Zum Inhalt
Zur Deutschlandradio Kultur-Startseite
 
nach oben
14.06.2013 · 14:33 Uhr
Palermo auf Sizilien (Bild: Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger) Palermo auf Sizilien (Bild: Stock.XCHNG / Günter M. Kirchweger)

Schelmische Suche nach einem Lied

Nino Vetri: "Lume Lume", edition fotoTAPETA, Berlin 2013, 120 Seiten

Die Welt verschmilzt im Lokalen: Nino Vetri beschreibt sein Multikulti-Viertel in Palermo. Sein Ich-Erzähler sucht nach dem Wortlaut eines rumänischen Liedes und beleuchtet derweil das Alltagsleben der kleinen Leute in seinem Stadtteil.

Palermo, Europa. Ein Kleine-Leute-Viertel. Hier lebt der studierte Musiker Nino Vetri. Er hat La Banda di Palermo mitgegründet, er spielt Saxophon, die Band macht das, was gute Musiker immer und überall gemacht haben: musica internazionale locale. Amalgamiert aus allen möglichen Weltklängen, in diesem Fall aus Balkanpop, Folklore, Free Jazz und polyglotter Poesie.

Eine Musik so "international lokal" wie jenes Stadtviertel. Palermo, Sizilien - fast so nah an Afrika wie der Südzipfel der iberischen Halbinsel - war immer schon Knotenpunkt von Migrationen. Phönizier, Araber, Normannen, Staufer haben ihre Spuren hinterlassen. Es gäbe Europa nicht ohne solche Symbiosen. Heute sorgt die global economy für Nachschub, aber "die Europäer" pflegen Besitzstandsängste, offen rassistisch oder getarnt hinter dem Tunnelblick auf "die armen Opfer" und die Unmenschlichkeit des Flüchtlingslebens.

Nino Vetri schreibt auch, und sein neues auf Deutsch erschienenes Buch handelt just von dieser Symbiose aus Internationalem und Lokalem: seinem Viertel. Seine Nachbarn sind Bangladeshi, Maghrebiner, Zigeuner, Kosovaren, Rumänen, mehr oder weniger fromme Muslime, Männer mit und ohne Familie, Frauen, Kinder.

Die einen halten Finger schlicht für hygienischere Esswerkzeuge als Gabeln, andere entpuppen sich als gewitzte Geostrategen und sehen den Iran und die USA als zwei Blöcke, die fundamentalistisch-religiös nach Weltherrschaft streben. Wieder andere pinkeln in den Hof, weil sie zu Fünzehnt ein Klo teilen oder vielleicht auch einfach nur durchgeknallt sind. Die muslimischen Töchter von nebenan klingeln eines Tages bei ihm und kommen nur herein, weil seine Frau und seine Töchter auch da sind: Sie führen ihre Burkas vor, stolz, sie sind jetzt "Fräuleins", am nächsten Tag gehen sie wie immer in Jeans zur Schule.

Vetri verstellt jeden Tunnelblick mit einem doppelt musikalischen Dreh: Er schickt seinen Ich-Erzähler auf die Suche nach dem Text eines rumänischen Liedes. Es heißt "Lume Lume". Keiner scheint es zu kennen, aber die Suche hält wie ein musikalisches Thema all die funkelnden kleinen Fundstücke zusammen, die "Signor Nino" stattdessen entdeckt, "nebenbei".

"Lume Lume" ist ein Schelmenroman in Splittern, prallvoll von Menschlichem aller Art wie de Quevedos "Busón", Lesages "Gil Blas", Fieldings "Tom Jones", Grimmelshausens "Simplizissimus" oder heute Dimitri Verhulsts "Problemski Hotel". Der Roman könnte auch in London spielen oder Paris, Berlin, Athen, Madrid. Er würde etwas anders riechen, schmecken, klingen, aber er wäre aus demselben Stoff: dem kleinen Alltagsleben von kleinen Leuten, die von den großen Wellen der Geschichte durch die Welt gespült werden. Traurig, rührend, saukomisch und voller irre vernünftiger Volten.

Leute. Welt. Das ist die Übersetzung von lume. Humanistisch Gebildete hören da vielleicht lumen mit, Licht. Und auch das wäre irre vernünftig. Man muss sich "Lume Lume" nur vorstellen wie ein Kaleidoskop: Auch darin sieht das ganze Bild - die Welt - immer anders aus, je nachdem, auf welche Prismen - Leute - man das Licht fallen lässt.

Besprochen von Pieke Biermann

Nino Vetri
Lume Lume

Aus dem Italienischen von Andreas Rostek
edition fotoTAPETA, Berlin, 2013
120 Seiten, 22,95 Euro


 
 

Mehr zur Sendung:

JETZT IM RADIO

Deutschlandradio Kultur

Seit 23:05 Uhr
Fazit
Nächste Sendung: 00:00 Uhr
Nachrichten

mehr

LIVE-STREAM

Deutschlandradio Kultur

Dokumente und Debatten mehr

AUDIO ON DEMAND

Beiträge zum Nachhören

für diesen Beitrag

Kritik: "Lume, Lume" von Nino Vetri

Sendezeit: 14.06.2013 14:32

PODCAST

Radio zum Mitnehmen

Podcast: Sendungen

Podcast: Themen

PLAYER / RECORDER

dradio-Recorder
im Beta-Test:

 

KOOPERATIONSPARTNER

ARD-Logo und Link  ZDF-Logo und Link  Phoenix-Logo und Link