Die katholische Kirche in Deutschland erleidet eine tief greifende Krise. Priester-, Geld- und Mitgliedermangel sind unübersehbar. In der Folge wird mit Hilfe teuer angekaufter betriebswirtschaftlicher Intelligenz der Kirchenbetrieb heruntergefahren und ökonomisiert. Reicht das? Was sind die Alternativen? Paul M. Zulehner plädiert für einen Umbau, der Kirche nicht totspart, vielmehr lebens- und zukunftsfähig macht. Sein Programm lautet: Übergang gestalten, statt Untergang verwalten!
Am Ende von Zulehners knapp 130-seitigem Buch steht eine Vision. Der renommierte Pastoraltheologe erinnert an die Geschichte der Begegnung zwischen Gott und Abraham bei den Eichen von Mamre (Gen 18,1-15). "In einem Jahr komme ich wieder zu dir", sprach Gott, "dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben." Ein stilles, ungläubiges Lächeln ist Saras Reaktion.
Wie Sara und Abraham ist die Gestalt der Kirche in unseren Breiten alt und unfruchtbar geworden. ... Könnte es aber nicht sein, dass auch Gott die alt gewordene Sara-Kirche heimsucht. Und dass, gegen alle Logik der Erfahrung, Gott der Kirche hier zu Lande junge Lebendigkeit ... verheißt?
Da mag man ebenfalls skeptisch lächeln? Zulehner ist weder Träumer noch Schwärmer. Ihm geht es um evangeliumskonforme Visionen, die leicht in Projekte transformiert werden können. Um die Kirche aus ihrer depressiven Jammerkultur herauszuführen und eine neue Aufbruchstimmung zu entfalten, bedarf es verlockender, motivierender und konkreter Visionen.
Beispiel 1: Eine Diözese entwickelt sich in den nächsten Jahren zur ersten und besten Anlaufstelle für spirituell Suchende in Deutschland. Jene, die ebendort ehren und hauptamtlich arbeiten, kennen - aus eigener Erfahrung - die spirituelle Sehnsucht der Menschen besser als alle anderen und sind in der Lage, ihnen hilfreich zu begegnen.
Beispiel 2: Eine Diözese besticht durch hoch qualifizierte Dienste bei Prozessen der Sterbebegleitung und bei Hilfen für diejenigen, die einen Angehörigen durch Tod verloren haben. Man stelle sich vor, niemand begleite und beerdige so professionell wie die Kirche: offen und kompetent im Hinblick auf die Nöte der Betroffenen, einfühlsam in die Trauer der Hinterbliebenen - voll spirituell-gläubiger Kraft.
Für derlei Visionen bedarf es entsprechender Strukturen, laut Zulehner einer neuen Kirchengestalt. Die bisher eingeschlagenen Lösungswege kirchlicher Raumpflege dienen lediglich der Altbausanierung; sie verschärfen den seelsorglichen Notstand, die Ökonomisierung und die latente Reklerikalisierung der Kirche.
Der Wiener Professor für Pastoraltheologie hingegen plädiert für eine missionarische Kirche, die Gottes zuvorkommende Gnade erfahrbar macht und Menschen dazu verhilft, in Freiheit ihre Kirchenberufung anzunehmen. Insbesondere fordert Zulehner eine neue raumgerechte Pastoral: Presbyterien lokaler Leutepriester arbeiten im überschaubaren Raum; herkömmliche ehelose Bistumspriester sind in größeren Kontexten tätig, gründen Gemeinden und arbeiten den lokalen Netzwerkkirchen zu.
Auf engem Raum skizziert Zulehner die Hauptlinien seiner ekklesiologischen Futurologie. Gedanken zur Wahrung der öffentlichen Verantwortung der Kirchen wie zu alternativen Finanzierungsmodellen runden seine Überlegungen ab. Das gut lesbare Büchlein des pastoraltheologischen "Kirchengynäkologen" gibt Laien wie Hauptamtlichen zu denken:
Könnte es also sein, dass Gott auch heute seiner Kirche schon längst genug Priesterberufungen schenkt? Wenn es dann aber in unseren Breiten faktisch zu wenige Priester gibt, könnte es dann nicht sein, dass die Kirche die durchaus vorhandenen gottgegebenen Berufungen nicht sieht, annimmt und fördert?
Paul M. Zulehner: Kirche umbauen - nicht totsparen
Schwabenverlag AG: Ostfildern 2004.
128 Seiten, 12,90 Euro
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