Der japanische Bestsellerautor Haruki Murakami feiert international Erfolge. Mit "Tony Takitani" kommt nun eine seiner Erzählungen ins Kino, die parallel dazu als schmucker Band auf Deutsch erscheint. Die Hauptfigur ist ein typischer Murakami-Held, der in die Einsamkeit und ins Künstlertum hineingeboren wird.
Am 9. Juni kommt "Tony Takitani", die Verfilmung einer Erzählung des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami ins Kino. Zur Vorbereitung bringt der DuMont Literturverlag Murakamis gleichnamige Erzählung in der Übersetzung von Ursula Gräfe erstmals auf Deutsch heraus. Da es sich um eine sehr kurze Geschichte handelt, ist es nicht ganz leicht, daraus ein ganzes Buch zu machen. Die Seiten mussten dafür recht luftig bedruckt werden, und ohne einen Bildteil mit Illustrationen aus dem Film hätte es trotzdem nicht gereicht. Das Resultat kann sich aber sehen lassen: ein schmucker Band mit einer kurzen Geschichte, die im Kopf des Lesers umso weiter Raum greift.
Murakami ist ein Autor, der die phantastischen Szenerien seiner Romane gerne bis in die Details ausmalt. Das kann dazu führen, dass man als Leser kaum noch Platz findet, die eigenen Vorstellungen unterzubringen. "Tony Takitani" liest sich nun wie ein Gegenentwurf dazu, so als habe einer, der es gewohnt ist, großflächige Ölbilder auszupinseln, plötzlich zum Bleistift gegriffen und eine knappe Skizze aufs Papier geworfen. Dabei erzählt er auf wenigen Seiten eine ganze Biographie - ja, weit mehr.
Tony Takitani ist ein typischer Murakami-Held, einer, der in die Einsamkeit und ins Künstlertum hineingeboren wird. Seine Mutter starb bei der Geburt. Der Vater, ein Jazzmusiker, gab ihm den Namen Tony, weil er damals, in der Nachkriegszeit, mit einem amerikanischen Major befreundet war, der Tony hieß. Das führt dazu, dass Tony Takitani sein Leben lang für ein Mischlingskind gehalten wird und schon dadurch in der japanischen Gesellschaft in die Rolle eines Außenseiters gerät. Mit seinem Vater hat er nur wenig zu tun. In der Schule bleibt er für sich, interessiert sich vor allem fürs Zeichnen und besucht schließlich die Kunsthochschule. Aus Tony Takitani wird ein erfolgreicher Illustrator, der mit seiner Arbeit sehr viel Geld verdient.
Einsamkeit ist sein natürlicher Lebenszustand - bis er eines Tages in einem Verlag Eiko kennenlernt, eine wundervolle, elegant gekleidete junge Frau. Er verliebt sich, sie heiraten und wären womöglich glücklich bis ans Ende ihrer Tage geblieben, wenn Eiko nicht der Leidenschaft des Kleiderkaufens verfallen wäre. Wenn sie schöne Kleider entdeckt, kann sie nicht widerstehen. Sie muss sie besitzen, und bald schon ist ihr Haus eine einzige Kleiderkammer. Die Dinge entwickeln sich von diesem Punkt aus tragisch. Eiko stirbt bei einem Unfall, nachdem Tony sie gebeten hat, ihre maßlosen Einkäufe etwas einzuschränken.
Atemberaubend der Schluss der Geschichte. Tony Takitani sucht per Anzeige Ersatz für die geliebte Frau: eine, die dieselben Maße besitzt und Eikos Kleider noch einmal für ihn tragen kann. Doch kaum hat er sie gefunden, erkennt er die Sinnlosigkeit dieser verzweiflungsvollen Suche. Er verkauft alle Kleider, und kurz darauf auch die alten Schallplatten, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Der letzte Satz heißt: "Als die Schallplatten verschwunden waren, war Tony Takitani wirklich allein." Darauf läuft es bei Murakami immer wieder hinaus. Das Alleinsein ist traurig und erlösend zugleich. Aus dieser Ambivalenz schöpft Murakami seine erzählerische Kraft und seine Produktivität. Es ist kein Zufall, dass seine Helden immer wieder Künstler sind, die sich der Musik, der Literatur oder, wie Tony Takitani, der Malerei hingeben.
Bewundernswert, wie es ihm gelingt, eine Lebens- und Liebesgeschichte aus wenigen Strichen zu entwickeln. Nur wenige Szenen sind breiter ausgeführt, von hier aus erschließt sich alles andere. Murakami demonstriert, dass er nicht nur ein phantastischer, stoffmächtiger Autor ist, sondern auch die Kunst der Aussparung, des Andeutens, der Reduktion beherrscht. Das macht aus der Lektüre dieser kleinen Geschichte ein lohnendes Leseabenteuer. Mehr als fraglich, ob ein Film, der doch notwendigerweise Bilder entwerfen muss, diese reduktionistische Erzählweise erreichen kann.
Haruki Murakami: Tony Takitani. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Literaturverlag, Köln 2005, 64 Seiten, 16 Euro
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