischen Landes unter dem Diktator Dr. Hastings Kamazu Banda und der Kunst, Kultur und Philosophie aus Europa und den USA wird im Zeichen der Globalisierung immer kleiner. Samson Kambalu gelingt es, die unterschiedlichen Strömungen zusammenzubringen, aber trotzdem weiterhin kenntlich zu machen und daraus schließlich erfolgreich seinen eigenen Weg als Künstler zu entwickeln.

Auch als Autor ist Samson Kambalu Erfolg beschieden. "Jive Talker" ist der erste Roman eines Autors aus Malawi, der jemals in Deutschland erschienen ist.

Besprochen von Birgit Koß

Samson Kambalu: Jive Talker
Roman, aus dem Englischen von Marlies Ruß
Unionsverlag, Zürich 2010
348 Seiten, 19,90 Euro


 
 

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