Der Jude Emanuel Goldfarb wird eingeladen, vor einer Schulklasse über seine jüdische Identität zu sprechen. Doch aus seinem Versuch, eine Absage zu verfassen, wird eine Reflexion über das eigene Leben und eine Abrechnung mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis. "Ein ganz gewöhnlicher Jude" von Charles Lewinsky ist seit wenigen Tagen in den deutschen Kinos zu sehen und zugleich als Hörbuch erschienen.
Am Anfang steht ein Nein, genauer: Ein Brief, eine Einladung, auf die Emanuel Goldfarb zunächst mit Ablehnung reagiert.
Nein, Ali. Ich habe keine Zeit. Ich will das nicht machen! Frag Jossi! Wir sehen uns am Freitag.
Emanuel Goldfarb ist Journalist, ein Mann des Wortes. Das werden die folgenden fast 70 Minuten immerzu bestätigen. Goldfarb ist Jude, Mitglied der jüdischen Gemeinde in Hamburg, an die sich ein Lehrer namens Gebhardt wendet. Daher das Schreiben, das Goldfarb immer noch in den Händen hält und aus dem er zitiert:
"Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nichts so anschaulich und einprägsam wirkt wie eine persönliche Begegnung, und möchte deshalb gerne einen jüdischen Mitbürger einladen, an einer Unterrichtsstunde teilzunehmen und Fragen der Schüler zu beantworten. Leider kenne ich persönlich kein Mitglied Ihrer Religionsgemeinschaft ..."
Sehen sie, Herr Gebhardt, schon deshalb möchte ich Ihre freundliche Einladung nicht annehmen. Weil mich so vorsichtige Formulierungen immer gleich so furchtbar aggressiv machen.
"Mitglied Ihrer Religionsgemeinschaft." "Jüdischer Mitbürger." - "Jude" heißt das! Ganz einfach: Jude. Sie wollen mit Ihren Schülern drüber reden, und ihre Finger weigern sich, das Wort in den Computer einzutippen. Wieso? Jude ist kein Schimpfwort. Ihre political correctness hat da keinen Platz. Jude zu sein, ist keine Behinderung, an die man nicht gern erinnert wird. Es ist ... O Gott ... Wenn ich selbst wüsste, was es eigentlich ist.
Zunächst einmal und vor allem ist der Monolog des Journalisten eine Entgegnung, nicht selten eine Abrechnung, die sich auf den Verfasser des Einladungsbriefs konzentriert. Nach und nach, Anrede um Anrede, Versuch um Versuch steigert sich Ben Becker alias Emanuel Goldfarb in Rage. Daher klingt das, was der Mittvierziger ins Diktafon spricht oder mit der Schreibmaschine tippt, mitunter zu klar formuliert, ja beneidenswert druckreif - und als spontane Reaktion nicht immer ganz glaubhaft.
Ein gewöhnlicher Jude in Deutschland - das ist wie ein ganz gewöhnliches Spitzmaulnashorn in Afrika. Ein Widerspruch in sich. Wir sind zu selten geworden, wir Nashörner. Man hat uns zu lange gejagt und abgeschossen. Wir sind ein Fall für die Tierschützer geworden. Für Greenpeace und den Verein für christlich-jüdische Zusammenarbeit. Nashörner guckt man sich im Zoo an; Juden lädt man sich in den Unterricht ein.
Mit seinem ebenso einfühlsamen wie eindringlichen Porträt eines Mannes, der jeglichen Exotenstatus ablehnt und gerne ein ganz gewöhnlicher Jude, ja ein ganz gewöhnlicher Deutscher sein möchte, lässt der Schweizer Autor die Hörer teilhaben an einer monologischen Selbstvergewisserung. Bei der kommen sowohl persönliche Erfahrungen als auch historische, politische und soziale Umstände zu Wort und fließen ineinander.
Unruhig, stets unter Strom durchschreitet Emanuel Goldfarb seine Wohnung und spricht immerzu auf Gebhardt ein. Mal steht er vor der Kaffeemaschine seiner Eltern - die war seinerzeit hochmodern -, mal sitzt er auf dem Bett vor den Fotos seiner Angehörigen. Die wurden ermordet in Auschwitz und Theresienstadt, sind ausgewandert nach Caracas oder verschollen.
Aber ich kann auch nicht immer einen Bogen um das Thema machen. Das verkrümmt auf die Dauer den Rücken. Mal muss man auch im Haus des Henkers vom Strick reden. Und es ist nun mal so, dass die Leute auf meinen Familienfotos auf ganz andere Weise tot sind als die Leute auf Ihren. Umgebracht ist nun mal nicht dasselbe wie gestorben. Ermordet nicht dasselbe wie gefallen. Vergasung ist nicht dasselbe wie Lungenentzündung. Ich kann's nicht ändern. Wir haben die gleiche Geschichte, aber nicht die gleichen Geschichten, Sie und ich. Obwohl es alles deutsche Geschichten sind.
Was mit Ärger über Formulierungen im Einladungsbrief beginnt, führt über Gedanken zur Sonderbehandlung heutiger Juden in Deutschland hin zur Abrechnung mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis und mit der aktuellen Politik der israelischen Regierung. En passant kommt Goldfarbs Leben als Einzelkind jüdischer Eltern ebenso in den Blick wie etwa dessen gescheiterte Beziehung.
Hanna heißt Goldfarbs Frau. Sie studierte Maschinenbau und war "nicht katholischer" als er jüdisch war. In den Tagen vor Weihnachten, so sein Beispiel, hatte sie einen Adventskranz und er einen Chanukka-Leuchter. Kerzen sind Kerzen, so die pragmatische Perspektive. Gemeinsam feiern beide Weihnukka - und amüsieren sich darüber. So weit, so gut.
Ich konnte eine Frau heiraten, die keine Jüdin war. Kein Problem. Ich konnte alles ablegen, was ich an Formen und Äußerlichkeiten mitbekommen hatte. Kein Problem. Aber dann war da plötzlich ein Kind, und es war ein Sohn, mein Sohn, und er war nicht beschnitten.
Ben Becker, daselbst Jude, weil Sohn einer jüdischen Mutter, gilt im Kino bislang als Vorzeige-Germane. Von daher ist Regisseur Oliver Hirschbiegel zu diesem Besetzungscoup nur zu gratulieren, vor allem weil Ben Becker ein großes, will sagen, langes und in weiten Teilen großartiges Solo gelungen ist, das dank der Präsenz des Schauspielers und der thematischen Vielfalt durchaus zu fesseln weiß.
Dennoch gibt es Kritiker, die befürchten, dass Lewinskys Stoff in Schulen zum Einsatz kommt. Warum nicht?, möchte man dem entgegnen - und auf Lehrkräfte hoffen, die in der Lage sind, mit Hilfe der CD mehr Problembewusstsein zu initiieren und dadurch vielleicht ein Stückchen Mehr an Normalität zu bewirken - freilich ohne in die Spielart des von Goldfarb gescholtenen Philosemitismus abzugleiten, der eine besonders hinterhältige Form des Antisemitismus darstellt.
Charles Lewinsky: Ein ganz gewöhnlicher Jude
Mit Ben Becker (Sprecher)
Hörbuch-CD, 69 Minuten
Booklet, 8 Seiten
Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2006
14,95 EUR
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