Ein altes unbewohntes Haus mit einem grauenvollen Geheimnis im Keller: Der neue Roman der australischen Autorin Helen FitzGerald bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Literatur und Schund. Lesevergnügen ist allerdings garantiert.
Die Australierin Bronny ist 18 und trägt schwer an ihrem Erbe: Ihre Mutter starb an der Huntington'schen Krankheit, auch bekannt als Veitstanz. Bronnys Schwester hat das fragliche Gen nicht geerbt, nun muss sich Bronny einem Bluttest unterziehen um zu erfahren, ob sie leben oder sterben wird. Eigentlich könnte das als Handlung für einen Roman schon ausreichen - aber bei Helen FitzGerald ist es gerade mal so etwas wie eine Rahmenhandlung. Denn Bronny wartet das Ergebnis des Tests nicht ab, sie reißt aus, flieht nach London und will dort die Krankheit vergessen, die möglicherweise in ihr lauert. Mit mehreren recht eigenwilligen Gestalten landet sie in einem besetzten Haus, wo sich alles um Partys, Drogen und Sex dreht. Nur manchmal hört Bronny seltsame Geräusche aus dem Keller, aber lange Zeit ignoriert sie sie, hält sie für aus dem Drogenrausch geborene Einbildung.
Dabei spielt sich nur wenige Meter darunter ein wahrer Horrorfilm ab, in den FitzGerald die Leser mit diabolischer Freude mitnimmt: In diesem Keller wird seit Wochen eine Frau gefangen gehalten, die Krankenschwester Celia, die auf dem Heimweg von der Arbeit entführt wurde. Gefesselt und geknebelt sitzt sie auf einem Stuhl, ihre Versuche, sich zu befreien, bleiben vergeblich, ihr Peiniger prügelt und foltert sie und je elender, schmutziger und verwahrloster sie wirkt, desto mehr verliert er das Interesse an ihr:
"Er brachte es kaum über sich, sie anzuschauen. Sie sah wirklich abstoßend aus. Wie ein Lieblings-Pornovideo, das vom vielen Abspielen ganz unscharf geworden ist."
All dies beschreibt Helen FitzGerald mit großer Unbekümmertheit, unprätentiös, doppelbödig und ungeheuer originell. Mal erzählt Bronny, mal konzentriert sich der Text auf Celia, dann wieder auf ihren Entführer, mal ist die Prosa hintergründig und fein, mal erinnert sie an ein bluttriefendes Splatter-Movie. Es ist Junkfood à la créme, was FitzGerald serviert: ein scharfsinniger Thriller, der sich nicht vor dem Platten fürchtet, ein Horrorkrimi, der das Waten im Blut zur Kunstform erhebt und in dem immer mehrere Ebenen mitschwingen.
Denn man kann den Roman auf viele verschiedene Arten lesen und verstehen. Als Parabel auf das Unbewusste etwa, auf nicht erforschte Räume in uns, die vielleicht schreckliche Wahrheiten enthalten. Oder als Erzählung vom Erwachsenwerden, in der ein junges Mädchen lernt, dass man nicht immer davonlaufen kann. Man kann "Die dunkle Treppe" als Krimi lesen und gespannt auf die Auflösung warten, man kann darin eine Geschichte von Schuld und Sühne finden - schließlich wäre Celia früher entdeckt worden, hätte Bronny die Geräusche nicht ignoriert - oder das Ganze als Allegorie auf die Angst vor dem Tod sehen.
Es überrascht kaum, dass FitzGerald ihr Buch noch mit einem ebenso überraschenden wie grausamen Twist enden lässt. Ihr Roman ist manchmal geschmacklos und manchmal fein ziseliert, manchmal derb und manchmal elegant. Und er zeigt vor allem eines: Die interessantesten Bücher sind oft die, die sich eben nicht einordnen lassen wollen.
Besprochen von Irene Binal