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08.07.2010
Israelischer Panzer an der Grenze zum Gazastreifen. (Bild: AP) Israelischer Panzer an der Grenze zum Gazastreifen. (Bild: AP)

Vorauseilende Defensive

Moshe Zimmermann: "Die Angst vor dem Frieden. Das israelische Dilemma", Aufbau Verlag, Berlin 2010, 160 Seiten

Die Bürger Israels haben sich im permanenten Zustand des Unfriedens eingerichtet, meint der Jerusalemer Historiker Moshe Zimmermann. Eine neoliberale Gesellschaft sei zur Geisel aggressiver Expansionspolitik geworden.

Es scheint, so konstatiert Moshe Zimmermann bitter, als hätte sich Israel mit dem Unfrieden eingerichtet. Der Historiker vertritt in seinem neuesten Buch die These, dass es in der israelischen Gesellschaft, die sich in den letzten Jahrzehnten enorm gewandelt hat, unter anderem vom sozialistischen Pioniergeist hin zu einer neoliberalen, industrialisierten Wohlstandsgesellschaft, mittlerweile mehr Angst vor dem Frieden gibt als vor dem permanenten Zustand des Unfriedens.

Historisch-psychologisch erklärt Zimmermann das zunächst mit einer Ungleichzeitigkeit zionistischer Mentalität: Einerseits ist der "neue Jude" in Israel (im Unterschied zum verfolgten Diaspora-Juden Europas) wehrhaft und lässt sich nichts mehr gefallen; andererseits ist ihm die permanente Angst vor der Feindseligkeit seiner Umgebung geblieben, er glaubt nach wie vor daran, dass ihm seine Umwelt dauerhaft nur Böses will. Zimmermann möchte damit weder die realen historischen Traumata noch die aktuellen politischen Probleme, Antisemitismus und Israelfeindschaft, leugnen. Aber er kritisiert die vorauseilende Defensivmentalität, die seiner Meinung nach äußerst kontraproduktiv ist. Sie macht es den Angstmachern am rechten und religiösen Rand der Gesellschaft leicht, den Friedensprozess zu sabotieren.

Politisch konkreter ist der zweite zentrale Punkt in Zimmermanns kleiner Streit- und Erklärschrift: seine Kritik am wachsenden Einfluss der religiösen Juden in Israel. Während in der Öffentlichkeit oft die kritischen Historiker als "Postzionisten" bezeichnet werden, macht Zimmermann die wahren Postzionisten unter denen aus, welche den zionistischen Traum eines jüdischen Staates in einen fanatischen religiösen Traum von "Groß-Israel" verwandelt haben. Ausführlich beschreibt er, wie die ursprünglich oft wenig politischen ultraorthodoxen Juden mittlerweile ihren Einfluss in allen Gebieten der israelischen Politik ausgeweitet haben - vom Bildungssektor bis zum Militär. Am radikalsten die nationalreligiöse Siedlerbewegung, die Zimmermann zufolge die israelische Gesellschaft geradezu zur Geisel ihrer aggressiven Expansionspolitik macht und deren Gewaltbereitschaft mittlerweile zu einem fast unlösbaren politischen Problem geworden ist.

Zimmermann analysiert scharf die Verwerfungen und Konflikte innerhalb der israelischen Gesellschaft, die den Weg zum Frieden behindern; sein Buch ist keine erbauliche Lektüre und man bekommt mehr komplizierte Einsichten als einfache Antworten. Aber es ist sicher Kritik in dieser Schärfe, mit der man derzeit am meisten tun kann für Israel.

Besprochen von Catherine Newmark

Moshe Zimmermann: Die Angst vor dem Frieden. Das israelische Dilemma
Aufbau Verlag, Berlin 2010
160 Seiten, 14,95 Euro


 
 

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