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16.08.2010
Geschichte eines Jungen, der zum Ritter wird (Bild: AP Archiv) Geschichte eines Jungen, der zum Ritter wird (Bild: AP Archiv)

Fernes, finsteres, sinnliches Mittelalter

Wolf von Niebelschütz: "Die Kinder der Finsternis“, Verlag Kein & Aber, Zürich 2010, 700 Seiten

Sprachgewaltig wie ein Naturereignis: Wolf von Niebelschütz' "Die Kinder der Finsternis" entführt den Leser in ein aufregend fremdes Mittelalter. Zum 50. Todestag des Autors wurde das Buch nun neu aufgelegt.

"Es lag ein Bischof tot in einer Mur am Zederngebirge fünf Stunden schon unter strömenden Wolkenbrüchen. Die Mur war hinabgemalmt mit ihm und seinem Karren und seinen Maultieren und seiner Geliebten, unter ihm fort, über ihn hin, als schmettere das Erdreich ihn in den Schlund der Hölle, kurz vor Anbruch der Nacht."

Wer sich traut, so anzufangen, der schlägt seine Leser auch über 700 Seiten in seinen Bann. Oder er erreicht sie gar nicht. An Wolf von Niebelschütz' "Die Kinder der Finsternis" scheiden sich die Geister, seit der Roman 1959 zum ersten Mal erscheinen ist. Niebelschütz setzt uns einem fernen, finsteren, sinnlichen Mittelalter aus. Wir folgen dem ereignisreichen Aufstieg des Schafhirten Barral, der es bis zum Ritter bringen und die Tochter des Markgrafen erobern wird. Schauplatz der oft verwirrenden, immer aufregend fremden und von einer Vielzahl von Personen bevölkerten Handlung ist die mauretanische Mark Kelgurien, ein fantastisches Reich, das Niebelschütz nach dem realen Vorbild der südfranzösischen Provence geschaffen hat.

Das erste Kapitel ist "Ein Naturereignis" überschrieben, und man kann das als eine Art Gattungsbezeichnung lesen. Denn es ist nicht die Handlung der Ritterromanze, es sind nicht die Figuren, die diesen Roman zum Ereignis machen. Es ist die Urgewalt einer Sprachkunst, die ihresgleichen sucht und noch die ungewöhnlichsten Handlungsweisen und Charaktere authentisch erscheinen lässt, ohne sie zu erklären. Sie macht etwas lebendig, von dem wir nicht ahnten, dass es existieren könnte. Durch sie wird "Die Kinder der Finsternis" zum "Großroman" (Eckhard Henscheid).

Üppig und eigenwillig steht der Roman in der deutschen Literaturgeschichte. Alle Jahrzehnte wird er wiederentdeckt. Mit ihm sein Autor. Das ist gut so. Diesmal hat sich der Verlag Kein & Aber anlässlich des 50. Todestags von Wolf von Niebelschütz - der nur siebenundvierzig Jahre alt wurde - seiner angenommen und auch den tausendseitigen Barockroman Der Blaue Kammerherr (1949) neu aufgelegt. Ein eigensinniger Autor ist da immer wieder zu entdecken. Dadurch bleibt er in Erinnerung. Um seiner Sprache Willen hat er es verdient.

Wolf von Niebelschütz: Die Kinder der Finsternis
Verlag Kein & Aber, Zürich 2010
700 Seiten, 24,90 Euro

Besprochen von Hans von Trotha


 
 

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