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12.08.2010
Die Faszination des Bösen - Serienmörder im Film (Bild: AP) Die Faszination des Bösen - Serienmörder im Film (Bild: AP)

Messerstecher, Frauenmörder, Psychopathen

Stefan Höltgen: "Schnittstellen", Schüren Verlag, Marburg 2010, 419 Seiten

Abbildung einer verrohrenden Gesellschaft, Tabubruch oder einfach nur pervers? An Horrorfilmen scheiden sich die Geister. Stefan Höltgen hat sich intensiv mit den Massenmördern à la Norman Bates auseinandergesetzt.

Viel Zeit hat Stefan Höltgen mit den Messerstechern, Frauenmördern und verbrecherischen Intelligenzbestien der Filmgeschichte zugebracht. Ohne Gruselschauer wird das kaum möglich gewesen sein. Doch nicht pure Faszination für die Horrorspektakel spricht aus der Studie, die der Filmjournalist und Kulturwissenschaftler dem Kinophänomen widmet, sondern ein distanziertes Erkenntnisinteresse.

Siebenunddreißig Beispiele aus achtzig Jahren Genregeschichte untersucht er in seinem Buch "Schnittstellen - Serienmord im Film". Er zeigt, dass Filme über Serienmörder ein Gespür für kollektive Ängste ausdrücken; dass sie virtuos auf reale Untaten und deren Medienecho anspielen. "M" erinnerte an den Mädchenmörder Peter Kürten, "Psycho" an den berüchtigten Leichenschänder Ed Gein, "Monster" an die Männerjägerin Eileen Wuornos. "Das Schweigen der Lämmer" trug dem FBI mehr mutige Bewerbungen von Frauen ein, "Funny Games dagegen ließ die Zuschauer schuldbewusst im Kinosessel kauern, weil sie sich die Brutalitäten überhaupt angeschaut hatten.

Serienmörderfilme spielen meist viel Geld ein und avancieren nicht selten zu Klassikern, doch ihre widersprüchliche Erfolgsgeschichte ist stets auch mit aufgeladenen Debatten verschränkt. Die Schockeffekte, Gewaltexzesse und zynischen Entblößungen des Zuschauer-Voyeurismus rufen Filmkritiker und Jugendschützer auf den Plan, nicht zuletzt reagieren die Zensurbehörden mit Eingriffen. Höltgen schlägt sich weder auf die Seite der Fans noch auf die der Pädagogen und Kulturpessimisten. Er interessiert sich für die Geschichte dieser widersprüchlichen Diskurse.

Inhaltsangaben sind von ihm nicht zu erwarten, stattdessen materialreiche Einzelanalysen. Besondere Stilmittel, die das zeitgenössische Publikum provozierten, stehen im Mittelpunkt, ebenso charakteristische Falschbeobachtungen mancher Kritiker und Gutachter, wenn sie ihre Ablehnung mit Fantasieargumenten belegen. Höltgens Buch stellt die Überlegung an, dass monströse Mordtaten nur dann ein Publikum faszinieren, wenn die Authentizität des Gezeigten beglaubigt wird. "Alles nur Film, aber echter Horror": Dieser Pakt zwischen Leinwand und Publikum darf nicht aufgekündigt werden. Daher inszenieren viele Filme reale Verbrechen nach oder geben sich durch quasi dokumentarische Formen authentisch. Auch Sound- und Bildattacken, die unmittelbar Gänsehaut erzeugen, zählen zu den Effekten, die mittlerweile Echtheit suggerieren.

Trotz eines aufgesetzten Wissenschaftsjargons ist die Studie hilfreich, um die Geschichte fortschreitender Tabubrüche zu verstehen. Sie versteht sich als Ehrenrettung des Genres und setzt ein aufgeklärtes, medienbewusstes Publikum voraus. Sie kreist vor allem um das "Film-im-Film-Phänomen", das die Zuschauer scheinbar zu Dokumentaristen des Geschehens erklärt und zu Komplizen des Grauens macht. Die Frage, was die fragwürdige Welle der Slasher- und Torture-Porn-Spektakel über den Wandel der Mentalitäten aussagt, hat sich der Autor für ein nächstes Buch aufgehoben.

Besprochen von Claudia Lenssen.

Stefan Höltgen: "Schnittstellen. Serienmord im Film", Schüren Verlag, Marburg 2010, 419 Seiten, 29,90 Euro


 
 

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